Bad Kissingen
Sommernächte

...und dann eine Torte

Der Tenor Julian Prégardien sang mit dem Münchner Rundfunkorchester Lieder von Schubert, Liszt und Berlioz' "Nuits d'été".
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Wurden am Ende gefeiert: der Dirigent Ramón Tebar und der Tenor Julian Pregardien.Gerhild Ahnert
Wurden am Ende gefeiert: der Dirigent Ramón Tebar und der Tenor Julian Pregardien.Gerhild Ahnert
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Man hatte es ja eigentlich schon geahnt, dass es Julian Pregardien etwas schwer haben würde, sich immer mal wieder ein paar Bravo-Rufe einzufangen. Nicht, dass man auch nur den geringsten Zweifel an der Stimme oder den Kompetenzen des Tenors gehabt hätte - auf seinen Auftritt mit dem Münchner Rundfunkorchester konnte man sich wirklich freuen. Aber wenn man das Programm sah, konnte man diese Zweifel wirklich bekommen. "Sommernächte" war es überschrieben und das war schon deshalb naheliegend und nicht unlogisch, weil das Großwerk des Abends Hector Berlioz" "Nuits d"été", eben Sommernächte" war. Aber die gesamte Auswahl der Werke war ausschließlich auf die Romantik beschränkt, und das war nicht ganz unproblematisch. Denn vor allem das deutsche romantische Kunstlied ist hochgradig pessimistisch, ist oft von einer Folie der Bedenklichkeit, der Trauer, der Verzweiflung, des Todes überzogen nach dem Motto: "Es geht mir nur gut, wenn es mir schlecht geht." Im romantischen deutschen Kunstlied wird selten gelacht - meistens steckt dann ohnehin Heinrich Heine dahinter.

Man wurde also ziemlich runtergezogen, aber nicht gleich. Ramón Tebar, der schon im vergangenen Jahr das Münchner Rundfunkorchester dirigiert hatte, begann das Konzert dieses Mal mit der Ouvertüre zu Carl Maria von Webers "Oberon". Das Solohorn eröffnete mit einer lyrischen Fanfare das, was die Zeit gerne "Waldweben" nannte, die Holzbläser spielten raschelnde Einwürfe, als würden Mäuse durchs Unterholz huschen, und dann baute sich sehr schnell das typische romantische Waldtableau mit warmen, weichen Klangfarben auf, um hinüberzuleiten in die virtuose Dramatik, die die Oper ausmacht. Das war ausgezeichnet kalkuliert, mit starken Kontrasten und zum Teil mit Tempi an der Grenze der Durchhörbarkeit - was wohl auch ein bisschen daran lag, dass die Orchesterkonzentration erst 99,9 Prozent erreicht hatte.

Und dann kam Julian Prégardien mit drei Schubert-Liedern, "Was belebt die schöne Welt?", "Im Abendroth" und "Lied vom Wolkenmädchen", das erste und letzte aus Opernzusammenhang, das mittlere in der Orchestriering von Max Reger. Prégardien irritierte zunächst ein bisschen, weil der vermeintlich unbeteiligt sang. Aber das war es nicht. Er ist einer, der eher zu Understatement neigt, der es nicht nötig hat zu zeigen, wie schwierig sein Tun ist - das hat er offenbar von seinem Vater geerbt.

Dabei singt er schnörkellos genau, trifft die angepeilten Töne auf Anhieb und braucht deshalb auch kein Vibrato - das Stimmen immer kräftiger wirken lässt, als sie sind. Dafür kann er diese Energie für eine ganz bewusste, klare emotional gesteuerte Artikulation nutzen. Wobei er auch hier nicht überdramatisiert, sondern den Rahmen der Natürlichkeit einhält.

Das ist zunächst alles ein bisschen irritierend, weil es so selten vorkommt. Aber wenn man sich darauf einstellt und einlässt, kann man bei ihm viele Entdeckungen machen. Und wenn es nur die ist, dass die drei Schubert-Lieder vom Melodischen her eher schlicht gestrickt sind und nicht die letzte Herausforderung an die Interpreten.

Das war bei Franz Liszts "Drei Liedern aus Wilhelm Tell" (Der Fischerknabe, Der Hirt, der Alpenjäger) natürlich anders. Denn der dachte stärker an Virtuosität und Extrovertiertheit - ein Ansatz, den Julian Prégardien souverän und in starker Gestaltung erfüllte. Aber gerade weil er das tat, tat er den Liedern keinen Gefallen. Denn es wurde nicht nur deutlich, wie sehr Schiller in seinen Texten die Klischees aus dem Urnerland bediente und dass Liszt sie nicht relativierte oder gar ironisierte, sondern verstärkte. Das galt auch für "Die Lorelei", die in ihrer derart steigenden Aufgeregtheit über den verführten Schiffer heute eigentlich nicht mehr - oder eben nur als losgelöstes Kunstlied - zu vermitteln ist.

Wunderbare Klangbilder

Dazwischen gab's Instrumentales: Mendelssohns "Meeresstille und glückliche Fahrt" bei dem das Orchester wunderbare Klangbilder und -farben von lastender Flaute (obwohl es damals schon Dampfer gab) bis zum tosenden Seesturm und erleichterter Ankunft malte. Und der zweite Teil des Konzerts begann mit Hector Berlioz' "Le carnaval romain", einer ebenso vielseitig, farbig und kontrastreich musizierten Programmmusik.

Und dann eben der Namensgeber des Konzerts, die "Nuits d'été" nach Texten von Théophile Gautier - ein Werk, das zwar auch märchenhaft versponnen ist und das auch von himmelhoch jauchzend verliebt bis in den Tod betrübt daher kommt. Aber Gautier und Berlioz haben eigens neue Ausdrucksmittel geschaffen. Die Musik wirkte auch vom Orchester her perfekt vorbereitet mit einer wunderbaren Klang- und Farbenregie, die die Wirkung der Texte verstärkt.

Und es zeigte sich, dass Julian Prégardien ein Sänger ist, der mit der gesungenen französischen Sprache hervorragend klarkommt und der immer exakt am Text entlang artikulierte, der plastische Stimmungsentwicklungen und Umstürze gestaltete, der das Romantische dieses Werkes auf eine emotional erfahrbare Ebene brachte. Selten kann man die "Nuits d'été" als eine derart durchgehende Einheit empfinden.

Die Zugabe: Eine Überraschung

Bei der Zugabe kam es dann zur Komplikation: Den "Erlkönig", die Goethe-Vertonung von Franz Schubert in der Orchestrierung und dadurch Dramatisierung durch Hector Berlioz - eine Zusammenfassung des Abends - hatte Julian Prégardien angekündigt. Aber als er nach den ersten beiden Akkorden des Orchesters gerade anfangen wollte zu singen, merkte er, dass er im wahrsten Sinn des Wortes im falschen Lied war. Denn was das Orchester mit Inbrunst röhrte, klang zwar wie Berlioz, war aber "Happy Birthday". Und als dann auch noch Intendant Tilman Schlömp auf das Podium kam und ihm eine üppige Geburtstagstorte überreichte, war er so gerührt, dass er eigentlich nur noch ein bisschen rumstammeln und sagen konnte: "Das habe ich ja noch nie erlebt."

Den "Erlkönig" sang er dann nach einer kurzen Pause, nachdem er sich die Rührung aus dem Gesicht gewischt und sich wieder auf die Musik konzentriert hatte. Und das in einer hochdramatischen Weise, der man das höhere Alter des Interpreten nicht im Geringsten anmerkte. Das Lied wurde zum zündendsten Beitrag des Abends. Obwohl Julian Prégardien vor dem Start gemeint hatte, dass es "jetzt vielleicht nicht ganz zur Situation passt." Das hätte es offen gestanden auch ohne Geburtstag nicht wirklich. Denn an einen Ritt durch Nacht und Wind, an dessen Ende das Kind tot ist, denkt man bei "Sommernächten" eigentlich zu allerletzt. Dafür hatte es eigentlich schon genug Tod und Tränen gegeben. Und noch ein Hinweis für die Statistiker und Datenmerker: Julian Prégardien ist jetzt ein Jahr lang 35 - bis zum 12. Juli 2020.

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