Wildflecken

Von der Rhön an den Hindukusch

Roland Reckziegel und Fredi Müller dienten vier Monate im Feldlager Marmal in der Nähe der Stadt Mazar-i Sharif. Im Interview erzählen sie von ihren Erfahrungen vor Ort, der Ausbildung für den Ernstfall und warum sie für Deutschland sterben würden.
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Impression aus dem Feldlager Marmal im Norden Afghanistans. Foto: privat
Impression aus dem Feldlager Marmal im Norden Afghanistans. Foto: privat
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Neulich bekam Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks (CSU) eine Postkarte aus Afghanistan. Der Absender: Fredi Müller, Leiter des Ge fechtssimulationszentrums.
Müller war mehr als vier Mo nate zusammen mit Oberstleutnant Roland Reckziegel, dem Kommandanten des Truppenübungsplatzes im Einsatz im Feldlager Marmal in der Nähe der Stadt Mazar-i Sharif. Dort waren sie im multinationalen Hauptquartier des Regionalkommandos Nord eingesetzt. Ihre Aufgabe war, die eigenen Kräfte zu koordinieren und afghanische Sicherheitskräfte auszubilden.
Im Interview mit der Saale-Zeitung erzählen die beiden von ihren Erfahrungen vor Ort, der Ausbildung für den Ernstfall und warum sie für Deutschland sterben würden.

Saale-Zeitung: Oberst Müller, Sie waren 2002 das erste Mal in Afghanistan. Was war damals Ihr Eindruck vom Land?
Fredi Müller: Das war trostlos. Kabul zu sehen, diese Riesenstadt. Man hat gemerkt, da leben nicht so viel Menschen, wie hier leben müssten. Die Zerstörung war unglaublich.

Oberstleutnant Reckziegel, für Sie war es heuer der erste Einsatz ...
Roland Reckziegel: Ich hatte ja keinen Vergleich. Zum einen herrscht in Mazar-i Scharif das ganz normale Le ben einer Großstadt in Afghanistan. Auf der an deren Seite gibt es nahezu je den Tag Sprengstoffanschläge im Land. Die enge Verzahnung von afghanischen Sicherheitskräften und den ISAF-Truppen hatte ich mir so nicht vorgestellt.

Haben Sie sich sicher gefühlt?
Reckziegel: Nicht wirklich. Es gab in der Zeit unseres Einsatzes ein Gefecht, bei dem ein Soldat vom Kommando Spezialkräfte gefallen ist, und auch im Norden Afghanistans zahlreiche Anschläge. Wir waren aber nicht direkt von diesen Vorfällen betroffen.

Aber sie hätten in dieser Situation sein können.
Reckziegel: Natürlich. Dafür haben wir ja trainiert.

Zum Beispiel im Gefechtssimulationszentrum?
Müller: Genau. Wir bilden alle höheren Stäbe aus, die für die Führung der Truppen im Einsatz zuständig sind. Der Vorteil ist, dass wir zwischen allen Sze narien wählen können: Kriegshandlungen, Sprengstoffanschläge, Naturkatastrophen, Waldbrände, einstürzende Häuser, usw. Der Soldat, der hier ausgebildet wird, lernt die Realität kennen.

Gibt es Grenzen der Simulation?
Müller: Was wir nicht darstellen können, sind menschliche Emotionen: Angst, Freude. Aber ei ne Massenpanik können wir schon wieder darstellen.

Auf dem Truppenübungsplatz macht das VN-Ausbildungszentrum spezielle Lehrgänge für den Einsatz in Afghanistan. Was lernt man da?
Reckziegel: Da geht es darum, die Fähigkeit des einzelnen Soldaten in Stresssituationen zu trainieren, zum Beispiel bei einem IED-Zwischenfall (Anschlag mit improvisierten bzw. behelfsmäßigen Sprengvorrichtungen; Anm. d. Red). Ohne dass ich weiß, ob ich mich im Ereignisfall wirklich so verhalten hätte, bin ich gedanklich darauf eingestellt.
Müller: Ich weiß genau, wo mei ne Ausrüstung sitzt. Ich muss nicht zweimal überprüfen, ob ich mein Verbandpäckchen auch dabei habe. Ich weiß genau, wie ich mit meinen Funkgeräten umgehe, auf welchen Knopf ich drücke. Und ich weiß auch, wo meine Waffe ist. Und wie ich sie einsetze.

Haben Sie vom Einsatz neue An regungen für die Ausbildung mitgebracht?
Müller: Wenn es hier in der Aus bildung darum geht, wie ein afghanischer Kommandeur in einer bestimmten Situation reagiert, kann ich das einschätzen. Und zwar nicht, weil ich das irgendwo gelesen oder gehört habe. Ich habe es erlebt.

Im Dezember 2014 läuft die ISAF-Mission aus. Bricht dann das große Chaos aus?
Reckziegel: Ich denke nicht. Es gab ja den Strategiewechsel, afghanische Sicherheitskräfte aufzubauen, die in der Lage sind, Sicherheit zu gewährleisten. Für mich ist das der Schlüssel zum Erfolg. Sicherheit ist die Grundvoraussetzung für alles andere.

Und dieses Konzept geht auf?
Müller: Es kann aufgehen. Wir müssen realistisch sein in den Zielen, die wir haben. Wenn jemals ein Politiker gedacht haben sollte, dass man in zehn Jahren in Afghanistan ein demokratisches System aufbauen kann, dann hat er geträumt.

Zum 10. Jahrestag erklärte Harald Kujat, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr, den Afghanistan-Einsatz für gescheitert.
Müller: Herr Kujat sagt sehr viel, seitdem er pensioniert ist. Man muss die Fortschritte sehen. Und man kann sie sehen, wenn man das will. Wenn ich heute nach Mazar-i Sharif oder Kabul gehe, dann sehe ich tausende von Kindern, die laufen mit einer Begeisterung in die Schule, da geht einem das Herz auf. Wir wissen zwar nicht, was dort unterrichtet wird. Aber sie gehen in die Schule, sie lernen lesen und schreiben. Die medizinische Versorgung in den Ballungszentren funktioniert. Es gibt Supermärkte und Kaufläden, Zugang zu Information. Das ist alles da. Da soll keiner sagen, es hätte sich nichts getan.

Aber das allein macht ja noch keine Demokratie aus.
Reckziegel: Das ist eine Frage der Erwartung. Bestimmte Ziele, die man zu Beginn des Einsatzes hatte, haben sich als nicht haltbar erwiesen. Man kann nicht ignorieren, auf welchem Stand sich diese Gesellschaft befindet, dass ein gesellschaftlicher Umbruch Jahrzehnte oder vielleicht sogar Jahrhunderte dauert. Es geht darum, bestimmte Rahmenbedingungen zu schaffen, damit ein gewisses Maß an Stabilität und Sicherheit geschaffen wird, die eine schrittweise Entwicklung ermöglichen.

Das heißt, man will heute keine Demokratie in Afghanistan mehr, sondern nur noch Krankenhäuser und Schulen?
Reckziegel: Nein, aber man weiß, dass dieser Prozess sehr viel länger dauert. Und er ist nicht mit unseren Wert- und Entwicklungsvorstellungen zu messen. Ja, wir haben bestimmte Voraussetzungen geschaffen. Der Rest ist Sache des afghanischen Volkes. Und wenn daraus am Ende ein islamischer Gottesstaat wird, dann ist das möglicher Weise ihr freier Wille.

Seit 2002 hat die Bundeswehr nach eigenen Angaben 7,6 Milliarden Euro für den Einsatz in Afghanistan ausgegeben. Vielen Bürgern ist diese Dimension nicht mehr zu vermitteln ...
Müller: Das sind Opportunitätskosten. Was kostet es mich denn, wenn ich kein stabiles Af ghanistan habe?

Was kümmert uns Deutsche denn die Situation am Hindukusch?
Müller: Entschuldigung, aber mit dieser These haben wir aufgehört, als das World Trade Center in Schutt und Asche lag. Es geht um globale Sicherheit.
Reckziegel: Für mich ist es ganz einfach. Unser Parlament hat entschieden, dass sich die Bundesrepublik mit Streitkräften an der Afghanistan-Mission beteiligt. Und dann kostet das einfach auch Geld.

Und für die Soldaten ist das ganze noch ein lukratives Geschäft.
Müller: Wir kriegen 110 Euro pro Tag. Ist das lukrativ? Nein, tut mir leid. Wenn Geld das ein zi ge Argument wäre, dann wäre ich doch lieber in der schö nen Rhön geblieben.
Reckziegel: Sicher spielt Geld als Motivator eine Rolle. Aber man muss doch auch die Frage stellen, warum jemand Berufs- und Zeitsoldat geworden ist.
Nämlich?
Müller: Um diesem Land zu dienen. Als Soldat bin ich bereit, mein Leben zu lassen.
Reckziegel: Und es sind ja nicht nur die Soldaten. Auch Leute, die mit "Ärzte ohne Grenzen" rausgehen oder zum Beispiel in Afghanistan eine Mädchenschule aufbauen, haben das Risiko, dass sie Opfer eines Anschlags werden. Für alle diese stellt sich die Frage: Inwieweit bin ich be reit, persönliche Interessen hinter gesellschaftliche Interessen zurückzustellen.




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