Waldfenster
Natur

Vom Exoten zum Hoffnungsträger des Klimawandels: Die Edelkastanie bei Waldfenster

Die Edelkastanie steht aktuell in der Blüte: Erste Anbauversuche in der Rhön sind vielversprechend verlaufen.
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Richard Henneberger von den bayerischen Staatsforsten betrachtet die Blütenstände einer Edelkastanie.Johannes Schlereth
Richard Henneberger von den bayerischen Staatsforsten betrachtet die Blütenstände einer Edelkastanie.Johannes Schlereth
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Zwischen Platz und Waldfenster blühen aktuell echte Exoten im Wald. "Die Edelkastanie ist einer unserer Hoffnungsträger im Klimawandel, eigentlich wächst sie eher im Mittelmeerraum", erklärt Richard Henneberger vom Forstbetrieb Bad Brückenau. In einem Projekt wurden nun von den bayerischen Staatsforsten Edelkastanien auf Flächen angesät und gesetzt, auf denen es anderen Baumarten bereits zu trocken ist. "Die Edelkastanie könnte durch ihren natürlichen Ursprung eine nutzbare Baumart im Wald der Zukunft darstellen. Aktuell befinden wir uns aber noch im Entwicklungsstadium."

Ein weiterer Grund, die Edelkastanie eventuell auch in den Rhöner Wäldern zu kultivieren, liegt unter anderem in der Vielseitigkeit des Baumes . "Wir haben hier viele Bodenarten - vom Buntsandstein, zum Muschelkalk- bis hin zum Basalt. Das gibt uns viele waldbauliche Möglichkeiten", erklärt Richard Henneberger.


Bewegte Geschichte

Doch nicht nur für den Klimawandel ist der Baum interessant: Auch die Geschichte der Edelkastanie, und ihrer Frucht - der Esskastanie - ist spannend. Sie wurde von den Römern in der Antike in Europa eingeführt, durch einen Anbauerlass von Karl dem Großen gefördert und im 17. Jahrhundert von der Kartoffel verdrängt, um schließlich in Vergessenheit zu geraten. Die Edelkastanie kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken.


Von der Armenspeise zur Delikatesse

"Die Esskastanie ist unheimlich vielseitig, früher wurde aus ihr Mehl und Tierfutter gewonnen", führt Richard Henneberger, vom Forstbetrieb Bad Brückenau aus. "Heute findet man sie häufig auf Weihnachtsmärkten wieder." Der Weg zur warmen Delikatesse im Winter war jedoch ein langer, galt die Esskastanie lange als "arme Leute Essen".

Das Ziehen einer Edelkastanie sei jedoch ein Fall für sich: "Als einzelner Baum am Waldrand oder als Reinbestand wird sie häufig von anderen Arten verdrängt." Daher werden die Bäume im Weitverband gepflanzt. "Das heißt, dass die Baumreihen drei Meter Abstand von einander haben und der Abstand der Bäume in den Reihen drei Meter auseinander stehen", erläutert der Revierleiter. Eine andere Verbreitungsmöglichkeit sei der natürliche Weg, "etwa durch Eichhörnchen, die die Samen verbreiten."

Im Alter neigt die Kastanie zur Höhlenbildung, die von Wildkatzen und Vögeln als Rückzugsort genutzt werden. Doch nicht nur für Säugetiere und Vögel hat die Edelkastanie Potenzial: "Durch die lange Blüte von Juni bis Juli ist sie ideal für viele Insekten, die auf Pollen angewiesen sind." Die gelblich-weiße Kätzchenblüte ist auch für Laien schnell zu erkennen, sind die Blütenstände bei den männlichen Edelkastanien doch bis zu 30 Centimeter lang.


Ideal für die Terasse

Nach etwa 60 Jahren kann die Kastanie gefällt werden, allerdings kann sie bis zu 600 Jahren alt werden. "Der Regelfall sind aber eher 150-180 Jahre", informiert Henneberger. Kultiviert wird die Kastanie für die Fruchtproduktion und für den Holzeinschlag. "Das richtet sich nach dem BHD - dem Brusthöhendurchmesser: Also dem Durchmesser des Baumes auf Brusthöhe, der bei rund 50-60 Zentimeter liegen soll", informiert Henneberger. "Das Holz der Castanea sativa sei witterungs- und feuchtigkeitsbeständig. Viele verwenden es deshalb für ihre Terrasse", legt der 53-Jährige die Vorzüge des Holzes dar. Auch Winzer wissen das Holz zu schätzen und bauen daraus Rebpfähle.


Nichts wird verschwendet

Im Gegensatz zu anderen Bäumen, bei denen die Rinde ein Abfallprodukt ist, kann diese bei der Edelkastanie verwendet werden. "Die Rinde kommt in die Lederproduktion, der Grund dafür sind die enthaltenen Gerbstoffe", erklärt der Revierleiter. Bis die Edelkastanie ihr volles Potenzial entwickeln kann, muss jedoch einiges beachtet werden. "Gefährlich für den Baum ist vor allem der Rindenkrebs", teilt Henneberger mit. Im Fall der Edelkastanie handelt es sich um zwei Krebsarten. Die Krankheit wird durch einen eingeschleppten Pilz ausgelöst. Durch die Infektion können Teile des Stammes und der Krone absterben. "Wenn der Baum von der weniger aggressiven Form befallen ist, die wieder ausheilt, kann der Aggressive, der oft zum Absterben des Baums führt, die Kastanie nicht mehr befallen", führt er aus. Es gibt sogar ein Projekt, bei dem Bäume mit dem weniger bösartigem Krebs geimpft werden, um eine Art Immunisierung zu erzielen.


Zahleninfo:

2000 Hektar hat das Revier Stangenroth, das dem Forstbetrieb Bad Brückenau untergeordnet ist. Das Gebiet erstreckt sich vom Totnansberg bis nach Oehrberg.

35 Meter in der Höhe kann eine Edelkastanie im Wald erreichen.

25 Meter ist die durchschnittliche Höhe, wenn der Baum frei steht.

2 Meter kann eine Edelkastanie im Durchmesser erreichen.


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