Bad Kissingen
Erlebnis

Wo die Jungfrauen als Irrlichter tanzen

Ein Wochenende mit Dampferle und einem Ausflug ins Schwarze Moor . So schön kann die Rhön sein.
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Josie Schuhmacher blickt vom Bohlenweg aus in das Schwarze Moor. Anja Vorndran
Josie Schuhmacher blickt vom Bohlenweg aus in das Schwarze Moor. Anja Vorndran
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O schaurig ist's übers Moor zu gehn... Von wegen! An diesem Tag mag sich das Gedicht von Annette von Droste-Hülshoff einfach nicht im Kopf festsetzen. Zu schön scheint die Sonne, zu satt leuchtet das Grün, zu blau schimmert der Himmel über dem Schwarzen Moor in Fladungen. Darüber freuen sich ganz besonders Michael und Josie Schuhmacher aus Solingen, Nordrhein-Westfalen. Sie haben sich ein verlängertes Wochenende ausgesucht, um in die Rhön zu fahren. Übernachtet wird in Bad Kissingen, von hier aus, lautet der Tipp ihrer Wirtin Anna Krug, würden sich herrliche Touren unternehmen lassen. Also, auf nach Fladungen, ins schwarze Moor. Immerhin gilt die Fahrt auf der Hochrhönstraße als fast so legendär wie die alte Route 66 in den USA.

Na ja, nicht ganz vielleicht, aber Michael Schuhmacher schraubt an alten Autos, besonders an amerikanischen Oldtimern, und da liegt der Vergleich einfach nahe. Über einen Kumpel, der mehrfach zum Harley-Treffen auf der Wasserkuppe in die Rhön kam, kam die Lust auf die Rhön. "Wir hatten schon länger vor, einmal hierher zu fahren", sagt Josie Schuhmacher bei einer Limonade auf einer der Bierbänke vor dem Kiosk am Schwarzen Moor.

Jetzt hat es endlich geklappt. Am ersten Urlaubstag standen ein Stadtrundgang in Bad Kissingen und eine Fahrt mit dem Dampferle vom Gradierwerk zurück an die Anlegestelle im Rosengarten auf dem Programm. Am Gradierwerk sei es "wunderbar kühl" gewesen, schwärmt Josie Schuhmacher. Über dem Moor wechselt der Himmel in wenigen Stunden von blau zu ein wenig bedeckt, genau richtig, um eine Runde über den Bohlensteg zu drehen. Er ist auch mit Kinderwagen und Rollstuhl befahrbar, die Runde ist rund 2,5 Kilometer lang und mit Lehrtafeln, die Wissen rund um das Hochmoor vermitteln ausgestattet.

Als das Moor entstand, war es richtig kalt, denn die letzte Eiszeit vor 12 000 Jahren stand an. Zum Vergleich: Heute sind etwa zehn Prozent der Erdoberfläche noch von Eis bedeckt, damals waren es 32 Prozent. Das Schwarze Moor gilt als eines der bedeutendsten Hochmoore in Mitteleuropa, ist Teil der Kernzonen im UNESCO-Biosphärenreservat Rhön und Bestandteil des europaweiten Schutzgebietes NATURA 2000. Seltene Tierarten finden sich genauso wie zahlreiche seltene Pflanzen, kein Wunder, dass die beiden ihre Handys zücken und vom Bohlenweg aus die blühenden Blumen auf den verlandeten Rhönwiesen fotografieren.

Sagenhafter Blick

Die lila angehauchte Ackerwitwenblume erkennt Josie Schuhmacher genauso wie den Schlangenknöterich - er sieht ein bisschen aus, wie eine Zahnbürste, nur komplett rund, die Wiesenmargeriten und den Sauerampfer kennt sowieso jedes Kind. Unbekannte Blüten schickt Josie Schuhmacher, die mit ihren drei Kindern gerne in der Natur unterwegs ist, per Foto sofort an ihre Mutter, "sie kennt sich super aus." Zudem helfen die Informationstafeln am Bohlenweg und auf dem 15 Meter hohen Turm, von dem aus man einen weiten Blick auf Moor und Rhön genießt, weiter: Rauschbeere, gewöhnliche Moosbeere, Krähenbeere, Sumpf-Blutauge oder die Rosmarinheide sind ebenso im Schwarzen Moor zu finden wie eine Insektivorenart.

Letztere zählt zu den Insektenfangenden Pflanzen, der Rundblättrige Sonnentau - auch Himmelstau genannt - lockt Fliegen und weitere kleine Insekten mit seiner an Tautropfen erinnernden Klebeflüssigkeit an, sie glitzert so herrlich in der Sonne, da kann kaum eine Fliege widerstehen. Kaum nimmt sie auf dem stecknadelgroßen Leimtentakeln Platz, ist ihr Ende besiegelt: Sie schafft es nicht mehr sich vom Fangschleim zu lösen und wird langsam von der Pflanze verdaut. Zu den Gästen im Moor zählt auch Sphagnum magellanicum, Scheiden-Wollgras oder der Rote Fingerhut, den es auch in einer weißen Variante gibt. Tiere tummeln sich ebenfalls im Moor - doch an diesem sonnigen Tag ließen sich weder Kreuzotter, Mooreidechse, Ringelnatter, noch Birkhuhn blicken. Sie ziehen dann doch lieber die Tiefen des Dickichts vor, weit ab von den Menschen.

Sagen rund ums Moor

Ab und an platscht und blubbert es ein kleines bisschen in den verbliebenen Wasseradern oder an den Mooraugen. Der Sage nach könnte das ein Hinweis darauf sein, dass weit unten im Moor reuevolle Sünder die Kirche besuchen und um Erlösung beten. Einst soll ein ganzes Dorf, ein sündhaftes natürlich, im Moor versunken sein. Lediglich drei Jungfrauen war es gestattet ab und an am Kirchweihtanz in Wüstensachsen teilzunehmen. Heute schweben die Moorjungfern nur noch als Irrlichter zu nächtlicher Stunde über das Gelände. "Schöne Geschichte", urteilen die beiden, wollen aber bei ihrem nächsten Besuch in der Rhön eher an einer Sternwanderung teilnehmen, als nachts ins Moor zu gehen.

Und, "beim nächsten Besuch in der Rhön", verspricht Michael Schuhmacher, "erklimmen wir den Kreuzberg". Nach dem Rundgang mit bunten Blumen, schwarzem Gewässer, Blicken in das grüne Gelände, jeder Menge Information, Kaffee, Limonade, Bratwurst und Bauernhofeis wundert man sich doch ein wenig: Irgendwo muss doch ein Baum sein, in dessen Rinde ein Schlitz für die Kreditkarte geritzt ist und der sich als getürkter Bankautomat entpuppt. So viel Schönes im Schwarzen Moor zu sehen kostet nichts. Unglaublich!

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