Bad Kissingen
Integration

Weg mit dem Buch, her mit dem Menschen

Entwicklungspolitische Bildungsarbeit losgelöst von Schulbuchtexten erlebten die Berufsfachschüler der Altenpflegehilfe Bad Kissingen bei einem Projekt.
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Was Okba Kerdiea mit den Berufsfachschülern verbindet ist  das Interesse für ein Tätigkeit im Bereich der Altenpflege. Im Rahmen eines Projekts berichtet der junge Flüchtling über seine Erlebnisse und seinen Blickwinkel.Kathrin Schor
Was Okba Kerdiea mit den Berufsfachschülern verbindet ist das Interesse für ein Tätigkeit im Bereich der Altenpflege. Im Rahmen eines Projekts berichtet der junge Flüchtling über seine Erlebnisse und seinen Blickwinkel.Kathrin Schor

Eine Art von Unterricht, der losgelöst von Schulbuch und Medientexten einen Zugang zur Thematik der Integration ermöglichte, erlebten die die Schülerinnen und Schüler der Berufsfachschule für Altenpflegehilfe Bad Kissingen im Rahmen des Projektes "Blickwechsel - Flucht und Vorurteil" . Mitinitiiert wurde das Projekt von der Projektstelle für Globales Lernen des internationalen Bereiches der Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft.

Seine Art an diesem Projekttag auf die Klasse zuzugehen ist unkompliziert, locker, ungezwungen und steht damit im Kontrast zu dem, was der junge Mann mit dem aufgeschlossenen Wesen vor vier Jahren während seiner Flucht aus Syrien erlebt hat. Okba Kerdiea ist im Rahmen des Projektes "Globales Lernen FAIRbindet" seit 2016 für das bfz in Hof tätig. Er und sein Kollege Saad Saad bringen Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Seminarleitern verschiedene Facetten dieser entwicklungspolitischen Bildungsarbeit durch die Begegnung mit der individuellen Fluchtgeschichte näher.

Keine allgemeinen Lehrbuchtexte, keine Berichte aus den Medien - rein das persönliche Erleben steht an diesem Tag im Vordergrund. Vorsichtig und dennoch neugierig, aufgeschlossen und zugleich betroffen lernen die Schüler die Biografie des 30-Jährigen kennen. Abstrakte Zusammenhänge werden zunehmend auf eine Ebene des Begreifens gehoben.

In handlungsorientierten Einheiten setzen sich die Schüler mit den weltweiten Fluchtursachen auseinander, lassen sich durch ein wohl überlegtes didaktisch-methodisch Vorgehen auf einen Perspektivwechsel ein, der es vermag, mögliche Vorurteile abzubauen und sich auch mit eventuellen Ängsten auseinanderzusetzen. Doch neben vielen Fragen ist der Raum an diesem Tag auch immer wieder von Lachen und Schmunzeln über die Geschichten erfüllt, die Okba Kerdiea über seine erste Zeit in Deutschland zu erzählen weiß. Was ihn mit der Klasse verbindet ist vor allem auch das Interesse für einen Tätigkeit im Bereich der Altenpflege.

Integration bedeutete für den jungen Mann in den ersten Monaten seiner Zeit in Deutschland unter anderem, einer ehrenamtlichen Tätigkeit nachzugehen, Gutes zu tun und das Gefühl zu haben, gebraucht zu werden. Genau diese Erfüllung fand er im Bundesfreiwilligendienst in einer stationären Einrichtung für Senioren.

Still wird es in der Klasse, als Okba Kerdiea über die Möglichkeiten der Bildtelefonie Kontakt zu einem jungen Mann aufnimmt, der seit vier Jahren mit seiner sechsköpfigen Familie in einem Lager für Flüchtlinge im Libanon lebt. Dieser gibt den Schülern einen Einblick in das Leben vor Ort, begegnet den zahlreichen Fragen mit großer Offenheit und vermittelt einen Eindruck davon, warum es in unserer heutigen Gesellschaft unabdingbar ist, dem Thema des Globalen Lernens mit Blick auf Zusammenhänge und ein verantwortungsvolles Handeln einen besonderen Stellenwert einzuräumen.

Es ist weit mehr als nur die Erfüllung des Lehrplanes für Sozialkunde - es ist das Aufstoßen von Türen, eine Einladung hindurchzugehen, Kulturen kennenzulernen, diese mit den eigenen Werten, Wünschen und beruflichen Vorstellungen zu verknüpfen und dabei vor allem auch den eigenen Blickwinkel zu erweitern. Man ist aufgefordert Fragen zu stellen, um Antworten und Denkanstöße zu erhalten, die nur im Miteinander zu einem nachhaltigen Lernen beitragen können.

Foto: Katrin Schor

Foto: Katrin Schor

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