Bad Kissingen
Interview

"Wir sind viele"

Die Kindheit von Hedwig Herrath Beckmann war geprägt von seelischem und sexuellem Missbrauch. Darüber hat sie ein Buch geschrieben.
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Hedwig Herrath Beckmann Foto: Horst Storker
Hedwig Herrath Beckmann Foto: Horst Storker
Hedwig Herrath Beckmann (72) wurde in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges geboren. Ihr Leben als Kind und Jugendliche war geprägt von seelischem und sexuellem Missbrauch, vor allem im Heim durch katholische Nonnen des Ordens der göttlichen Vorsehung. Sie schrieb darüber ein Buch, "Hilifi - Gottes vermaledeite Brut".
Was ihr dann widerfuhr, ist selten: Ein Bischof bezeichnete das Buch als bleibendes Mahnmal einer gequälten Kindheit. Bischof Felix Glenn aus dem Bistum Münster entschuldigte sich bei ihr. Am Donnerstag, 27. Juli, liest sie um 19.30 Uhr im Salon des Hauses 1 in der Deegenbergklinik in Bad Kissingen aus ihrem Buch.

Jeder konnte es jetzt in der jüngsten Zeit sehen: Die Männer, die als Regensburger Domspatzen missbraucht wurden und an die Öffentlichkeit gingen, sehnten sich vor allem nach einer Entschuldigung. Warum ist die so wichtig für Opfer?
Hedwig Herrath Beckmann: Sie ist immens wichtig, weil Opfer das ganze Leben lang davon ausgehen, ihnen glaube sowieso niemand. Und wer sich mit dem Missbrauch auseinandersetzt, der will das dann auch wissen, der will die Konfrontation, der will dafür auch kämpfen. Ich glaube, nur die, die das tun, meistern ihr Leben - viele andere scheitern, sie nehmen Alkohol oder andere Drogen oder entwickeln sich selbst zum Tyrannen. Wir sind viele: So wie ich damals von der Fürsorge meiner alleinerziehenden Mutter entrissen wurde, so ging es damals 800 000 anderen Kindern auch.

Aber dass die katholische Kirche sich so explizit vor ein Opfer stellt, ist selten.
Das stimmt. Selbst Papst Franziskus hat sich bei mir entschuldigt. Er lud mich nach Rom ein, sogar meine Reise dorthin wurde bezahlt. Und von der Kanzel hat er auch gepredigt, um was ich ihn gebeten habe.
Um was denn?
Ich bat ihn, von jeder Kanzel predigen zu lassen, zu sagen, dass der Missbrauch von Kindern eine schwere Sünde ist - und dass er das Leben der Kinder zerstört.

Haben Sie sonst noch etwas von der Kirche erhalten?
Ja. 7000 Euro. Die habe ich einem gemeinnützigen Zweck gespendet.

Sie haben sehr lange für Ihr Buch gebraucht.
42 Jahre. Ich musste es immer wieder weglegen. Auch die Therapie hat ja lange gedauert. Mitte 20 konnte ich nichts mehr essen, ein Arzt kam dahinter, dass es die Psyche war, die sich meldete. Denn ich hatte das Geschehen verdrängt, so dass ich davon sehr krank wurde. Dann machte ich zweimal eine längere Therapie. Ich bin gefestigt wie kaum einer. Bis dahin, als ich drei Kinder aus Nonnen-Heimen befreit habe, ein weiteres Mädchen, das in seiner Familie missbraucht wurde - und dann komme ich mit meiner Tochter auf fünf Kinder. Die habe ich großgezogen, sie studieren und lernen lassen und ihnen die Welt gezeigt.
Ist es richtig, dass Ihr Buch verfilmt werden soll?
Das stimmt. Es werden gerade Gespräche geführt, der Drehbuchautor ist sehr prominent - ich freue mich darüber sehr. Denn das Thema muss laut behandelt werden, es muss so selbstverständlich werden, dass man sich darüber aggressionsfrei und ohne Scheu beim Kaffeetrinken unterhalten kann. Damit jeder wachsam wird und eingreift, wenn er etwas bemerkt, oder wenn ein Kind sich plötzlich sehr verändert. Ich weiß, wie sehr ein Kind darunter leiden kann. Deshalb habe ich mein ganzes Leben aufgeschrieben.

Und was heißt eigentlich Hilifi?
Einer der kleinen Jungs wurde im Kloster entsetzlich gequält. Ich sah, wie er an den Ohren über den Hof geschleppt wurde. Als er wieder zurückkam, versteckte er sich schweigend in einer Ecke des Zimmers. Er hatte nur eine Schiefertafel bei sich. Auf der versuchte er mit zitternden Händen "Hilfe" zu schreiben. Vor lauter Angst wischte er es sofort wieder weg. Und schrieb sofort wieder "Hilifi" hin.

Das Buch Hedwig Herrath Beckmann, "Hilifi - Gottes vermaledeite Brut", ISBN-10:3850409716.
Internet: Hedwig-Herrath-Beckmann.com
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