Bad Kissingen
Winterzauber

Was Wien kann, kann Bad Kissingen auch

Bereits zum 15. Mal fand das Neujahrskonzert mit den Berliner Symphonikern im Rahmen des Bad Kissinger Winterzaubers statt.
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Das Neujahrskonzert im Regentenbau war ausverkauft. Gerhild Ahnert
Das Neujahrskonzert im Regentenbau war ausverkauft. Gerhild Ahnert
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Kinder, wie die Zeit vergeht! Es ist doch noch gar nicht so lange her, dass im Programm des Winterzaubers das Neujahrskonzert mit den Berliner Symphonikern installiert wurde. Und jetzt waren sie schon das 15. Mal da! Damals stand das Orchester auf der Kippe. Da konnte man nicht einmal sicher sein, ob sie überhaupt noch kommen können. Da wurde die kulturpolitische Diskussion in Berlin ("Braucht die Bundeshauptstadt drei Opern?") mit der Abrissbirne geführt. Aber es konnte gehalten werden, weil die politisch Verantwortlichen den Bedarf erkennen mussten, und heute steht es besser da als je zuvor. Freilich nicht wegen der jährlichen Verpflichtung aus Bad Kissingen, aber ein bisschen natürlich auch. Es ist schon so: Wenn aus Bad Kissingen Forderungen kommen, dann kuscht Berlin. Klar gibt es kleinere Ausnahmen wie das Thema "B 286 neu", dieses ewige Trauerspiel in 500 Akten(-deckeln). Da können wir übernächstes Jahr die Uraufführung vor 30 Jahren feiern.

15 Jahre bedeuten Kontinuität, und die ist in mehrfacher Hinsicht gegeben. Allem voran: Das Konzert war von Anfang an ausverkauft. Was Wien kann, kann Bad Kissingen auch. Allerdings werden hier die frei verkäuflichen Karten noch nicht im Losverfahren vergeben (die Wiener müssen zunächst die Mitglieder des Musikvereins bedienen). Es gibt aber auch einen wesentlichen Unterschied: Während in Wien das Programm mehr oder weniger gleich bleibt, aber jedes Jahr der Dirigent wechselt (vielleicht kommt dabei irgendwann doch auch einmal eine Frau ans Pult), ist es in Bad Kissingen umgekehrt: Da steht gewohntermaßen der israelische Dirigent Lior Shambadal am Pult, der das Orchester vor über 20 Jahren übernommen und musikalisch höchst erfolgreich aus der Talsohle herausgeführt hat. Er weiß, dass es auch außerhalb der Familie Strauß höchst unterhaltsame Musik gibt und stellt jedes Mal ein neues Programm zusammen, in dem er nicht nur Bekanntes (auch von den Straußen) mit überraschendem Neuen kombiniert, sondern mit dem er auch eine seiner kleinen, vernuschelten Geschichten erzählen kann. Und die sind äußerst beliebt.

Dieses Jahr war es die Geschichte von dem gekündigten sowjetischen General mit ständisch wechselndem unmerkbaren Namen, der in dem Moskauer Stadtteil"Cheryomushki" in einer namenlosen Wirtschaft sitzt und Puschkins "Mozart und Salieri" liest. Cheryomushki ist eine ziemlich heruntergekommene Plattenbausiedlung, aber auch eine Operette von Dmitri Schostakowitsch, aus der er auch eine Orchestersuite herausdestilliert hat. Drei Sätze dieser witzig-ironischen Musik spielten die Berliner im ersten Teil. Der Titel des Buches - der Kellner, der es Lior Shambadal servierte, ist im Brotberuf der neue Intendant der Berliner Symphoniker - war natürlich Anlass zu einem süffisanten Vergleich: Wenn man die in der Tat nicht allzu einfallsreiche Ouvertüre zu Salieris Oper "Prima la musica. Poi le parole" derart buchstabierend und mit leicht angezogener Handbremse spielt, dann kann der Italiener gegen Mozarts schmissig musizierte "Figaro"-Ouvertüre nur verlieren.

Natürlich gab's auch vokale Kostproben. Die in Rom geborene französische Mezzosopranistin Catherine Trottmann kann man durchaus als Entdeckung in Bad Kissingen bezeichnen - ansonsten wird die 25-Jährige in Europa und vor allem in der Pariser Szene bereits sehr hoch gehandelt. Vier Arien hatte sie sich ausgesucht: Mozarts "Voi che sapete" aus dem "Figaro", "Una voce poco fa" aus Rossinis "Il barbiere di Siviglia", Gounods "Que fais tu blanche tourterelle" aus "Roméo et Juliette" und aus Meyerbeers "Les Huguenots" die Arie "Nobles seigneurs salut". Das war eine interessante, aber auch kluge Wahl, weil Catherine Trottmann nicht nur demonstrieren konnte, wie souverän und genau sie mit den unterschiedlichen technischen Anforderungen umgehen kann, sondern auch, wie gut und überzeugend sie ihre Freiräume für die emotionale Gestaltung nutzt. Und es ist kein Nachteil, wenn Muttersprachler(innen) singen.

Die instrumentale Solostelle hatte dieses Mal die koreanische, unter anderem an der New Yorker Juilliard School ausgebildete Geigerin Fabiola Kim übernommen. Sie spielte Ravels "Tzigane", Tschaikowskys sich gegen Ende doch etwas tot laufende Valse-Scherzo op. 34 und die Polonaise für Violine und Orchester von Henryk Wieniawski. Sie ist eine gründliche Virtuosin, die sich nicht unter Druck setzen muss, die souverän durch die Klippen steuert und die vor allen in der "Tzigan" ein wunderschönes Klangfarbenspiel mit den Bläsern entfachte. Was man sich ihm Rahmen dieses speziellen Konzerts noch gewünscht hätte, wäre etwas mehr virtuose Pose, etwas mehr Extrovertiertheit gewesen.
Für das Orchester war es fast schon ein Heimspiel, natürlich auch mit Johann Strauß' "Tritsch-Tratsch-Polka" oder "Leichtes Blut", aber auch mit der fulminant musizierten Farandole aus Bizets "Arlesienne-Suite" Nr. 2. Meyerbeers "Nobles seigneurs salut" war ein etwas unglückliches Schlussstück, weil hier nicht die Solistin ihren letzten Ton an die Saaldecke hängt, sondern das Orchester mit seinem letzten Wort von der Bühne fällt.
Aber man konnte sich auf die Zugaben verlassen. Den Radetzky-Marsch gibt's ja immer, aber dazu kamen "Unter Donner und Blitz", Fritz Kreislers "Liebesleid" - so herzergreifend kann nicht jeder seine Tränen aus der Geige fließen lassen, Massenets "Je suis gris!" ("Ich bin blau", also "betrunken") - ein komisches Bonbon für Sängerin und Orchester gleichermaßen - und ganz zum Schluss noch einmal Johann Strauß' Banditengalopp, "bevor Sie nach Hause gehen" (Lior Shambadal).


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