Bad Brückenau
Gottesdiensttest

St. Bartholomäus in Bad Brückenau: Sakrale Routine mit i-Tüpfelchen

Heute sind wir zu Besuch in der katholischen Kirche St. Bartholomäus in Bad Brückenau. Die Messe lebt vom Einsatz der Laien - und von einem eindrucksvollen Beispiel der Inklusion.
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Von der Jahnstraße aus ist die Stadtpfarrkirche St. Bartholomäus herrlich zu sehen. Foto: Ulrike Müller
Von der Jahnstraße aus ist die Stadtpfarrkirche St. Bartholomäus herrlich zu sehen. Foto: Ulrike Müller

Das Urteil unserer Testerin:

Die Kirche ist mäßig gefüllt, aber es sind nicht nur alte Leute, die auf den semi-bequemen Bänken sitzen. Im Eingangsbereich ent lockt der Hinweis auf Videoüberwachung dem Besucher ein Schmunzeln. Weniger lustig ist jedoch der Hintergrund dieser Maßnahme: In der Vergangenheit hatte es Vandalismus in der Stadtpfarrkirche gegeben. Das Menschlichste am gesamten Gottesdienst war die Einführung neuer Ministranten - darunter ein Mädchen mit Downsyndrom. Das unterstreicht viel glaubwürdiger die christliche Botschaft, die gepredigt wird, als es alle hehren Worte tun würden.

Die Bewertung im Einzelnen:

1. Einstieg

Der Einstieg beginnt zunächst mit einem Anstieg - und zwar die Treppen hinauf vom Marktplatz bis zur Kirche. Statt einer Begrüßung durch eine Person steht ein Korb mit Schildern im Eingangsbereich. Darauf steht: "Ich bin dabei!" Später stellt sich heraus, dass der Gottesdienst unter diesem Motto steht. Die Worte "Erbarme dich" ziehen die Stimmung zunächst einmal runter. Der Pfarrer spricht von den Versäumnissen der Gläubigen, von Sünde und Schuld, und stellt dann das Paradies in Aussicht. Der kirchenskeptische Gast empfindet dies als nicht zeitgemäß. Zudem stehen die Gläubigen lange zu Beginn der Messe. Bewertung: Irritierte Zurückhaltung prägt den ersten Eindruck vom Gottesdienst.

2. Musik

Die Glocken läuten die Messe ein - ein vertrauter und schöner Startschuss. Sowohl die Orgel als auch musikalische Begleitung mit Gitarre, Querflöte und Schellenring bereichern den Ablauf. Der Hall verschluckt zwar die Liedzeilen, der Gesang ist aber durchaus voll und stark. Bewertung: Passt!

3. Lesungen

Gelesen wird ein Text des Apostels Paulus. Darin beschreibt er, wie sich die Gemeinde, wohl also die Gläubigen weltweit, in ihrem Lebenswandel ver halten sollen. Bewertung: Der Text ist zwar klar verständlich, bleibt aber irgendwie relativ zusammenhanglos im Raum stehen.

4 . Predigt

Es wurde keine Predigt gehalten. Stattdessen erläutern Laien das Motto des Gottesdienstes "Ich bin dabei". Sie haben sich bunte Schilder an die Kleidung geheftet, auf denen die Worte zu lesen sind. Dies sei eine Einladung zum Glauben und zur Gemeinschaft. Das setzt einen wohltuenden Kontrapunkt zum etwas düsteren Auftakt der Messe. Bewertung: Wer ausschweifende Ausführungen zu lebensfremden Themen erwartet hatte, wird enttäuscht. Dennoch bleibt wenig Konkretes haften, was der Besucher innerlich mitnehmen könnte.

5. Kommunion/Abendmahl

Die Feier der Eucharistie verläuft in würdevoller Atmosphäre. Viele Gläubige kommen nach vorne. Die Ausführungen des Pfarrers vorher sind klar verständlich. Dass die Orgel während dieser Zeit spielt, ist eindeutig ein Pluspunkt. Die Musik unterstreicht den heiligen Charakter des Rituals. Bewertung: Vielen Besuchern des Gottesdienstes scheint der Gang nach vorne wichtig zu sein, auch jün gere Gläubige sind darunter.

6. Segen

Die Segensworte am En de des Gottesdienstes spricht wieder der Pfarrer. Es ist angenehm, dass die Messe in dieser freundlichen Art und Weise ausklingt. Auch die neuen Ministranten werden für ihre Aufgabe gesegnet. "Schön, dass noch welche da sind, die das machen", raunt eine Frau ihrer Nachbarin zu. Bewertung: Die Segensworte haben eine starke, positive Wirkung auf den Zuhörer, mehr noch als ein guter Wunsch.

7. Ambiente

Die Kirche ist sauber. Nur ein grauer Schleier zieht sich über die Wände, die mal wieder gestrichen werden könnten. Ansonsten wirkt der Kir chenraum schlicht. Kaum etwas lenkt vom prachtvollen Altarraum ab. Auch moderne Elemente finden sich: Es gibt eine digitale Anzeige, die die Nummern der Lieder anzeigt. Sie fügt sich gut ins Am biente ein. Auch die Glocken werden per Funk geläutet - doch das weiß der Besucher ja nicht unbedingt. Bewertung: Nicht gerade Wohlfühl-Atmosphäre, aber durchaus angemessen.

8. Kirchenbänke

Die Kirchenbänke sind, wie Kirchenbänke eben sein müssen: Hart, eher unbequem und vor allem alt. Etwas anderes würde wohl kaum zur Ausstattung passen, schließlich ist St. Bartholomäus nahezu 240 Jahre alt. Der Vorgängerbau geht sogar auf das 12. Jahrhundert zurück. Es hilft etwas, sich zurückzulehnen und den Kircheninnenraum zu betrachten. Das lenkt auch von den drohenden Rückenschmerzen ab. Bewertung: Einschlafen kann der Gottesdienstbesucher so jedenfalls nicht!

9. Beleuchtung

Sonnenlicht durchflutet den Kirchenraum während des Gottesdienstes. Die Wirkung wird durch die schön gestalteten Glasfenster noch verstärkt. Natürlich brennen vorne auf dem Altar Ker zen. Bewertung: An einem hellen Sonntagvormittag im Sommer lässt es sich gut in der Kir che aushalten. Etwas schummriger dürfte die Stimmung dagegen bei einer Abendmesse oder im Winter ausfallen.

10. Sinne

Die Messfeier in St. Bartholomäus spricht viele Sinne an. Musik und Weihrauch, Licht und die würdevolle Atmosphäre der Ernsthaftigkeit hinterlassen Eindruck. Der Händedruck, der Teil der Liturgie ist, schafft Nähe zu den Sitznachbarn - wenn auch nur an der Oberfläche. Bewertung:

Die Kirchenvertreter werden sich etwas dabei gedacht haben, dass sie möglichst viele Sinne bei einem Gottesdienstablauf ansprechen.

Warum ein Gottesdiensttest:

Die Ergebnisse unserer Gottesdiensttests, das wissen wir, sind rein subjektiv. Warum dann dieser Test? Weil wir glauben, dass es eine Diskussionsbasis braucht, um Kirche und Bürger wieder näher zusammenzubringen. Und weil wir denken, dass Kirche und Glaube nicht weiter auseinanderdriften sollten.

Wir freuen uns deshalb auf den Dialog mit Kirchenvertretern, Gläubigen und allen Menschen, die uns ihre Meinung zu diesem wichtigen Thema mitteilen wollen. Schreiben Sie uns: redaktion@infranken.de

Zum Abschluss der Testserie werden unsere beiden Experten Martin Stuflesser und Martin Nicol am 1. November Bilanz ziehen. Alle Tests werden auf unserem Internetportal gesammelt.

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