Bad Kissingen
Natur

Wo die Natur im Landkreis Bad Kissingen steinreich ist

Eidechsen, Schlangen und viele Pflanzen lieben warme, steinige Plätze. Von Menschenhand geschaffene Leseriegel haben deshalb große ökologische Bedeutung.
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Steinriegel sind Relikte des historischen Weinbaus. Heute genießen sie bei Naturschützern einen guten Ruf als wertvoller Lebensraum für wärmeliebende Tiere und Pflanzen. Heike Beudert
Steinriegel sind Relikte des historischen Weinbaus. Heute genießen sie bei Naturschützern einen guten Ruf als wertvoller Lebensraum für wärmeliebende Tiere und Pflanzen. Heike Beudert
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Wer in den Münnerstädter Hanglagen etwas abseits der Wander- oder Feldwege spaziert, dem begegnen mitunter geheimnisvoll anmutende Steinhügel. Fast sehen sie wie überdimensionierte Grabhügel aus. Tatsächlich sind diese Steinwälle keine Laune der Natur, sondern von Menschenhand geschaffen. Es sind sogenannte Leseriegel. Generationen von Bauern haben sie wachsen lassen. Überall dort, wo im Landkreis Weinbau betrieben wird oder einst wurde, sind solche Steinraine zu finden. Der Weinbau ist in Münnerstadt längst vorbei, die Leseriegel haben ihn jedoch überdauert. Heute haben sie vor allem eine herausragende Bedeutung für den Naturschutz.

Im Münnerstädter Maital fallen diese Steinriegel deshalb besonders auf, weil der Landschaftspflegeverband dort in den vergangenen Jahren kontinuierlich Pflegearbeiten durchgeführt hat. Viele Jahrzehnte waren sie stark überwuchert. In der jetzt wieder fast parkartig offenen Landschaft treten diese von Hecken befreiten Steinwälle nun wieder deutlich hervor.

Die Pflege der Hänge hält Dieter Petsch, Biolandwirt, Stadtrat und Vorsitzender der Jagdgenossenschaft in Münnerstadt, "für eine gute Geschichte". Für ihn sind diese Leseriegel auch ein uraltes Kulturgut. Am Landratsamt wird das ebenso gesehen: "Sie haben eine hohe kulturhistorische Bedeutung", heißt es auf Anfrage .

Überall, wo es in der Region karge Muschelkalkhänge gibt, finden sich solche Leseriegel, weiß Dieter Petsch. Diese sind eng verbunden mit der Weinbautradition im Landkreis. Entsprechend alt sind diese künstlichen Steinhalden. "Jahrhunderte alt", so die Information aus dem Landratsamt Bad Kissingen. Dieter Petsch erinnert daran, dass der Weinbau in Münnerstadt schon um 770 urkundlich belegt ist. Mit der Urbarmachung der Hänge begann vermutlich die Tradition des Steinlesens. Durchaus möglich, meint er, dass mancher dieser Wälle schon seit 1000 Jahren das Gelände prägt. Als der Wein in Münnerstadt im 19. Jahrhundert verschwand, blieben die Leseriegel. Nach den Rebstöcken folgten im Münnerstädter Maital die Obstbäume. Und das Steinelesen war auch im Obstanbau nötig.

Aufgehäuft wurden die Steine häufig dort, wo ohnehin natürliche Felsbänder verliefen und kaum Erde den Felsen bedeckte, erklärt Petsch. Mit dem Ablesen ihrer Anbauflächen sorgten die Bauern dafür, dass die Hänge steinfreier wurden, aber sie regelten damit auch das Klima. Mit Querriegeln habe man beispielsweise den Kaltluftabfluss versucht zu stoppen, erklärt Dieter Petsch.

Heute schätzt man den ökologischen Wert dieser Steinhügel. "Sie haben eine hohe naturschutzfachliche Bedeutung", so die Auskunft aus dem Landratsamt. Krabbeltiere aller Art, Schlangen, Eidechsen, Blindschleichen sowie seltene Pflanzen und Flechten finden in den Steinriegeln der Sonnenhänge einen idealen Lebensraum.

Es sind vor allem die Wärme liebenden Tiere und Pflanzen, die sich hier wohlfühlen, betont Hellmut Petsch, der sich seit vielen Jahren im Bund Naturschutz engagiert. Die Bedeutung solcher Steinriegel für die Natur ist sogar so groß, dass in Münnerstadt auf Ausgleichsflächen oberhalb des Lauertals, die im Zuge des Autobahnbaus ausgewiesen wurden, völlig neue Steinriegel angelegt wurden, erklärt der Naturschützer. Hellmut Petsch erinnert sich, dass er selbst als Kind und Jugendlicher in der elterlichen Landwirtschaft auf besonders steinreichen Äckern Steine gesammelt hat. Für ihn war es eine Arbeit, die ihn nicht störte. Er sei wohl schon immer sehr naturverbunden gewesen, erklärt Hellmut Petsch.

Die Hänge über dem Münnerstädter Maital sind heute dank ihrer Artenvielfalt als Biotop kartiert, erläutert Dieter Petsch. Das Landschaftsbild mit seinem Heidecharakter soll erhalten werden. Deshalb werden nun auch die Hecken zurückgenommen bzw. verjüngt, um eine Verbuschung zu verhindern. Dies geschieht durch den Landschaftspflegeverband oder durch extensive Schafbeweidung im Frühjahr und Herbst.

Der Biotopcharakter führt dazu, dass ausgerechnet der Weinbau, der die für den Naturschutz bedeutsamen Leseriegel hervorgebracht hat, heute in der Biotop-Landschaft des Maitals so gut wie nicht mehr möglich ist. Dieter Petsch hat in diesen Hanglagen Grundstücke und hätte darauf vor einigen Jahren gerne neue Rebstöcke gepflanzt. Nur auf einer kleinen Fläche, die noch nah der Ortsbebauung liegt, wurde ihm das erlaubt. Er bedauert das zwar ein bisschen, weiß aber mittlerweile, dass Weinbau im Maital ohnehin sehr schwierig wäre, zu verlockend sind die jungen Reben dort für die vielen Kaninchen. Für Dieter Petsch bleiben diese Hänge ein "hochinteressantes Gebiet" aus ökologischer Sicht, aber vor allem auch aus kulturhistorischer Sicht. Wanderer schätzen diese Kombination ebenfalls. Die Hochrhöner-Extratour "Michelsberg" streift diese jahrhundertealte Kulturlandschaft.

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