Garitz
Mottowoche

Wahrheit im Schulalltag: Herr Lehrer, schreibst du auch ab?

Darf ich Oma anlügen, wenn das Essen nicht geschmeckt hat? Einen Mitschüler verpetzen oder decken? Die Lehrkräfte Bernd Czelustek und Sandra Schmid plaudern darüber, wie das mit der Wahrheit im Schulalltag so läuft.
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Haben ein entspanntes Gespräch zum Thema Wahrheit: Lehrerin Sandra Schmid und Rektor Bernd Czelustek. Benedikt Borst
Haben ein entspanntes Gespräch zum Thema Wahrheit: Lehrerin Sandra Schmid und Rektor Bernd Czelustek. Benedikt Borst

Sandra Schmid arbeitet seit 19 Jahren als Lehrerin. Aktuell unterrichtet sie eine erste Klasse an der Henneberg-Grundschule in Garitz. Rektor Bernd Czelustek bringt 26 Jahre Berufserfahrung als Lehrer mit. Für die Themenwoche der Saale-Zeitung plaudern die beiden darüber, wie das mit der Wahrheit im Schulalltag so läuft - auch wenn das natürlich nicht immer einfach ist.

Darf eine Lehrerin zum Beispiel lügen, wenn die Kinder fragen, ob sie als Schülerin früher auch die Hausaufgaben abgeschrieben hat? "Lügen hört sich immer gleich so hart an", sagt Schmid und lacht. Aber ja, da steckt sie natürlich in einem Dilemma: Entweder sagt sie in so einem Fall die Wahrheit und ist kein gutes Vorbild oder sie lügt - und gibt auch kein gutes Vorbild ab. "Das bin ich noch nie gefragt worden. Aber wenn, würde ich wahrscheinlich antworten, dass ich auch mal abgeschrieben habe, es aber natürlich hinterher bereut habe." Fehler offen zugeben. Das sollte auch ein Lehrer.

Gute Gründe für eine Lüge?

"Das Thema ist viel komplexer, als dass man es nur in Schwarz-weiß darstellen kann. Bei Wahrheit und Lügen gibt es unterschiedliche Schattierungen", findet Czelustek. Deshalb sollte bei jedem Fall genau hingeschaut werden. Sagt der Schüler die Wahrheit? Handelt es sich vielleicht um einen Irrtum? Lügt er bewusst? Nicht jede Lüge ist gleich eine Lüge, es gibt Abstufungen. "Manchmal geht es einfach nur darum, Aufmerksamkeit zu bekommen, etwa wenn ein Kind im Unterricht sagt ,Mir ist schlecht'", sagt er.

Wie schaut es mit Petzen oder Notlügen aus? Ist es als Okay, seinen Klassenkameraden beim Lehrer zu melden oder ist es besser zu lügen, damit er keinen Ärger bekommt? "Da stellt sich da Frage nach dem Motiv. Warum wird einem etwas erzählt?", sagt Czelustek. Geht es nur darum, dem anderen zu schaden, ist Petzen nicht in Ordnung. Anders schaut die Sache aus, wenn damit eine andere schlimme Sache verhindert werden soll.

Extrem wird es dann, wenn Kinder lügen, um die Eltern zu schützen. "Die Kinder kommen da in große Konflikte", berichtet Schmid.

Relativ häufig im Klassenzimmer sind Ausflüchte, etwa dann wenn die Schüler erklären müssen, warum sie ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Da werden dann ganz gerne Mal die Bücher vergessen, mancher stellt sich unwissend und behauptet er hätte nicht gewusst, dass es eine Hausaufgabe gegeben hat oder es wird anderen die Schuld in die Schuhe geschoben: "Dass die Mama das Arbeitsblatt nicht in die Büchertasche gepackt hat, höre ich ganz häufig", erzählt Schmid. "Da antworte ich dann immer: Ist das deine Hausaufgabe oder die von deiner Mama?", meint Czelustek.

Lernen für Fehler einzustehen

"Es gibt Kinder, die meinen sie kommen mit Lügen leichter durchs Leben", sagt Schmid. Gerade die jüngeren sind noch nicht in der Lage abschätzen, welche Folgen ihre Worte nach sich ziehen können. "Wir versuchen ihnen beizubringen, dass sie keine Angst vor der Wahrheit als solche haben müssen", erklärt sie. Es ist besser etwas zuzugeben und dazu zu stehen, etwas falsch gemacht zu haben, als deswegen zu lügen. Hilfreich ist dabei, die Kinder nicht unter Druck zu setzen, ihnen Zeit zu lassen und außerdem die Möglichkeit auf eine Wiedergutmachung anzubieten. Dabei ist für Schmid oft zu beobachten: "Viele zeigen sich einsichtig und sind dann vor schlechtem Gewissen beinahe froh, wenn sie es zugeben können." Czelustek stimmt zu: "Das Gewissen der Kinder ist da eine verlässliche Instanz."

Wahrheit richtig rüberbringen

Lernen, die Wahrheit zu sagen, ist eine Sache. Eine andere ist es zu lernen, wie man die Wahrheit richtig ausspricht. "Jemand der den ganzen Tag immer schonungslos die Wahrheit sagt, den mag bald keiner mehr", sagt der Schulleiter. Wenn zum Beispiel das Essen bei Oma nicht geschmeckt hat: Ist dann eine kleine Notlüge angebracht, um Oma nicht zu kränken? Oder sagt man ihr es so, dass sie trotzdem das Gefühl hat, dass ihr Essen geschätzt wird.

Philosophieren im Unterricht

Das Thema Wahrheit findet sich auch im Unterricht. "Anknüpfungspunkt ist die vierte Klasse Religion, wenn wir uns über die zehn Gebote unterhalten", sagt Czelustek. Werteerziehung gehört ganz grundsätzlich zur Grundschule dazu. Außerdem steht seit einigen Jahren "Philosophieren mit Kindern" im Lehrplan. Den Grundschülern lassen sich solche abstrakten und komplexen Themen durchaus gut vermitteln, findet Schmid. Es muss natürlich vereinfacht werden. "Man nimmt reale Situationen und lässt jeden, der will, etwas dazu sagen." Da entwickeln sich oft gute Unterhaltungen, die bei den Kindern hängenbleiben. "Meine Erfahrung ist, dass sie sowas dann auch daheim erzählen", sagt die Lehrerin.

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