Bad Kissingen

Wer hat ausgeteilt?

Wegen einer Prügelei nach einem Rock-Konzert steht ein 38-Jähriger vor Gericht. Eines der Opfer spricht von "Trommelwirbel"-Schlägen auf seinem Kopf, das andere Opfer musste genäht werden. Was war los in dieser Nacht im März in Münnerstadt?
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Wer hat von wem etwas abbekommen in dieser Nacht nach dem Konzert in Münnerstadt? Noch vor Weihnachten will das Amtsgericht diese Fragen beim nächsten Prozesstag klären. Foto: Symbolbild: K. Hildenbrand/dpa
Wer hat von wem etwas abbekommen in dieser Nacht nach dem Konzert in Münnerstadt? Noch vor Weihnachten will das Amtsgericht diese Fragen beim nächsten Prozesstag klären. Foto: Symbolbild: K. Hildenbrand/dpa

Während die Songs der Band aus den Boxen hämmerten, ging der ein oder andere Whiskey über die Theke, zum Runterspülen ein paar Bierchen. Feierlaune - die meisten, die heute vor der Richterin sitzen, hatten an diesem Abend getankt. So ganz genau, kann sich keiner mehr erinnern. Ein Dreiviertel Jahr ist es her, dass die Fäuste flogen. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, dass er ordentlich ausgeteilt hat als das Konzert vorbei war. Einer der Männer in dem Tumult vor der Tür musste im Krankenhaus genäht werden. Die Aussagen widersprechen sich. Um mehr Klarheit zu schaffen, will die Verteidigung hören, was zwei andere Zeuginnen zu sagen haben, die am ersten Prozesstag nicht aufgetaucht waren. Was war der Grund für das Handgemenge?

"Das haben Sie bei der Polizei damals nicht gesagt", meinte die Richterin am Kissinger Amtsgericht, nachdem der Angeklagte erzählt hatte, wie er den Ausgang des Abends erlebt hatte. Die Band hatte ihr Publikum nach einigen Zugaben in eine kalte Nacht entlassen. Die Temperaturen sanken auf knapp unter Null Grad. Es war nach Mitternacht. Eine letzte Zigarette bevor das Taxi die Feiernden ein gutes Stück näher an ihr Bett bringt. Auch der Angeklagte hatte mit Frau und Kumpels auf den Fahr-Sevice gewartet. "Ich weiß nicht, ob ich ihn im Handgemenge nicht auch im Gesicht getroffen habe - aber nicht mit der Faust", sagte er. Vorher soll es eine Schubserei gegeben haben, weil der eine den anderen im Vorübergehen angerempelt hatte. Das ist zumindest für den 38-Jährigen, der wegen gefährlicher Körperverletzung auf der Anklagebank sitzt, der Auslöser gewesen. Das Opfer, das er an der Unterlippe erwischt haben soll, sieht das etwas anders.

War dummer Spruch Auslöser?

"Wir haben ein bisschen Blödsinn gemacht - mit guter Laune - dumm rumgelabert", sagte der 32-jährige Handwerker. Später in dieser Nacht sollte er im Gesicht mit zwei Stichen genäht werden. "Das war ein Spruch, über den hätte jeder gelacht - außer er." Unvermittelt habe ihm der Angeklagte eine verpasst, beschreibt er. "Ich hab noch nicht richtig ausgesprochen, da hat er mir eine gegongt." Auch sein Kumpel, mit dem er sich vorher die Band angeguckt hatte, habe etwas abbekommen.

"Das war wie ein Trommelwirbel auf meinem Kopf. Mir fehlen fünf Minuten." Mit seinen Händen hatte er sich versucht zu schützen. Das Klinikum wird ihm später eine Schädelprellung attestieren. Er wollte seinem Freund helfen, dazwischen gehen. Bevor er die Männer auseinanderbringen konnte, habe er schon Schläge abbekommen. Wie viele? Von wem? Das wisse er nicht, antwortet er der Richterin. "Ich kann es nicht sagen. Ich habe gehört es waren mehrere."

Der Angeklagte sitzt aufrecht neben seiner Verteidigerin. Er stützt sich mit den Unterarmen auf den Tisch vor sich, blickt in die Mitte zum Platz des Zeugen: "Ich bin von dir geschlagen worden!" Der reagierte so: "Von mir? Ich habe mich geduckt."

Auftritt sorgt für Diskussionen

Im Vorfeld hatte die Veranstaltung in der Münnerstädter Mehrzweckhalle für Aufruhr gesorgt. Der geplante Auftritt der Deutsch-Rock-Band hatte Wirbel ausgelöst. In den Medien, im Netz, in der Region diskutierten die Menschen über den rechten Hintergrund, der den Männern aus Südtirol nachgesagt wird. Die Truppe ist umstritten. Mancher verbucht sie in einer Grauzone, weil eines der Mitglieder eine musikalische Vergangenheit in einer rechtsradikalen Band haben soll.

Ein anderer Beteiligter des Klinschs hatte nicht wie der angeklagte 38-Jährige Einspruch gegen den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft eingelegt. Der sei ohnehin schon niedrig angesetzt, meinte die Richterin. "Dafür gibt´s in der Regel keine Geldstrafe." Als Zeuge sagte der Mann er in diesem Prozess, er habe viel getrunken und wisse nichts mehr. Er hatte seine Geldstrafe akzeptiert, weil er "Angst hatte, dass ich noch mehr zahlen muss".

Außer den beiden Opfern vernahm das Gericht sieben weitere Zeugen, die Licht in das unklare Ende dieses Abends bringen sollten. Unbeteiligte Beobachter, Kumpels aus diesem und Freunde aus dem anderen Lager. Auf zwei Frauen, die nicht aufgetaucht waren, will die Verteidigerin nicht verzichten. Außerdem soll noch ein weiterer Polizist her, der bei der Vernehmung dabei war und dem Gericht mehr helfen kann, wenn in eineinhalb Wochen weiterverhandelt wird.

Dazu Klage auf Schmerzensgeld?

Der Handwerker mit der Platzwunde an der Lippe überlegt derweil, auch zivilrechtlich gegen den angeklagten Mann vorzugehen und Schmerzensgeld einzuklagen: "Ich glaube nicht, dass das einer ist, der daraus lernt."



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