Bad Brückenau
Kirchenasyl

"Was wäre, wenn es dein Sohn wäre"?

In den letzten zehn Monaten hat der Bad Brückenauer Pfarrer Gerd Kirchner zehn Menschen Asyl in seiner Kirche gewährt. Was fehlt: Rechtsanwälte.
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Ein bisschen Spaß lockert die Situation auf: Pfarrer Gerd Kirchner hat seine Pfarrer-Uniform gegen eines Spaßkappe getauscht, links neben ihm der aktuelle Kirchenbewohner Ahmed. Fotos: Mascha Kirchner
Ein bisschen Spaß lockert die Situation auf: Pfarrer Gerd Kirchner hat seine Pfarrer-Uniform gegen eines Spaßkappe getauscht, links neben ihm der aktuelle Kirchenbewohner Ahmed. Fotos: Mascha Kirchner
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Gerd Kirchner ist ein Kirchenmann. Und ein Mann der Tat. Der evangelische Pfarrer in Bad Brückenau macht sein Gemeindehaus für Menschen auf, die um Kirchenasyl bitten. In den vergangenen 18 Monaten standen er und ein Unterstützerkreis so insgesamt zehn Menschen zur Seite, die in Deutschland um Asyl suchten - und deren Fälle nur dank der Unterstützung der Kirche erneut geprüft wurden. Das größte Problem für die Helfer: "Wir brauchen dringend anwaltliche Unterstützung. Aber wir finden keine. Auf Asylrecht spezialisierte Rechtsanwälte hier im Raum sind alle überlastet", sagt Pfarrer Kirchner.

Jüngstes Beispiel ist Ahmed. Der Mann aus Syrien ist 28 Jahre alt, ein ausgebildeter Installateur. Er klopfte Karfreitag an die Kirchentür. "Er hat ordentliche Noten und ist ein feiner Kerl. In Syrien ist er desertiert, seine Flucht endete vorerst in Bulgarien", schildert Pfarrer Kirchner. Bulgarien gilt durch das Dublin-Abkommen als sicheres Drittland. Wer hier registriert wird, der muss dort bleiben. Nur: Aus Bulgarien kommen zum Thema Flüchtlinge Horror-Berichte, unter anderem von amnesty international (ai) Die Menschenrechtsorganisation schreibt beispielsweise von Misshandlungen von Flüchtlingen, routinemäßiger Haft für Migranten oder Inhaftierung von unbegleiteten Minderjährigen. Rechtsbeistand, Übersetzungsdienste, Gesundheitsvorsorge, Bildungsangebote oder psychosoziale Unterstützung fehlten oft, so ai. Kirchner: "Es bedrückt mich: Bulgarien gehört zur EU. Aber dort herrschen Verhältnisse, die ich als Christ nicht vertreten kann. Ich denke mir immer: Was wäre, wenn das dein Sohn wäre, was würdest du dem wünschen?"

Kurz: Wegen der Zustände wollte und konnte Ahmed auch nicht in Bulgarien bleiben. Er flüchtete weiter nach Deutschland. Aber durch seine Registrierung und seinen Asylantrag in Bulgarien hat er sein Recht durch die Dublin-Regelung verwirkt, in Deutschland einen weiteren Asylantrag zu stellten. Einziger Ausweg: das Kirchenasyl. Wer eine gewisse Zeit im Kirchenasyl lebt, hat den Anspruch auf einen erneuten Asylantrag in Deutschland und auf eine Prüfung desselben in der Bundesrepublik.

Kirchner: "Bulgarien gilt als sicheres Drittland. Aber wir als Kirche mischen uns ein, wenn wir sehen, dass dort Menschenrechte verletzt werden - dorthin können wir keinen zurückschicken." Worunter Pfarrer Kirchner leidet: "Um das Asylverfahren hier in Deutschland voranzutreiben, bräuchte Ahmed einen Rechtsanwalt - aber den finden wir hier auf dem Land nicht." In Großstädten wie Nürnberg oder München sei das kein Problem. Doch der einzige Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Asylrecht in der Gegend sei völlig überlastet.

Bis also ein Rechtsanwalt gefunden ist, harrt Ahmed im Kirchenasyl in Bad Brückenau aus. Maja Kirchner ist Pfarrerstochter und Mitglied im Helferkreis. Acht Frauen und Männer aus der Gemeinde, dem Kirchenvorstand und ein engagiertes Ehepaar aus Volkers, versuchen, die Bedürfnisse der Menschen im Gemeindehaus zu stillen. "Einer ist für Einkäufe zuständig, einer für die medizinische Versorgung, wir haben zwei Ärzte, die vorbeikommen. Deutschunterricht gibt es mindestens einmal die Woche, auch wöchentlich ein Sportangebot", schildert sie. Damit ist zwar viel getan, um den Menschen einen würdigen Alltag zu bieten, aber: Es ist die Einsamkeit und das Eingesperrtsein, das viele bedrückt.

Maja Kirchner ist Lehrerin, sie geht auch einfach mal nur ins Gemeindehaus, um einen Kaffee mit den Menschen in der Kirche zu trinken. "Alle sind sehr dankbar, auch wenn es kritische Situationen gibt. Schauen Sie sich Ahmed an: Er ist seit Karfreitag bei uns. Ein junger, schlauer Kerl. Er sagt, das Kirchenasyl sei für ihn wie ein Gefängnis. Er ist dankbar, aber er hält es fast nicht aus."

Pfarrer Gerd Kirchner wird weitermachen mit seinem Kirchenasyl. Jedoch nicht mit der Haltung, dass er alle Flüchtlinge retten muss. "Ich leide am politischen Zustand der Welt. Aber unser Rechtsstaat kann nicht die ganze Welt retten. Es können nicht alle zu uns kommen. Aber hier geht es um Einzelfälle. Und als Christ versuche ich, im Einzelfall zu helfen."



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