Hammelburg
Gottesdiensttest

 Von Kirchenfeier angenehm überrascht

Pfarrer Robert Augustin gelingt es hervorragend, Nähe zu schaffen - auch wenn manches rätselhaft bleibt.
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Der Vorplatz der evangelischen Kirche Sankt Michael wurde in diesem Jahr erneuert.  Foto: Arkadius Guzy
Der Vorplatz der evangelischen Kirche Sankt Michael wurde in diesem Jahr erneuert. Foto: Arkadius Guzy

Das Urteil unseres Testers:

Insgesamt bietet der Gottesdienstbesuch in der evangelischen Kirche in Hammelburg eine angenehme Überraschung. Das moderne und gleichzeitig würdevolle Gebäude und die Zeremonie rühren an. Der Pfarrer Robert Augustin strahlt menschliche Nähe aus und erklärt vieles - wenn auch nicht alles - verständlich und nachvollziehbar. Besonders die Tatsache, dass ihm der Inhalt der Predigt offensichtlich selbst nahe geht, schafft Sympathie und Glaubwürdigkeit gleichermaßen. Allerdings hinterlassen allzu rou tinierte Abläufe und eine nirgends nachzulesende Liturgie bei einem, der mit der Kirche nicht so vertraut ist, Unsicherheit. Positiv sind der barrierefreie Zugang und der Hinweis für Schwerhörige zu bewerten - auch wenn letzterer erst nach dem Gottesdienst ins Auge fällt. Hinten im Kirchenraum steht Brot, das wohl von der Hammelburger Tafel übrig geblieben ist, zum Mitnehmen bereit. Auch das ist ein Pluspunkt.

Die Bewertungen im Einzelnen:

1. Einstieg:

Der Gast wird am Eingang der Kirche von einer Jugendlichen begrüßt, die auch gleich zwei Gesangbücher reicht. Der Kirchenraum ist mäßig gefüllt. Pfarrer Robert Augustin begrüßt persönlich die Angehörigen des Kleinkindes, das getauft wird, mit einem Händedruck und einem herzlichen Lächeln. Die Begrüßung der Gemeinde ist klar verständlich. Die Tontechnik funktioniert einwandfrei. Der Pfarrer wirkt nahbar und ohne je des aufgesetzte Gehabe.

Bewertung: Der erste Eindruck ist ab wartend positiv.

2. Musik:

Glocken und Orgel erklingen zum Auftakt des Gottesdienstes. Das ist erwartbar, aber dennoch stimmungsvoll. An der Wand prangt ein Zahlencode. Der christlich Sozialisierte weiß: Es geht um Liednummern. Nach der Begrüßung spielt die Orgel wieder. Offensichtlich ist den Gläubigen klar, dass nun das erste Lied kommt. Der Fremde greift auf gut Glück zu einem der beiden Bücher und blättert hastig nach der ersten Zahl. Treffer.

Bewertung: Unklare Abläufe lösen diffusen Stress aus.

3. Lesungen:

Eine Frau liest den Taufbefehl vor. Das hat vermutlich mit der anstehenden Taufe zu tun. Später folgt die Lesung des Evangeliums über den verlorenen Sohn. Die Predigt bezieht sich aber auf den Timotheusbrief - wieder ein anderer Text.

Bewertung: Etwas ratlos bleibt der Besucher mit verschiedenen Texten zurück.

4. Predigt:

Der Pfarrer spricht die Zuhörer mit "ihr" an, nicht mit "Sie". Kurz erklärt er die Biografie von Paulus, dem Verfasser des Timotheusbriefs. Was aber ein "Völkerapostel" sein soll, erschließt sich dem religiös Unbescholtenen nicht. Um die Barmherzigkeit Gottes, von der im Text die Rede ist, zu demonstrieren, liest der Pfarrer aus einem Buch über einen Straftäter vor, dessen Leben durch den Glauben verändert wurde. Er ist offensichtlich selbst sehr berührt von der Passage.

Bewertung: Exakte 14 Minuten lang bleibt der Zuhörer aufmerksam bei der Sache.

5. Kommunion/Abendmahl:

Die Liturgie vor dem Abendmahl lässt den Fremden, der den Ablauf nicht kennt, außen vor. Der Pfarrer erklärt gut, wer am Abendmahl teilnehmen darf. Auch der Hinweis darauf, dass bei Bedarf auch Saft anstatt von Wein gebracht wird, ist hilfreich. Bis jeder Gläubige an der Reihe ist, dauert es seine Zeit.

Bewertung: Die Zeremonie verschafft dem Beobachter eine Pause, seine Eindrücke zu verarbeiten.

6. Segen:

Der Segen am Schluss des Gottesdienstes ist wieder erwartbar, aber dennoch eine schöne Geste. Der Beobachter fühlt sich einbezogen und als Teil der Gemeinschaft.

Bewertung: Angenehme Symbolik, die ein positives Gefühl vermittelt.

7. Ambiente:

Eine ansprechende Architektur und ein dezent, aber stimmungsvoll eingerichteter Innenraum zeichnen St. Michael aus. Frische Blumen stehen vorne, Kerzen brennen und die Temperatur ist angenehm kühl. Dabei wirkt der Raum durchaus modern. Ein Beamer ist installiert. Die schräg nach unten gewölbte De cke - holzverkleidet - erinnert an einen Konzertsaal. Auch dass die Orgel gut sichtbar, wenn auch relativ schmucklos, auf der Empore steht, ist ein Pluspunkt.

Bewertung: Der Kirchenraum schafft eine Wohlfühlatmosphäre. Die Akustik ist gut.

8. Kirchenbänke:

Die Kirchenbänke sind schlicht, es lässt sich aber gut darauf sitzen. An der Vorderbank fallen messingfarbene Haken für Hüte oder Handtaschen ins Auge. Der Gedanke drängt sich auf, ob stattdessen nicht auch Halter für Kaffeebecher möglich wären.

Bewertung: Passt.

9. Beleuchtung:

Grelles Licht erwartet wohl niemand in einer Kirche. Die Tatsache, dass keines der Fenster klare Sicht nach draußen erlaubt, dient sicher der Konzentration auf den Gottesdienst. Es könnte aber auch etwas bedrängend wirken. Insgesamt unterstützt die Beleuchtung die feierliche Atmosphären im Raum und lässt eine ge wisse Ernsthaftigkeit aufkommen.

Bewertung: Die Beleuchtung sorgt für würdevolles Ambiente und erinnert an einen Konzertbesuch.

10. Sinne:

Für Augen und Ohren bietet der Gottesdienst so manches Schmankerl. Der Händedruck mit den Nachbarn im Zuge der Liturgie spricht zwar den Tastsinn an, schafft aber nicht wirklich Nähe. Der Geruchssinn wird eher nicht angeregt. Auch der Geschmack von Brot und Wein zählt sicherlich dazu.

Bewertung: Ganz automatisch spricht die Liturgie mehrere Sin ne an. Angesichts der heutigen Reizüberflutung ist das aber nicht wirklich etwas Neues.

Warum ein Gottesdiensttest?

Die Ergebnisse unserer Gottesdiensttests, das wissen wir, sind rein subjektiv. Warum dann dieser Test? Weil wir glauben, dass es eine Diskussionsbasis braucht, um Kirche und Bürger wieder näher zusammenzubringen. Und weil wir denken, dass Kirche und Glaube nicht weiter auseinanderdriften sollten. Wir freuen uns deshalb auf den Dialog mit Kirchenvertretern, Gläubigen und allen Menschen, die uns ihre Meinung zu diesem wichtigen Thema mitteilen wollen. Schreiben Sie uns: redaktion@infranken.de

Zum Abschluss der Testserie werden unsere beiden Experten Martin Stuflesser und Martin Nicol am 1. November Bilanz ziehen.

Alle Tests werden auf unserem Internetportal gesammelt.

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