Bad Kissingen
Rakoczy-Fest

Wawa-Schrauber sind am Werk

Wer bewiesen hat, dass er etwas kann, muss es immer wieder tun: Die Rentnertruppe saniert zwei Festwagen: Die Karossen für Ludwig II. und Zarin Katharina.
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Zum ersten Mal wird die neue Rückwand für den Festwagen aufgeklappt und verankert (von links) Reinhard Sell, Bruno Weigand, Lothar Hoffmann und Jürgen Sand.  Foto: Thomas Ahnert
Zum ersten Mal wird die neue Rückwand für den Festwagen aufgeklappt und verankert (von links) Reinhard Sell, Bruno Weigand, Lothar Hoffmann und Jürgen Sand. Foto: Thomas Ahnert

Es ist eine Meldung, die unter Nichteingeweihten Angst und Schrecken verbreiten könnte: Die "Wawa-Schrauber" sind wieder zu Gange, treiben wieder ihr (Un-)Wesen, und zwar dieses Mal vor allem in Hausen! Für Befürchtungen gibt es allerdings keinen Grund. Denn "Wawa" ist nicht der Kampfruf der vierköpfigen Rentnerband, sondern eine Abkürzung für "Wasserwagen". Und damit sind wir schon mitten drin in der Geschichte.

Die begann bereits 2014. Damals fragte Peter Krug, der Vorsitzende des Freundeskreises Rakoczyfest, seinen Nachbarn Jürgen Sand, ob man nicht den alten Wassersprengwagen, Baujahr 1912, der Kurgärtnerei so herrichten könnte, dass er zu einer Attraktion und einem Blickfang für den Festzug werden könnte. In den 70er Jahren war das Fahrzeug aus technischen Gründen stillgelegt worden, 2006 hatte es der Verein gekauft, um es vielleicht einmal wieder in Fahrt zu bringen.

Operation gelungen

Jürgen Sand, der gebürtige Kissinger, den es beruflich in die Welt hinausgetrieben hatte und der im Ruhestand mit seiner Frau wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt war, sagte zu und suchte sich ein paar Gleichgesinnte mit der erforderlichen technischen Kompetenz und dem nötigen Idealismus - und fand auch einen Namen: die "Wawa-Schrauber". Man machte sich an die Arbeit - und 2016 konnte das generalsanierte knallrote Fahrzeug den Zuschauern beim Rakoczyfestzug das Herz erfreuen und die Füße kühlen. Operation gelungen.

Aber damit saßen die "Wawa-Schrauber" in der Kompetenzfalle: Wer bewiesen hat, dass er etwas kann, muss es immer wieder tun. So war es für Thomas Lutz, den "städtischen Macher" des Rakoczyfestes, von vornherein klar, wen er fragen musste, als es jetzt um die Sanierung und Modernisierung von zwei Festwagen ging: die Karossen für Ludwig II. und Zarin Katharina. Natürlich bekam er keinen Korb: Jürgen Sand fragte drei seiner Mitschrauber, und die machten natürlich wieder mit, sodass ein schlagkräftiges Team zusammenkam: Jürgen Sand, der zwar nicht aus dem Handwerk, sondern aus der Betriebswirtschaft und Anlagenplanung kommt, allerdings auch nicht zwei linke Hände hat. Er übernahm wieder die Organisation, Planung, Beschaffung und packt natürlich auch kräftig mit an.

Dazu gesellten sich Schreinermeister Bruno Weigand, der 20 Jahre in der Kurgärtnerei gearbeitet hat - wo die Wagen hergerichtet werden - und sich daher auch bestens auskennt. Reinhard Sell ist gelernter Karosseriebauer, und Lothar Hoffmann war Gewerbelehrer für Mechanik.

Sich mit Hurra in die Arbeit zu stürzen ging allerdings nicht: "Wir hatten ein Dreivierteljahr Vorlaufzeit", sagt Jürgen Sand. Zunächst musste erst einmal festgelegt werden, wie die Wagen künftig aussehen sollen. Die künstlerische Gestaltung einschließlich der Malerei für die beiden Festwagen stammt von dem Hamburger Maler und Grafiker Dirk O. Sand, der in Bad Kissingen schon deshalb kein Unbekannter ist, weil er sich an Ausstellungen beteiligt hat. Parallel dazu musste die technische Konzeption einer Modernisierung erarbeitet werden. Dann wurden zwei Modelle gebaut, die sich das Wohlwollen von Kurdirektorin Sylvie Thormann und Oberbürgermeister Kay Blankenburg erwerben mussten - und konnten.

Katharina muss künftig stehen

Dann ging es an die Vorbereitung der Umsetzung: Materialbeschaffung, Verhandlung mit Metallbaufirmen und Spezialdruckereien. Und vor allem die Beschaffung eines Raumes. "Wir sind froh, dass wir schließlich in einer Werkhalle der Kurgärtnerei mit ihren technischen Möglichkeiten unterkommen konnten. Den Wasserwagen mussten wir in vier verschiedenen Werkstätten wieder herrichten", erklärt Jürgen Sand. Dann konnten die beiden Karossen wirklich angegangen werden.

Die meiste Arbeit wird man, wenn alles getan ist, gar nicht mehr sehen. Natürlich wird den Besuchern beim Rakoczy-Umzug auffallen, die die beiden Wagen moderner, stilistisch klarer geworden sind, wenn dann auch der Blumenschmuck überarbeitet sein wird. Ludwig II. wird auf seinem Wagen künftig sitzen, dafür muss Katharina stehen. Er bekommt zwei Standarten an die vorderen Ecken seines Regierungsgefährts, Katharina nicht. Dafür sitzen dort zwei Hofdamen. Nein, die großen Veränderungen stecken hinter den neuen, mit Motiven groß bedruckten Alu-Dibond-Platten. Das sind Platten, die fester, aber auch leichter und preiswerter als normale Alu-Platten sind.

Nicht zu sehen sind die neuen, drei Meter hohen und verkleideten Gestelle für die Rückwände, die eine Fachfirma aus massiven, pulverbeschichteten Alu-Vierkantprofilen gefertigt hat. Die raffinierte Neuerung: Diese Wände lassen sich auf halber Höhe umklappen. Man muss die Wagen also nicht mehr komplett abbauen, bevor sie in das Winterlager geschoben werden. Sie passen jetzt auch so rein. Auch nicht sehen wird man zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen wie ein verbessertes Bremssystem oder Unterfahrschutzbügel hinter den Seitenpaneelen. Die beiden Kutschen, bei denen eigentlich nur das Fahrgestell und die Bodenplatte überlebt haben, werden deutlich sicherer und leichter. Die Pferde werden das zu schätzen wissen.

Im Juli, also rechtzeitig zum Festzug, soll der Ludwig-Wagen fertig sein und auf Jungfernfahrt gehen. Der Katharina-Wagen wird erst anschließend fertiggestellt. Das Wawa-Quartett lässt sich Zeit, weil es seine Qualitätsvorstellungen nicht einem Zeitdruck opfern will. Schließlich sollen die Gefährte ein paar Jahre halten. Und es könnte sie auch niemand antreiben, denn die Vier machen ihre Arbeit ehrenamtlich, für einen warmen Händedruck. Und sie machen sie gerne. "Ich opfere gerne einen Teil meiner Freizeit, denn man hängt etwas an Bad Kissingen und dem Festzug", sagt der Hammelburger (!) Bruno Weigand. "So einen Zug hat nicht jeder Kurort. Der ist schon ein Alleinstellungsmerkmal." Lothar Hoffmann reizt die technische Herausforderung: "Man will halt gucken, was man noch kann." Und für den Wittershäuser Reinhard Sell war es die Herausforderung in einem guten Team. Und: "Ich habe schon zweimal bei der Restaurierung der Postkutsche mitgearbeitet." Unter dem Strich rechnet Jürgen Sand mit einem Zeitgesamtaufwand von 800 Stunden. Da darf nichts dazwischen kommen.

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