Bad Brückenau
Geschichte

Suche nach Spuren von Ernst Putz in Bad Brückenau

Der KPD-Reichstagsabgeordnete Ernst Putz starb vor 80 Jahren in einem Berliner Gefängnis. Während er in der DDR als Bauernführer und "Florian Geyer der Rhön" gefeiert wurde, ist die Spurensuche in seiner Heimatstadt Bad Brückenau schwierig.
Artikel drucken Artikel einbetten
Eine der wenigen Fotoaufnahmen des langjährigen Reichstagsabgeordneten Ernst Putz, der morgen vor 80 Jahren unter nicht vollständig geklärten Umständen ums Leben kam. Fotos: Archiv/Ralf Ruppert
Eine der wenigen Fotoaufnahmen des langjährigen Reichstagsabgeordneten Ernst Putz, der morgen vor 80 Jahren unter nicht vollständig geklärten Umständen ums Leben kam. Fotos: Archiv/Ralf Ruppert
+14 Bilder
In diesen Tagen jährt sich der Todestag des in Bad Brückenau geborenen Reichstagsabgeordneten Ernst Putz zum 80. Mal. Wann genau, ist unklar: Lange galt der 15. September als Todestag, laut einer Sterbeurkunde, die die Stadt Bad Brückenau 1988 im Standesamt Berlin Tiergarten angefordert hat, starb er bereits am 12. September zwischen 4 und 5 Uhr. Nach Auskunft der Familie könnte er auch bereits am 9. September gestorben sein.

Todesumstände sind nicht geklärt

Auch bei der Todesursache gibt es Fragezeichen: Die offizielle Version der Nationalsozialisten lautete 1933 "natürlicher Tod". Seine Familie schloss einen Freitod nicht aus: Ernst Putz wäre damit der weiteren Folter und einer Verurteilung mit Sippenhaft und Enteignung der Familie entgangen. DDR-Historiker und KPD sprachen von Ermordung. Fest steht nur, dass Ernst Putz im Alter von nur 37 Jahren im Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit ums Leben kam.

In der DDR war Putz ein Volksheld. "Hier werden Sie viele finden, die mit dem Namen Ernst Putz etwas anfangen können", berichtet Peter Lümpert, 2. Bürgermeister der kleinen thüringischen Gemeinde Oberweid. Die Erinnerung an den Bauernführer sei von vielen Älteren hoch gehalten worden. In der Ortschronik ist Putz bei einer Tagung des "Bundes schaffender Landwirte" in Oberweid 1931 abgebildet.

Die Schule in Unterweid trug seit den 70er Jahren den Namen von Ernst Putz, noch 1984 wurde ein Gedenkstein für Putz eingeweiht. Die Wende änderte das alles: In Oberweid heißt die frühere Ernst-Putz-Straße bereits seit 1991 wieder Kaltenwestheimer Straße. "Heute will natürlich niemand mehr die Roten wieder haben", begründet Lümpert den Stimmungswechsel. Vieles werde in einen Topf geworfen, obwohl sich viele einig seien: "Er hat sich damals sehr für die armen Rhönbauern eingesetzt."

Gedenktafel in Oberweid

Eine Tafel zum Gedenken an den "revolutionären Führer der Rhönbauern" Ernst Putz hat Gastwirt Ralf Lümpert aufgearbeitet und im Gasthof "Silberdistel" in Oberweid aufgehängt - "aus geschichtlichem Interesse für die Rhön und die Gemeinde." Damit hat Oberweid etwas, was Putz' Heimatstadt nicht hat: Eine Gedenkstätte an den Kommunisten, dem der Widerstand gegen die Nazis zum Verhängnis wurde. "Er ist ein Beispiel für Zivilcourage, Mut und Toleranz. Im Nachhinein ist er ein Held, vielleicht sollte man das auch öffentlich mal so deutlich sagen", gibt sich Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks durchaus nachdenklich. Auslöser war die Recherche der Saale-Zeitung: "Ich habe mich erst jetzt mit seiner Geschichte befasst." Das Fazit der Bürgermeisterin: "Natürlich sind wir stolz auf diesen Sohn unserer Stadt."

Die bislang einzige politische Würdigung für Putz in Brückenau liegt lange zurück: Am 7. März 1946 schlug der damalige KPD-Stadtrat Otto Kenner die Umbenenung der Badstraße in Ernst-Putz-Straße vor, weil Putz "sein Leben für eine große Sache gegeben habe", so das Protokoll der Sitzung. Alle acht Stadträte schlossen sich an, drei Tage später, am 10. März, gab es eine Feier zum "Tag der Opfer des Faschismus".

Geboren am 20. Januar 1896

Die Badstraße hatte Kenner ausgewählt, weil an ihr das Geburtshaus von Ernst Putz steht: der Sinntalhof. Ernst Putz wurde als zweites von fünf Kindern des Künstlers Sebastian Putz und seiner Frau Amalia, geborene Moritz, am 20. Januar 1896 geboren. Der Vater kam als Bauzeichner zum Eisenbahnbau von Osterhofen/Niederbayern nach Brückenau und nannte sich nach der Hochzeit vom 12. Oktober 1893 Bildhauer und Gutsbesitzer vom Sinntalhof.

Mutter Amalie Putz stammte aus einer alteingesessenen Familie, deren Wurzeln bis in die fuldische Zeit zurückreichten. Die Familie stellte lange den Badpächter, bewirtschaftete den alten Sinntalhof als landwirtschaftliches Gut und baute den neuen Sinntalhof auf. Nach dem Krieg (siehe Info-Kasten) kümmerte sich Putz um Pension und Gut.

Erste weiterführende Schule

Daneben tat er etwas für die Bildung: Mit Geldgeber Dr. Max Bondy hatte er bereits in Auerbach eine Freie Schul- und Werkgemeinschaft gegründet, mit der er 1920 nach Brückenau umzog. Pfarrer Ulrich Debler († 2004) bezeichnete die Schule als "Vorläufer des Franz-Miltenberger-Gymnasiums", da es sich um die erste weiterführende Schule in der Stadt handelte.

"Mit ihm starb ein ehrlicher Streiter für die Sache der armen bäuerlichen Bevölkerung, der eifrig und uneigennützig anderen helfen wollte", schrieb der langjährige Stadtheimatpfleger Leonhard Rugel über Putz. Bereits zu Lebzeiten sei er der "Florian Geyer der Rhön" genannt worden.

Familie Die Eltern von Ernst Putz, Amalie und Sebastian Putz, hatten insgesamt fünf Kinder: Die älteste Tochter Elisabeth wurde Tanzlehrerin und gab sich später den Künstlernamen Valtari. Nach Ernst Putz kam sein Bruder Josef, der im Ersten Weltkrieg fiel und an den eine Gedenktafel an der Marienkirche erinnert. Die jüngsten Geschwister hießen Charlotte (Bildhauerin, längere Zeit betreut von den Bruderhöfern) und Sophia.

Schule Ernst Putz besuchte ab 1906 das Gymnasium Aschaffenburg, ab 1910 das Gymnasium Würzburg und ab 1913 die freie Schulgemeinde in Wickersdorf bei Saalfeld/ Thüringen. Im August 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, wurde aber abgewiesen. Im Gymnasium Berlin-Lichterfelde absolvierte er eine Ausbildung als Funker und schaffte das Abitur.

Kriegsdienst Am 22. März 1915 ging Ernst Putz zur Kriegsmarine und besuchte die Offiziersschule in Kiel. Dann war er Leutnant auf Torpedobooten des Marinekorps Flandern und auf dem Linienschiff "Posen". 1917 kam er zum Einsatz an der Westfront und machte bis 1918 den Rückzug in Flandern mit.

Rückkehr 1918 schrieb er sich an der Universität Jena für Mathematik und Philosophie ein und arbeitete als Lehrer in Auerbach. Im gleichen Jahr starb seine Mutter, deshalb rief ihn sein Vater 1920 zurück nach Brückenau, verwaltete das Gut und gründete eine Schule (Bericht oben).

Politik Weil ihm die vielen Berichte über Selbstmorde von Bauern auffielen, gründete er im Winter 1923/24 den "Bund der schaffenden Landwirte" mit. Auf dem ersten Rhönbauerntag am 12. Oktober 1924 verkündete Putz vor mehr als 400 Bauern aus 40 Gemeinden seine "Gersfelder Forderungen". Als zunächst parteiloser Kandidat kandidierte er auf der KPD-Liste für den Reichstag, in den er 1924 als dessen jüngstes Mitglied mit nur 28 Jahren gewählt wurde. Erst im Juli 1926 trat er auch tatsächlich in die KPD ein. Nach der Machtergreifung Hitlers und dem Verbot der KPD arbeitete er von Frankenheim aus im Untergrund weiter. Am 19. Juli 1933 wurde er von der Geheimpolizei verhaftet und ins Gefängnis Berlin-Moabit verbracht, wo er drei Monate später starb.


Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren