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Bad Kissingen
Heimatgeschichte

Wer gesund sein will, muss "zandern"

Schon im 19. Jahrhundert gab es in Bad Kissingen ein Fitnessstudio. Es hieß nur nicht so. Adolph Gramcko hatte schon 1881 die Idee, in einem "Institut für medico-mechanische Anwendungen" an Spezialgeräten gesundheitsfördernde Gymnastik zu betreiben.
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So sah ein Fitness-Studio in Bad Kissingen um 1890 aus. Foto: Archiv Gerhard Wulz
So sah ein Fitness-Studio in Bad Kissingen um 1890 aus. Foto: Archiv Gerhard Wulz
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Rund sieben Millionen Menschen tun es, mehr oder weniger regelmäßig. Abspecken, Muskeln aufbauen, Herz- und Kreislauf trainieren. Fitness ist in, und der Fachhandel hilft kräftig mit, bietet eine Vielzahl von Geräten für Zuhause oder für und in Fitnesscentern. Es gibt Heimtrainer, Ergometer, Crosstrainer, Laufbänke, Hantelbänke, Stepper, Vibrationsplatte und wie sie alle heißen. Alles neu? Von wegen.
Alles schon einmal da gewesen.
Die große Gesundheitswel le der Neuzeit legt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts los mit häufigen Badekuren, Kaltwasseranwendungen (Prießnitz), Turnvereinen (Jahn), Diät-Müslireformen (Schroth, Bircher-Benner), der Lebens-reform-Bewegung bis hin zur Wandervogel-Schwärmerei. Unterstützt wurde diese Bewegung von Erfindungen, wie sie vor allem der schwedische Arzt Dr. Gustav Zander (1835-1920) mit seiner "medico-mechanischen Therapie" entwickelte.

Die Maschinen übernahmen

Zander entwarf Apparate, die durch mechanische Einwirkung den Kranken helfen sollten, Organe, Muskeln und Gelenke zu stärken und damit zur Gesundheit beizutragen. Genau genommen übertrug man manuelle heilgymnastische Übungen auf Maschinen. Bereits im Jahr 1868 gründete Zander sein erstes Institut für aktive und passive Bewegungen, mechanische Einwirkungen (Massagen) sowie orthopädische Lagerungs- und Redressierungsapparate, um damals körperliche Deformierungen zu korrigieren. Besonders interessant ist Zanders Apparat "F2", auch "Trab-Apparat" genannt, der mit Erschütterungen im Reitsitz und mit 180 Schwingungen pro Minute für eine Anregung des Verdauungssystems sorgen sollte.
Bis zum Jahr 1905 umfassten Zanders Entwicklungen 76 Apparate. Vor dem 1. Weltkrieg gab es in Deutschland 74 Zander-Institute, die von etwa 100 000 Patienten aufgesucht wurden. Sogar auf Luxus-Kreuzfahrtschiffen standen seine Geräte als ganz besondere Freizeitangebote. Heutige Geräte werden von Benutzern bewegt, Zanders Geräte hatten teilweise einen Antrieb über Elektro- oder Gasmotoren und Transmissionsriemen.

Planungen und Einrichtungen

Um 1881 hat Adolph Gramcko sen. in Bad Kissingen ein kleineres Institut zur Heilgymnastik betrieben und wollte 1896 ein neues Institut für "medico-mechanische" Anwendungen mit Zanderschen Geräten für mechanische und manuelle Gymnastik, Massage, Orthopädie und rationelles Turnen eröffnen. Dazu suchte er Geldgeber für eine noch zu gründende Aktiengesellschaft. Er versprach immerhin eine Dividende von 20 Prozent. Die Bad Kissinger Ärzte sollen, so berichtete damals die Saale-Zeitung, ein solches Institut schon als längst nötig begrüßt und ihre Unterstützung zugesagt haben. Ob sich dieser Wunsch realisieren ließ und mit einem 1898 im "Hotel Viktoria" mit Zandergeräten ausgestatteten Saal für heilgymnastische Übungen übereinstimmt, kann nicht bestätigt werden.

Der Leiter kam aus Hamburg

Leiter des Instituts im "Hotel Viktoria" war der aus Hamburg stammende Arzt Dr. Otto Sonder (1860-1917). Sonder wohnte auch im Hotel und zog erst 1913 endgültig nach Bad Kissingen. Neben dem Viktoria gab es noch entsprechend ausgestattete Säle in der 1901 erbauten pneumatischen Anstalt des Dr. Dietz in der Prinzregentenstraße. Inzwischen war die Nutzung der Übungsgeräte so in Mode gekommen, dass man bereits "zandern" als Verb benutzte.
Die zur wohl reichsten Hote-liersfamilie gehörenden Frauen Albertine und Anna Hailmann beauftragten 1907/ 1908 den durch seine Bauten (Ludwigsbrücke, Kurtheater) bekannten Architekten Prof. Max Littmann und die Baufirma Heilmann und Littmann (München) mit der Planung und Errichtung eines großen Geschäfts- und Wohnhauses an der Ecke Theresien- und Ludwigstraße. Integriert in dieses Haus wurde ein Saal von 22 Metern Länge, elf Metern Breite und 5,7 Metern Höhe. Es gab dazu mehrere Nebenräume für Arztpraxis und manuelle Massage.
Vom "Viktoria" zog schließlich das "Zander-Institut" in die neu geschaffenen Räume mit Geräten von Zander und Dr. Max Herz (Wien) und unter der Leitung von Dr. Sonder ein. Große Fenster, vier Ventilationsschächte und Gasöfen sorgten für ein angenehmes Raumklima zu jeder Jahreszeit.

Bericht aus der Saale-Zeitung

In der Saale-Zeitung wurden zum Einzug die Räume und Anwendungen wie folgt beschrieben: "Neben den für jede Muskelgruppe existierenden Widerstandsapparaten, die es ermöglichen, dem Patienten in genau vom Arzt zu bestimmender Stärke unter planmäßiger Steigerung seine Übungsarbeit aufzuerlegen, ist noch eine große Anzahl von Apparaten für passive Bewegung und Massage, Manipulationen, Erschütterungen (Walkungen, Klopfungen, Streichungen) der verschiedenen Körperteile vorhanden. Die genaueste Dosierbarkeit der zu leistenden Arbeit ermöglicht es, auch sehr schwächliche Patienten Gymnastik treiben zu lassen und allmählich leistungsfähiger zu machen. Für gewisse Krankheitsfälle ist im Institut auch die manuelle Heilgymnastik zur Verfügung gestellt. Die Massage speziell wird manuell entweder vom Arzte selbst oder von gut geschulten Masseuren resp. Masseusen ausgeführt. Die Massageräume, die sich im Obergeschoss befinden, sind mit elektrischen Vibrationsapparaten versehen. Der Antrieb der passiven Apparate, bei denen der Patient nur mit seinem Körper oder einzelnen Teilen desselben den Bewegungen des Apparats zu folgen hat, erfolgen durch einen 6 PS Elektromotor und Transmissionsantrieb, der in einem unter dem Übungssaale befindlichen Raume aufgestellt ist.

Der Arzt war immer dabei

... Die Bedienung der Apparate und Unterstützung der Patienten erfolgt durch 4 weibliche Angestellte in der Weise, dass nach den auf den Verordnungszetteln vom Arzte bestimmten und genau bezeichneten Apparaten die vorgeschriebenen Übungen ausgeführt werden. Durch dieses System werden Bedienungsfehler vermieden, zumal der Arzt stets und bei allen Übungen zugegen ist."
Nach dem Tod von Dr. Sonder übernahm das Institut der Facharzt für Chirurgie Dr. Armin Katzenberger (1888-1957), der am 24. 3.1919 aus München zuzog. Er heiratete hier Elisabeth Welsch aus der berühmten Kissinger Ärztefamilie Welsch und Maas. Katzenberger baute das Institut aus und führte es persönlich und unter Mithilfe von ein bis zwei Personen.
In seinen Werbeschriften empfahl er die Anwendung der Geräte und Massagen gegen Herz- und Aderverkalkung, Trägheit des Darms und Magens, Fettleibigkeit, krankhafte Zustände des Stoffwechsel- und Nervensystems, Erkrankung der Bewegungsorgane, fehlerhafte Körperhaltung und Rückgratverkrümmung. Aus dem Kurmittelhaus übernahm er den elektrischen Heißluftapparat (System Dr. D. Tyroller, Karlsbad) zur Behandlung bei rheumatischen Erkrankungen und erweiterte die Behandlung durch Röntgendiagnostik, Höhensonne und Blaulicht.

Die Kriegs- und Nachkriegszeit

Während des 2. Weltkriegs wurde das Institut bis 1943 noch im Sommer genutzt, vor allem von Soldaten. Nach dem Bombenangriff auf Schweinfurt am 14. 10. 1943 beschlagnahmte der Staat die Institutsräume und gab sie an die Vereinigte Kugellager Fabriken (VKF) weiter.
Die Geräte wurden abgebaut und im Schlachthof eingelagert; in die frei gewordenen Säle zogen Büromaschinen ein. Nach dem Krieg ging im Sommer 1945 die VKF nach Schweinfurt zurück, ließ die therapeutischen Geräte aus dem Schlachthof abholen und im ehemaligen Zander-Institut montieren. Eine Nutzung wie vor dem Krieg gab es aber nicht mehr. Zwar zog noch einmal eine Fachärztin für Orthopädie, Dr. Tilly Holtz, ein, erweiterte die Baderäume um eine Sauna, ließ auch mit den Elektromotoren wieder Geräte laufen, aber so richtig in Schwung kam das Unternehmen nicht mehr.
Nach dem Wegzug der Ärztin um 1955 veräußerten die Hausbesitzer die inzwischen veralteten Geräte aus Gusseisen, ließen sie zerschlagen und verschrotten. In die Räumlichkeiten zogen nach Umbauten verschiedene Nutzer ein, und heute befindet sich in dem großen Saal des ehemaligen Zander-Instituts das Restaurant "Umkehr". Das Haus selbst, heute Theresienstraße 26, kam von Hailmanns Erben über einen Druckereibesitzer aus Zwickau an die Apothekerfamilie Kraft, die dem Gebäude den Namen "Littmannhaus" gab. Gerhard Wulz

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