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Bad Kissingen
Strassenverkehr

Wie nötig sind Promille-Grenzen für Radfahrer?

Wer mit 1,6 Promille auf dem Drahtesel unterwegs ist, gefährdet vor allem sich. Deshalb soll diese veraltete Grenze nach Ansicht der Fachleute nach unten korrigiert selbst werden. Im Raum Bad Kissingen hält sich die Zahl der Erwischten aber in engen Grenzen.
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Geht es nach den Fachleuten, wird die 1,6-Promille-Grenze für Radler gesenkt.  Foto: dpa/Archiv
Geht es nach den Fachleuten, wird die 1,6-Promille-Grenze für Radler gesenkt. Foto: dpa/Archiv
Jürgen A. ist gut drauf, als er sich auf sein Rad schwingt. Zusammen mit einigen Kumpels hat der 80-Kilo-Mann in den vergangenen drei Stunden sechs "Halbe" getrunken. Da ist es schon eine sportliche Leistung, dass er noch halbwegs gerade radeln kann: A. hat gut 1,6 Promille "intus" und kann nur hoffen, dass er keiner Polizeistreife in die Hände gerät. Denn wer mit so viel Blutalkohol fährt, begeht eine Straftat.
Und seinen Führerschein ist er auch noch für längere Zeit los.

Geht es nach den Fachleuten, wird diese Promille-Grenze für Radler deutlich abgesenkt. Zuletzt haben sich die Innenminister von Bund und Ländern dafür ausgesprochen. Sie begründeten das mit der Besorgnis erregenden Zahl von Unfällen mit betrunkenen Radfahrern. Wo künftig das Limit liegen soll, ließen sie offen. Dieser Vorstoß stößt nicht auf Widerspruch.

Drei Fälle im Vorjahr

Das Limit von 1,6 Promille hält Hauptkommissar Elmar Hofmann ("meine persönliche Meinung") für zu hoch. Es sollte "nach unten korrigiert werden", sagt der amtierende Bad Kissinger Dienststellenleiter. Denn "da muss man schon sehr viel trinken". Bei Ausfallerscheinungen wie Fahren in Schlangenlinien oder Stürzen macht man sich auch schon mit deutlich weniger Alkohol im Blut strafbar. Hofmann wunderte sich, wie jemand mit sieben oder neun Bier noch radeln kann.

Solche Fälle gibt es, wie Hofmann aus seiner Zeit in Hammelburg weiß. Im vergangenen Jahr wurde einer gleich zwei Mal erwischt und ein anderer einmal. Auch in Bad Kissingen, so Hauptkommissar Alfons Manger, wurden drei betrunkene Radler aus dem Verkehr gezogen; darunter eine Frau. Immerhin habe es keinen Radler-Unfall unter Alkoholeinfluss gegeben.

Mit 2,8 Promille erwischt

70 bis 90 Delinquenten, die mit 1,6 Promille oder mehr Alkohol im Blut erwischt worden sind, müssen sich pro Jahr einer Medizinisch-technischen Untersuchung (MPU; "Idiotentest") unterziehen, sagte Franz-Josef Schäfer, Leiter der Straßenverkehrsbehörde im Landratsamt. Darunter seien auch Radler. Einer war sehr trinkfest; der hatte 2,8 Promille. In der Praxis sieht das so aus: Wird ein volltrunkener Radler, der nicht auffällig war, von der Polizei gestoppt, leitet die ein Verfahren ein und legt die Sache der Staatsanwaltschaft vor. Die erlässt in der Regel einen Strafbefehl, entzieht aber den Führerschein nicht.

Die Straßenverkehrsbehörde wird darüber informiert. Sie fordert den Promille-Fahrer auf, eine MPU zu machen. Bei einer Weigerung geht die Behörde davon aus, dass der Radler ein (Alkohol-)Problem verheimlichen will. Sie hat damit einen Grund, eine MPU anzuordnen.

"Ich würde mich mit 1,6 Promille auf dem Rad nicht mehr sicher fühlen", sagt Matthias Göbhardt, der Chef des Bad Kissinger Amtsgerichts. Zumal dann die Wirkung der frischen Luft noch stärker wirke als etwa in einem Auto. Außerdem werde die Gefahr der Selbstschädigung von vielen völlig verkannt. Deshalb sollte eine "maßvolle Absenkung" dieser Grenze ins Auge gefasst werden.

Bald wie bei den Autofahrern?

"Mit 1,6 Promille auf dem Fahrrad - das geht nicht." Auf diese griffige Formel hat die Deutsche Verkehrswacht das Problem gebracht. Bei ihrer Jahreshauptversammlung hat sie gefordert, dass für Radler künftig der selbe Grenzwert der absoluten Fahruntüchtigkeit gelten solle wie für Pkw-Lenker: 1,1 Promille.

In trügerischer Sicherheit wiegt sich, wer einem "Promille-Rechner" im Internet das Vertrauen schenkt. Denn deren Ergebnisse sind mit großer Vorsicht zu genießen.

Rechtslage Wer im Verkehr ein Fahrzeug (auch Fahrrad) führt, obwohl er infolge des Genusses alkoholischer Getränke (...) nicht in der Lage ist, es sicher zu führen, muss mit Haft bis zu einem Jahr oder Geldstrafe rechnen. So steht es im Gesetz. Radler sind nach herrschender Meinung ab 1,6 Promille absolut fahruntüchtig, auch wenn sie keine Fahrfehler machen. Bei Auffälligkeiten (wie Schlangenlinien) greift das Verbot deutlich früher. Relative Fahruntüchtigkeit kommt ab 0,3 Promille in Betracht.

Annahme
Bei 1,6 Promille wird als beweissicher unterstellt, dass Radler nicht in der Lage sind, ihr Fahrrad sicher im Straßenverkehr zu führen.

Gutachten Ab 1,6 Promille kann die Straßenverkehrsbehörde die Fahrerlaubnis entziehen und zur Wiedererlangung einen "Idioten-Test" (Medizisch-psychologische Untersuchung, MPU) verlangen, da es Zweifel an der charakterlichen Eignung zur Führung eines Kfz gebe. Das ist derzeit ständige Rechtsprechung.

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