Bad Kissingen
Führung

Stein gewordene Geschichte der Stadt Bad Kissingen

Kapellenfriedhof, Marienkirche und Liebfrauensee sind ein zentraler Punkt der Bad Kissinger Geschichte.
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Gerhard Wulz zeigt beim Rundgang auch historische Bilder. Foto: Werner Vogel
Gerhard Wulz zeigt beim Rundgang auch historische Bilder. Foto: Werner Vogel
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Seit 10 Jahren steigt Gerhard Wulz bei seinen Führungen tief in die Geschichte der Stadt ein. Es geht um die Pest im 14. Jahrhundert, um eine Quelle, die zum See wird, als Mühlbach unter der Stadt weiter fließt und im Kurgarten in die Saale mündet. Die Verehrung der Gottesmutter Maria findet hier Ausdruck und ganz dunkle Stunden der Stadt mit der blutigen Schlacht vom 10. Juli 1866 werden lebendig , aber auch Zeugnisse aus Kissinger Glanzzeiten, verewigt in beeindruckenden Grabdenkmälern sind Grund, Gerhard Wulz auf einem Rundgang durch den Kapellenfriedhof zu begleiten, der einer Zeitreise durch Kissingens Vergangenheit gleicht. König Ludwig II., Theodor Fontane und Bismarck sind mit dabei, an die "Englischen Fräulein" wird erinnert und Baptist Hoffmann singt eine Arie aus "Otello".

Begräbniskirche, Wallfahrtsstätte, Ritterkapelle

Aus dem Kapellenfriedhof ist inzwischen ein denkmalgeschützter Friedhofspark geworden, seit 1980 wird hier niemand mehr zu Grabe getragen. Befürchtungen, dass die am Rand der Anlage in einem kleinen Rundbau gefasste Süßwasserquelle verunreinigt werden könnte, veranlassten den Stadtrat dazu. Deren Wasser speist heute Springbrunnen und Quellensteine der Stadt. Eine Tafel an der Außenwand der Marienkapelle gibt Auskunft, dass 1348 hier, weit außerhalb der Stadtmauern, ein Friedhof errichtet wurde. Wahrscheinlich fasste die innerstädtische Begräbnisstätte die wieder einmal zahlreichen Toten einer Pestepidemie nicht mehr. Aus der kleinen Friedhofskapelle wurde im Laufe der Jahrhunderte auch eine Wallfahrtskirche - zum Gnadenbild der Pietá aus dem Jahr 1420 ziehen noch heute Wallfahrer aus Hausen an Maria Lichtmess - und, abzulesen an den Epitaphen an den Seitenwänden, eine Ritterkapelle. Nach Plänen von Balthasar Neumann erhielt sie im frühen 18. Jahrhundert ihre jetzige Form mit spätgotischem Chor und der heute dominanten barocken Altargestaltung.

Denkmalgeschützter Friedhofspark

Zwar sind die gewachsenen Strukturen des Friedhofs erhalten, aber immer mehr Stätten werden von den Angehörigen nicht mehr erhalten. Mehr und mehr Freiflächen entstehen, die jetzt im Frühsommer als Blumenwiese für schöne Farbtupfer zwischen den teils monumentalen Gedenkstätten sorgen. Die bemerkenswerte Initiative von Gerhard Wulz, Werner Eberth und einigen anderen kunstsinnigen Helfern, die sich mit großem Engagement einsetzen um die Baudenkmalgeschichte des Ortes zu erhalten, sorgt für dankenswerte Entlastung des Stadtsäckels.

Blutige Schlacht und bedeutende Kissinger

Vor der "Mater Dolorosa", die den Besucher des Parks gleich hinter dem "Mesnerhaus" empfängt, ließ sich schon König Ludwig II. von der grausamen Schlacht des "Bruderkrieges" an dieser sonst friedlichen Stätte beeindrucken, die am 10. Juli 1866 mehr als 1200 Verletzte und über 300 Tote sah.
Der Weg führt zu Grabstätten mit klangvollen Namen aus Kissingens Stadtgeschichte. Als ausgewiesener Kenner weiß Gerhard Wulz die Geschichte hinter den Toten, hat jahrelang recherchiert und auch einen Führer mit Kurzbiographien über den Friedhof, Grabmäler und Lebensgeschichten der berühmten Toten erstellt. Seinen Rundgang würzt er mit Geschichten, Anekdoten und Gedichten. Fontane wird zitiert und Lina Schonder. Zum Hoffotografen Pilartz zeigt er dessen Bismarckportrait, wie er der Nachwelt in Erinnerung ist. Er streift die Kissinger Brunnenärzte, kennt die Geschichte des Komponisten Cyrill Kistler und freut sich, dass dessen Urenkel die Führung aufmerksam begleitet, verspricht sich nicht wenn er die Grabstätte des baskischen Majors, Schriftstellers und Flugpioniers José de Legórburu y Dominguez-Matamoros nennt und weiß, warum er hier liegt.
Die kleine Gruppe, die Wulz an diesem sommerheißen Frühlingssonntag führt, bleibt an der
Grabstätte des Baptist Hofmann stehen. Ein Engel, durch gebrochenen Stab und mit Mohnkapseln in der Hand als "Seelenführer" gestaltet, lehnt an der Wand der Grabanlage. Die spannende Lebensgeschichte des in Garitz geborenen Opernsängers rundet Wulz mit der Kostprobe seiner Stimme aus der Arie des Jago aus der Oper "Otello" von Verdi ab. Ein mitgebrachtes tragbares Tonbandgerät macht's möglich. Teilnehmer Angelika und Joachim Aschbauer aus Eltingshausen sind beeindruckt: "Selten haben wir Geschichte so spannend erlebt".


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