Bad Kissingen
Kissinger Sommer

Umwerfende Musik

Paavo Järvi über Mozarts c-moll- Messe, über ihre Bedeutung für ihn und die Gründe des Tausches im Abschlusskonzert.
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Paavo Järvi erfüllt sich mit der c-moll-Messe von Mozart mit den Bremern einen Traum.  Foto: Thomas Ahnert
Paavo Järvi erfüllt sich mit der c-moll-Messe von Mozart mit den Bremern einen Traum. Foto: Thomas Ahnert

Ursprünglich war für das Abschlusskonzert im zweiten Teil Joseph Haydns Sinfonie mit dem Paukenwirbel angekündigt worden. Aber jetzt wird es die berühmte c-moll-Messe für Soli, Chor und Orchester von Wolfgang Amadeus Mozart, die den Beinamen "Große Messe" bekam, obwohl sie unvollendet blieb.Warum wurde getauscht? Wir haben nachgefragt.

Wessen Idee war es, die Mozartmesse anstelle der Haydn-Sinfonie aufzuführen?

Paavo Järvi: Es war meine Idee, weil ich den Eindruck hatte, dass wir in letzter Zeit so viele Haydn-Sinfonien gemacht haben und das Haydn-Projekt sowieso weitergeht. Aber es war reizvoll, das Festival von Bad Kissingen zu benutzen, um etwas zu machen, das außerhalb unseres normalen Repertoires liegt. Und da wir letztes Jahr "Lobgesang" und im Jahr vorher den "Sommernachtstraum" gemacht hatten, würde es sehr interessant sein, ein weiteres großes Chorwerk zu erforschen. Es gibt nichts Größeres als die c-moll-Messe.

Welche Bedeutung hat diese Mozart- Messe für Sie?

Ich betrachte die meisten religiösen Chorwerke von einem völlig nichtreligiösen Standpunkt. Ich glaube, dass das Verdi-Requiem etwas, aber nicht so viel mit Religion zu tun hat. Und ich denke, dass das Brahms-Requiem nicht so religiös ist, wie man uns vielleicht beigebracht hat. Und es ist ganz klar, dass Mozarts Requiem und die c-moll-Messe eine geistliche und religiöse Seite haben, aber für mich sind sie einfach großartige Chorwerke. Sie sind Musik, die viele Komponisten einfach nicht anerkennen würden, weil sie nicht vollständig sind. Im Falle Mozarts ist das anders, da das, was er in ihnen hinterlassen hat, so unglaublich fantastische Musik ist, so umwerfend und so profund, dass wir sie einfach spielen müssen. Für mich ist die c-moll-Messe einfach ein Meisterwerk, so wie etwa das am wenigsten religiöse Requiem von Fauré es ist. Es ist ein bestimmtes Genre. Und wenn die Leute sagen, dass sie ein Festival nicht mit einem Requiem beginnen möchten, dann missverstehen sie meiner Meinung nach eine Menge, denn ein Requiem ist traditionellerweise eine Totenmesse, aber wenn man Fauré, Mozart, Brahms, Verdi betrachtet, ist es einfach ein großes Chorwerk und erst dann eine religiöses Werk.

Führen Sie die Messe zum ersten Mal mit den Bremern auf und ist es das erste Mal für die Bremer?

Der Bremer haben es schon oft aufgeführt und ich habe es schon oft dirigiert, aber wir machen es zum ersten Mal zusammen. Deshalb ist es so etwas wie eine bedeutsame neue Erfahrung für uns.

Was haben Sie den Musikern gesagt, bevor Sie mit den Proben begannen?

Wir arbeiten schon 20 Jahre zusammen. Deshalb ist das Einzige, was ich zu den Musikern sagen muss, wenn wir ein neues Stück beginnen, ist: "Guten Morgen!" Ich halte keine Motivationsreden am Anfang, vor allem nicht bei der Kammerphilharmonie. Das Orchester und ich haben eine solch ähnliche Auffassung und haben schon so viel Musik zusammen gemacht, dass es der Worte nicht wirklich bedarf.

Und was ist Ihnen in diesem Stück wichtig?

In diesem Stück? Alle diese Kompositionen stellen die gleichen Probleme wie alle anderen Musikstücke: Probleme der Proportion, der Ausgewogenheit, der Beziehungen zwischen den Tempi, der unterschiedlichen Lautstärke. Und so gehen wir - oder zumindest ich und selbstverständlich auch das Orchester - sie auf einer sehr musikalischen Basis an. Wir beginnen zu spielen und sagen uns: Okay, das ist jetzt das Tempo, wie gestalten wir die Übergänge, was ich die richtige Balance, wen sollten wir mehr hören, wen weniger? Wir müssen uns dort der Akustik anpassen, wo wir proben und dort, wo wir die Aufführung spielen. Der Prozess ist sehr organisch und sehr an der Musik orientiert. Es ist auf jeden Fall ein sehr organischer, kein akademischer Prozess und hat sicherlich auch keinen unterrichtlichen Charakter. Es ist der Prozess, ein Musikstück zu schaffen mit Musikern auf einem sehr hohen Niveau.

Warum hat Mozart dieses Stück Kirchenmusik in einer problematischen Zeit geschrieben, die dieser nicht gewogen war?

Ich glaube, er war verliebt und er dachte an diese Konstanze, die ja übrigens das erste "Et incarnatus" sang, und er hoffte auch irgendwie, dass ihr Vater ihn akzeptieren würde, was er ja anfangs nicht tat. Meiner Ansicht nach gab es eine Menge persönlicher Gründe für Mozart. Ich denke auch, dass viele Komponisten, sogar die größten, Musik aus zwei Gründen komponierten. Sie hatten entweder einen Auftrag oder sie mussten Geld verdienen oder sie hatten bestimmte Personen im Auge, die ihre Sponsoren werden könnten. Zuerst ist da immer eine innere Notwendigkeit, ein Musikstück zu schreiben, aber ich denke, eine Menge dieser größeren Kompositionen wurde auch aus konkreten und praktischen Gründen geschrieben. Musiker in dieser Zeit waren viel praktischer orientiert und ihr Leben war auch viel komplizierter, als wir uns heutzutage vielleicht vorstellen können. Und eine Menge der größten und viel aufgeführten Werke wurden in Wirklichkeit einfach geschrieben, weil der Komponist ein Einkommen brauchte. Wenn wir uns nur Beethoven anschauen, der dasselbe Stück zwei verschiedenen Grafen widmete. Ich denke, dass die wirkliche Motivation ein Stück zu schreiben, immer ein Geheimnis bleiben wird. Niemand wird jemals wissen, wie jemand etwas so Großes hervorbringen wird. Aber es hat wahrscheinlich weniger mit dem religiösen und spirituellen Aspekt zu tun, als vielmehr damit, eine Messe zu schreiben. Auch damit, dass Mozart als Musiker sehr stark von Händel und Haydn beeinflusst war, und dies waren die großen Komponisten von Chormusik. Und er musste sich beweisen, indem auch er Chormusik schrieb. Es gibt buchstäblich Stellen in der Messe, in der man beinahe Händels "Halleluja" hört.

Warum hat er mitten in der Komposition mit dem Schreiben aufgehört?

Ich weiß es nicht. Es ist ein Geheimnis. Niemand weiß es wirklich, obwohl es viele Theorien gibt. Vielleicht war er enttäuscht, weil der Vater Konstanzes ihm keine Anerkennung schenkte. Vielleicht hat er auch einen besseren Auftrag gekriegt.

Hätte er es nicht für Konstanze beenden können?

Das stimmt. Aber allein diese besondere Arie, das "Et incarnatus est", die er für sie geschrieben hat, ist schon für sich allein eine der größten Kompositionen. Diese wunderbare Holzbläserkadenz mit dem Sopran am Ende weist auch in die Zukunft, da man nicht oft drei Holzbläser und einen Sopran findet, die zusammen eine Kadenz musizieren. Das ist sehr originell, und es ist auch unglaublich schön.

Wer wird sie singen?

Wir haben eine wunderbare Sopranistin, Valentina Farcas.

Wir kennen sie hier aus ihrer Anfangszeit am Meininger Theater.

Sie ist eine großartige Sängerin. Ebenso wie Julia Lezhneva, die eine außerordentlich gute Sängerin ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führteThomas AhnertÜbersetzung: Gerhild Ahnert

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