Hammelburg
Weinlese

Weinlese: Wer erntet da eigentlich an Hammelburgs steilen Hängen?

Ob bei praller Sonne oder Regenschauern: In den Weinbergen sind wieder Erntehelfer im Einsatz. Doch diese Arbeit zwingt sogar Leistungssportler in die Knie.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Traubenernte ist schwere körperliche Arbeit: Ulrike Lange und ihre Erntehelfer sind in den Weinbergen rund um Hammelburg unterwegs. Foto: Teresa Hirschberg
Die Traubenernte ist schwere körperliche Arbeit: Ulrike Lange und ihre Erntehelfer sind in den Weinbergen rund um Hammelburg unterwegs. Foto: Teresa Hirschberg
+6 Bilder

Hätte sich Eriko vor vier Jahren nicht dazu entschieden, bei der Weinlese in Hammelburg mitzuhelfen, wäre sie vielleicht immer noch auf der Suche nach dem passenden Hochzeitskleid. Sie ist eine der Erntehelfer, die die Familie Lange auf ihrem Weingut unterstützen. Kein Saisonarbeiter-Hopping und anonymes Taschengeldaufbessern, sondern eine familiäre Atmosphäre - so läuft das Rebenschneiden in den Hammelburger Hängen.

Am 13. August waren die Erntehelfer heuer das erste Mal unterwegs, um Trauben für den Federweißer zu sammeln. "Da waren wir in Franken mit bei den ersten dabei", erzählt Weingutsbesitzer Thomas Lange, während er frühmorgens die Arbeitsutensilien ins Auto packt. In den orangen Kisten wird später zügig eine Traube nach der anderen landen.

Weinlese funktioniert nur in Teamarbeit

Die scharfen Scheren müssen nach Feierabend wieder abgeben werden, damit sich keine mit in die Presse verirrt. Die Erntehelfer haben jeweils einen Schnittfavoriten, der besonders gut in der Hand liegt und in den vergangenen Tagen bereits gute Arbeit geleistet hat.

Normalerweise sind sie in einer Gruppe von 14 Leuten unterwegs. Heute geht es den Sorten Ortega und Merzling mit nur sieben Händepaaren an den Stiel. Keine Angst vor Schmutz und Regenschauern, aber Lust auf Teamarbeit - das sei essenziell, um als Erntehelfer bestehen zu können, sagt Chefin Ulrike Lange.

In Zweierpaaren arbeitet sich die Truppe den steilen Hang hinab an einer Rebe nach der anderen entlang. In den einzelnen Reihen - den Zeilen - schneiden die Erntehelfer versetzt, sodass keine Traube übersehen wird und kein Finger zwischen die Schere des Gegenübers gerät. "Manche Helfer wollen nur mit bestimmten Leuten ein Team bilden, weil sie das gleiche Tempo haben und aufeinander eingestellt sind." Und vielleicht auch, weil es sich mit manchem besonders gut durch die Weinblätter plaudern lässt.

"Wir haben Glück, dass es vor allem Leute aus dem Raum Hammelburg sind", sagt Ulrike Lange über ihre Mitarbeiter. Eine etwas weitere Anfahrt hatten Eriko und ihr Freund Arpi. Die gelernte Hotelfachfrau und der ausgebildete Metzger sind Ungar-Rumänen. "Eigentlich wollten sie bei der Ernte nur für ein paar Wochen Geld dazuverdienen", erzählt Ulrike Lange. Das ist nun vier Jahre her. Mittlerweile sind sie in die Betriebswohnung des Weingutes gezogen. Sie möchten zwar irgendwann wieder nach Rumänien zurück, erzählt Ulrike Lange, doch davor leiht die Chefin Eriko noch ihr Brautkleid für die anstehende Hochzeit. "Jetzt echt?", fragt Sohn Lukas ungläubig. "Naja, wir sind ja fast gleich groß." Ein paar Umnäharbeiten seien allerdings noch nötig.

Die meisten der Helfer kämen schon seit mehreren Jahren. So wie die 78-jährige Erika Mützel aus Heiligkreuz. "Ich weiß gar nicht, wie sie dazu gekommen ist", sagt Ulrike Lange. "Da waren wir noch nicht mal da. Aber 18 Jahre sind es mindestens." Und wenn Erika Mützel loslegt, müssen alle anderen schauen, dass sie hinterherkommen. "Sie ist diejenige, die das Tempo angibt", erzählt Lange. "Ich dachte mal, meine Finger fallen mir gleich ab, so schnell war sie." Immer wieder seien Ernteersthelfer dabei, die sich in den Weinhängen ausprobieren möchten oder einen sportlichen und naturnahen Ausgleich zum Büroalltag suchen.

Erntehelfer: Von Kanada nach Hammelburg

"Würden die jungen Männer mal neue Kisten bringen und die vollen mitnehmen?", schallt es im Laufe des Vormittags mehrmals über den Weinberg. Die jungen Männer, das sind Ulrike Langes jüngster Sohn Moritz, der wie sein Bruder Lukas auf dem Weingut mithilft, und sein Kumpel Willi. Letzterer macht eine Ausbildung bei der Bundeswehr und hat gerade Urlaub - und Langeweile. Also geht es mit zur Weinlese.

Welcher ihrer Erntehelfer ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben ist? "Megan", platzt es aus Lukas heraus. Aber nur in guter. 2013 wollte die Kanadierin nur drei Monate bei den Langes bleiben. Einfach mal herfliegen, Praktikum machen und dann weiterziehen. Das war der eigentliche Plan. Geblieben ist sie am Ende für eineinhalb Jahre. "Wir haben immer wieder nachgefragt, wo sie denn jetzt hinwolle", erzählt Ulrike Lange. "Und sie hat jedes Mal geantwortet, doch noch ein bisschen zu bleiben." Sie lernte in der Zeit Deutsch, die Langes verbesserten ihr Englisch. Mittlerweile ist sie zurück in Vancouver - und arbeitet dort wieder auf einem Weingut.

Nach der Weinlese: Dem Muskelkater zuvorkommen

Einen weniger positiven Eindruck hinterlassen hat die 21-jährige Studentin, die nach drei Tagen einfach nicht mehr zur Arbeit erschien. "Wir mussten bei ihr anrufen, weil sie sich nicht mal abgemeldet hatte", erinnert sich Ulrike Lange. "Ihre Mutter hat dann gemeint, sie liege im Bett und könne sich nicht mehr bewegen vor Muskelkater." Und das als Leistungssportlerin. Ulrike Langes Tipp: "Nach dem ersten Tag abends in die Badewanne legen. Sonst packt man es nicht."

Ulrike Lange erzählt auch von unerwünschten Erntehelfern: Wie Rehen, die an den Reben naschen. Mehrere Kilo landen dann im Rehmagen anstatt in der Weinpresse. Dreist sind manche Traubenliebhaber, die das Obst für den privaten Genuss eimerweise ableeren. "Das ist Diebstahl", stellt Ulrike Lange klar. Bei einigen Leuten hätte sich der Glaube festgesetzt, dass das einst städtische Weingebiet der Öffentlichkeit zur Selbstbedienung offensteht.

Seit dieser Woche bekommt das Weingut Lange Unterstützung von einem neuen Winzer. Zuvor war er noch mit Chef Thomas Lange für eine Fortbildung in Veitshöchheim. Zurück in Hammelburg heißt es aber: Raus in die Weinberge und sofort anpacken. "Der muss gleich mit", bringt Lukas Lange es auf den Punkt. "Aber volle Kanne."

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren