Viel Zeit bleibt nicht, bis Marc Jeschke und die anderen kommen. Auf halbem Weg zwischen Haselbach und dem Kloster Kreuzberg werden letzte Vorbereitungen getroffen für den Nachtskisprint des RWV Haselbach. Auf einer kleinen Lichtung mit Blick zum Kreuzberg schuften Manfred Reder, Kurt Enders, Hans Beck, Theresia Roßhirt und weitere Mitglieder des Rhöner Wintersportvereins. Aufgrund des Schneemangels im Tal wird erstmals die Loipe "Geldtasche" für einen sportlichen Wettbewerb hergerichtet. "Die Geldtasche ist ein uralter Flurname. Keiner weiß mehr so richtig, woher der Begriff kommt", antwortet Manfred Reder auf die Frage nach dem ungewöhnlichen Ausdruck. Der Sportwart im RWV ist heute in der Wettkampfleitung involviert. Für Sicherheit und medizinische Versorgung vor Ort sorgen Ralf Richter und Andreas Leiber von der örtlichen Bergwacht. Beide werden in ihrem Jeep einen ruhigen Abend erleben.

Mittels Loipenspurgerät wurde die Piste präpariert, für den Rest muss Muskelkraft herhalten, weil Strom vor Ort ebenso fehlt wie fließend Wasser. Nicht einmal eine simple Hütte bietet etwa 700 Meter über dem Meeresspiegel Schutz vor der aufziehenden Kälte. Der letzte Skisprint in der Nacht fand vor acht Jahren statt. In Haselbach. "Da ist alles etwas einfacher und es kommen auch mehr Zuschauer", weiß Manfred Reder.

Improvisieren gehört allerdings zum Standard-Repertoire des Rhöners. Als Wärmequelle dient ein Lagerfeuer. Hinter dem Windfang wird die Verpflegungs-Station hergerichtet. Bratwurst, Glühwein, heißer Orangensaft und für den Hartgesottenen ein Schnäpschen sollen von innen wärmen. Das einzige Zelt besetzt die Wettkampfleitung. Trotz der archaischen Umgebung ist die Technik auf dem neuesten Stand, inklusive elektronischer Zeitmessung mittels Lichtschranke. Gottfried Roth, Walter Keßler, Andy Maddron, Winfried Pöpperl und Norbert Lerpscher sind ein eingespieltes Team. Es gibt viel zu tun, aber hektisch wird keiner. Schon gar nicht Winfried Pöpperl. Der Vorsitzende des Ski gaus Unterfranken ist ebenfalls RWV-Mitglied und freut sich auf die Veranstaltung, die Beweis ist für das aktive Wintersportleben in der Rhön. "So langsam stellt sich der Nachwuchs wieder ein. Wir trainieren auch mit den Kollegen aus Hessen und Thüringen. Da gibt es keine Probleme."

In der aufziehenden Dunkelheit wird es betriebsam. Immer mehr Wintersportler schälen sich aus der Dunkelheit, absolvieren erste Testfahrten, während Jugendsportwart Kurt Enders die letzten "Friedhofs-Fackeln" auf die Piste setzt, die einzige Lichtquelle, die die Athleten später haben werden auf dem etwa 900 Meter langen Rundkurs mit einer kleinen Abfahrt zu Beginn und einem knackigen Schluss-Anstieg. Die Jüngsten absolvieren eine Runde, ab der Jugend-16 wird der Kurs zweimal bewältigt. Umgezogen wird im Auto oder bereits daheim. Dass in unmittelbarer Nähe nur wenige Parkplätze zur Verfügung stehen, stört niemanden. "Wer später kommt, muss halt etwas länger laufen", sagt Manfred Reder unaufgeregt.

Knapp 60 Teilnehmer, darunter viele junge Sportler, haben für diesen ungewöhnlichen Wettkampf gemeldet. Inklusive Marc Jeschke, der sich erst kurzfristig zum Start entschieden hatte. "Das ist für mich heute eine Abwechslung zum normalen Training. Eine schnelle Einheit quasi. Ich bin seit drei Monaten wieder im Training, nachdem ich zwei Jahre ausgesetzt hatte aufgrund diverser Verletzungen", erzählt der 37-Jährige von seiner sportlichen Pechsträhne. "Im Sommer kam noch ein Schlüsselbeinbruch dazu, als ich beim Mountainbiking mit zwei Rehen kollidiert bin. Das ging letztendlich sogar noch glimpflich aus." Kaum zu glauben, dass der so austrainiert wirkende Wildfleckener, der für den WSV Oberweißenbrunn startet, vor einem Vierteljahr noch 99 Kilogramm gewogen haben soll. "15 Kilo habe ich seitdem abgenommen. Fünf bis sechs Kilo müssen aber noch runter", berichtet der selbstständige Physiotherapeut, der bei Schneemangel regelmäßig im Oberhofer Skitunnel anzutreffen ist und am Wochenende bei den Vereinsmeisterschaften des WSV Oberweißenbrunn erneut den Wettkampf sucht.

Pünktlich um 18 Uhr schickt Norbert Lerpscher die ersten Läufer auf die Piste. Die Jüngsten zuerst, immer im Abstand weniger Sekunden. Auf der kleinen Schussfahrt zu Beginn wird ordentlich Geschwindigkeit mit den dünnen Latten unter den Füßen aufgenommen. Mut gehört in jedem Fall dazu angesichts des fahlen Lichts. Allenfalls als Schemen sind die Sportler auszumachen. Der guten Stimmung tut dies keinen Abbruch. "Man muss sich schon konzentrieren, um auf der Piste zu bleiben", weiß Jeschke, der bei seinem ersten Lauf nicht an die Grenzen geht. "Ich habe vom Wochenende noch zwei 50-Kilometer-Einheiten im Roten Moor in den Beinen", so der Wildfleckener, der bis 1997 Mitglied der Deutschen Langlauf-Nationalmannschaft war, aus dieser Zeit noch gut die Thüringer Top-Sportler René Sommerfeldt und Andreas Schlütter kennt. "Mein Ziel ist es, im nächsten Jahr professionell in der deutschen Volkslanglauf-Serie mitzumischen, um wieder in die Förderung der Skifirma Salomon zu kommen. Zur Zeit werde ich unterstützt vom Schweinfurter Unternehmen Haibike."

Die besten Läufer sollen am Ende in Vierergruppen im "Massen-Start" ohne Zeitnahme die Bestplatzierten ermitteln. So ist der Plan. Der droht aber zu scheitern, weil die Minusgrade der Elektronik zu schaffen machen. Auch der Drucker wird später die Arbeit verweigern, sodass die Sportler ohne Urkunden den Heimweg antreten. Die Läufe der Besten finden schließlich doch statt. Um wieder auf Temperatur zu kommen, schnallt Marc Jeschke seine Skier ab und startet zu Fuß einen kleinen Sprint. "Ich hatte gar nicht mehr damit gerechnet, dass noch einmal gelaufen wird. Die Muskeln hatten schon zugemacht bei der Kälte. Um Leistung zu bringen, muss man aber gut aufgewärmt sein und am besten schon schwitzen", erklärt der Rhöner, der letztendlich Dritter wird beim Sieg des Frankenheimers Markus Enders, der für den SC Partenkirchen startet. Zweiter wird Jeschkes talentierter Vereinskollege Alexander Eckert.

Trotz der Eiseskälte wird bis zur Siegerehrung durchgehalten. Pokale und Plaketten finden ihre Abnehmer, auch die Eispokale werden übergeben an die Zeitschnellsten. Längst gelöscht sind da die Lichter auf der Strecke. Dunkel und still liegt die "Geldtasche" da zu Füßen des heiligen Berges der Franken. Rhön-Romantik im aufziehenden Vollmond. Die Idee eines Nachtskisprints war 1991 in Finnland geboren worden, als Reder und Co. in Lahti die Ski-Weltmeisterschaft live erleben durften. Außergewöhnlich. Und deshalb faszinierend.