Bad Kissingen
Amüsant

Unbändige Spiellust und alle Facetten der Liebe in Bad Kissingens Kurtheater

Die Shakespeare Company Berlin eröffnet mit "Love's Labour's Lost", einem Frühwerk des Dramatikers, den 34. Theaterring der Stadt Bad Kissingen.
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Die sechs Darsteller der Shakespeare Company Berlin am Ende des Spiels um "Liebes Leid und Lust", oder "Verlorene Liebesmüh" oder "Love's Labour's Lost" im Kurtheater, wo sie in der Auftaktveranstaltung zum 34. Theaterring wieder überschwänglich vom Publikum gefeiert wurden. Foto: Gerhild Ahnert
Die sechs Darsteller der Shakespeare Company Berlin am Ende des Spiels um "Liebes Leid und Lust", oder "Verlorene Liebesmüh" oder "Love's Labour's Lost" im Kurtheater, wo sie in der Auftaktveranstaltung zum 34. Theaterring wieder überschwänglich vom Publikum gefeiert wurden. Foto: Gerhild Ahnert

Was bringt seit mehr als 2000 Jahren die Menschen ins Theater? Eine ganze Menge Voyeurismus ist da bestimmt dabei. Vom bequemen Sessel aus können sie reinschauen in die Ehegefängnisse Ibsens ebenso wie in die aus dem Tritt geratenen Herzen von Verliebten. Letzteres ist schon immer Hauptthema von Komödien, und William Shakespeare hat in seinen ganze Versuchsreihen dazu geschaffen. Sein "Love's Labour's Lost" (wörtlich: "Liebespein ist vergeblich") erinnerte deshalb in der Aufführung der Shakespeare Company Berlin, die den 34. Theaterring der Stadt Bad Kissingen mit diesem Frühwerk eröffnete, wie eine Art "Best of" aus all seinen und den Liebesgeschichten zukünftiger Komödienschreiber (vom Partnerwechsel mit Pucks Zutun in Shakespeares "Sommernachtstraum" bis zum bösartig inszenierten Tausch des Liebesobjekts in Da Ponte/Mozarts "Così fan tutte").

Sich lustig machen

Shakespeares "Verlorene Liebesmühe" war bei seiner Uraufführung 1597 am Hof von Königin Elisabeth I. ein Riesenerfolg, denn es spielt mit allgemeinmenschlichen Liebeserfahrungen, Liebestollheiten und Liebesnöten genauso wie mit Zitaten, Anspielungen auf die antike und zeitgenössische Literatur Shakespeares und macht sich dabei auch über die gekünstelte Liebeslyrik, die fein ziselierten Sonette der italienischen und englischen Renaissance lustig.

Dass aus der Aufführung aber etwas ganz anderes als ein leidlich interessanter Blick in die Literaturgeschichte wurde, ist wieder einmal mehr dem so ganz anderen Zugriff der Berliner Truppe auf das Werk des größten Dramatikers aller Zeiten zu danken. Shakespeare-Spezialist Christian Leonard, Gründer und Leiter der Truppe, kann in seiner für uns Deutsche anfangs des 21. geschaffenen Übersetzung die lyrische Kraft und Schönheit der Shakespeare'schen Sprache ebenso rüberbringen wie die Lächerlichkeit des gefeierten Schönschwätzers Don Adriano de Armado oder die herzhafte Ehrlichkeit des Bauernburschen Kostdat. Und er hatte bei der Gestaltung des von 14 Rollen für sechs Schauspieler zusammengedampften Personals in Jens Schmidl einen ebenso versierten Regisseur. Der konnte natürlich aus dem Vollen schöpfen bei seiner in Deutschland beinahe einzigartigen spielfreudigen Truppe, in der jeder zwei bis fünf Rollen übernahm. Und wie gewohnt waren Beschränkung auf wenige Schauspieler und ständiger Rollentausch kein aus Sparsamkeit geborenes Manko, sondern ein ganz wesentlicher Quell des überschäumenden Vergnügens, das das Publikum auch bei diesem Gastspiel hatte.

Absolut passende Rollenverteilung

Denn obwohl die Rollenverteilung der drei Damen, Isabelle Feldwisch als dominante, abgehobene Prinzessin von Frankreich, Vera Kreyer als ihre ruhige Hofdame Katharina und Johanna-Julia Spitzer als ihre handfeste und auch vorwitzige Gefährtin Rosaline, absolut passend besetzt waren, gab Isabelle Feldwisch auch Spross, den liebenswerten Pagen Don Armados mit seinen intelligenten Repliken auf die Hohlheiten seines Herrn, Vera Kreyer auch den aufgeblasenen Don Armado in all seiner lächerlichen Überspanntheit und Johhanna-Julia Spitzer den liebenswert quirlig berlinernden ländlichen Burschen Kostdat in seiner Treuherzigkeit absolut überzeugend. Benjamin Plath war ein hoheitsvoller, je nach Szene auch blasierter, seine Hoheit in heftigen Ausbrüchen und raffinierter Überredungskunst ausspielender König von Navarra und konnte auch dessen Kapitulation vor der Macht der Liebe berührend zeigen.

Zu allen Schand- und Verrenkungstaten bereit

Thomas Weppel spielte seinen Hofmann Dumain als geradlinigen Naturburschen, der seine Brustmuskulatur und Haarpracht genüsslich zur Schau stellt, aber in gänzlich anderer Rolle auch Boyet, den ehrlichen, ständig um ihr Wohl besorgten Diener der Prinzessin, zu geben wusste. Biron, Spitzname "Lord Byron" , Shakespeares wort- und versgewaltiger Berowne, fand in Thilo Herrmann einen nicht nur sprachlich überaus wendigen, sondern körperlich absolut zu allen Schand- und Verrenkungstaten bereiten Darsteller, der in seiner Bühnenpräsenz und mitreißenden Komik nur durch sich selbst übertroffen wurde: Seine Darstellung des Bauernmädchens Jaquenetta mit ganz aus heutigen Castingsshows kopierten Laszivität und dumm-naivem Gesichtsausdruck war einfach umwerfend.

Wie immer kostete die Truppe ihre Liebe zu Slapstick, Trubel, Karikatur, gewitzter Übertreibung aus, doch gab es auch diesmal Momente der Feier der dichterischen Sprache, der Brillanz der spitzfindigen Repliken, des Innehaltens mithilfe der zu Shakespeares Zeit sehr beliebten Songs, die die Schauspieler wie immer mit überzeugender Stimme und eigener Begleitung sangen (musikalische Gestaltung: Nico Selbach).

Jäher Stimmungsumschwung

Auch die absolute Besonderheit in dieser Shakespearekomödie fand im von Carla Satoca Berges und Francesca Ercoli praktisch, im Sinne der Shakespearezeit weitgehend als leerer Raum gestalteten Bühnenbild sinnfälligen Ausdruck: Als kurz vor Schluss die fröhlich in Komödienglück und Heirat zu driften scheinende Handlung durch die Nachricht vom Tod des Vaters des Prinzessin von Frankreich unterbrochen wird, wird dieser jähe Stimmungsumschwung durch das Herunterfallen des hinteren Bühnenvorhangs mit der beziehungsreichen Aufschrift "Fame" sinnfällig gemacht. Der Umkleideraum liegt frei und auch die Mimen treten aus den Rollen. Dass alles auf der Bühne Illusion, Schein ist, ist eines der Hauptthemen Shakespeares, und die Mimen aus Berlin haben eindrucksvoll auch daran erinnert. Das Publikum feierte sie für sein Vergnügen und ihre unbändige Spiellust mit vielen Bravos und langem Applaus.



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