Bad Kissingen
80er-Serie

Kissinger Lokalsportredaktion in den 80ern: Wählscheiben und Lochstreifen

Auch vor 30 Jahren arbeitet die Lokalsport-Redaktion Hand in Hand mit Freien Mitarbeitern. Aber bis die Zeitung am Kiosk oder im Briefkasten ist, sind viele Produktionsschritte nötig.
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Auto-Modelle und Haar-Mode weisen deutlich auf die 80er Jahre hin. Anfang Oktober 1989 duellieren sich der TSV Wollbach und der FSV Schönderling. Foto: E.E. Kunstmann
Auto-Modelle und Haar-Mode weisen deutlich auf die 80er Jahre hin. Anfang Oktober 1989 duellieren sich der TSV Wollbach und der FSV Schönderling. Foto: E.E. Kunstmann
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Oktober 1989. Ein Besuch in der Sportredaktion. Damals wie heute: Ausnahmezustand. Der Fußballbetrieb läuft auf Hochtouren, der Hallensport hat begonnen. Die Seitenproduktion: am Maximum des Machbaren. Bis 23 Uhr hat die Sportredaktion Zeit, ehe das Druckhaus in Nüdlingen mit den fertigen Platten beliefert werden muss. In wenigen Wochen fällt die Mauer, wird deutsch-deutsche Geschichte geschrieben - mit weltweiter Beachtung. Aber an diesem Sonntag ist für die "Lokalsportler" schlichtweg keine Zeit, um über den Kalten Krieg oder Perestroika zu reden. Zu viel ist zu tun für den verantwortlichen Redakteur Toni Höcht und dessen Mitstreiter. Allen voran Erich Schneider, der seit 1972 als Freier Mitarbeiter den Status "unersetzlich" besitzt. Vor- und Spielberichte werden vom Hammelburger im Akkord produziert, und zwar immer noch auf einer schweren Schreibmaschine - im Zweifingersuchsystem. Stets an seiner Seite: Ehefrau Medi, die mit Spielende die Ergebnisse aus den Vereinsheimen abtelefoniert. "Das waren noch Telefone mit Wählscheibe. Und die Tabellenstände haben wir selbst ausgerechnet", erinnert sich der gebürtige Cottbuser, der im Jahr 1983 als Berufssoldat pensioniert wird, danach noch mehr Zeit für seinen geliebten Lokalsport hat.

Ohne Schreibmaschine keine Texte

Zig Seiten werden im Lauf des Sonntags von Erich Schneider produziert, die vom Redakteur mit Kugelschreiber oder Bleistift redigiert werden, um anschließend in die Abteilung zur Texterfassung gebracht zu werden. "Wir haben die Texte anschließend mit einer elektrischen Kugelkopf-Schreibmaschine erfasst. Danach sind die Blätter in die sogenannte Lesemaschine gekommen. Dort wurde ein gelber Lochstreifen produziert, der mit Hilfe einer Maschine aufgewickelt wurde", erinnert sich Karola Mädler-Pietzsch.

Längst ist mit Peter Seufert einer der Sportfotografen in der Redaktion angekommen, um die Filme dem Laboranten zur Entwicklung zu geben. Entwickler- und Wasserbad, Fixierer und Trockenschrank - bis zu 45 Minuten dauert, je nach Lichtempfindlichkeit des Films, der Vorgang in der Dunkelkammer. "Um mir die Zeit zu verkürzen, habe ich mir in der überregionale Redaktion irgendwas zum Lesen gesucht. Den Negativstreifen habe ich auf den Leuchttisch gelegt, um mit der Lupe ein Bildmotiv für den Redakteur herauszusuchen. Zusätzlich musste ich einen Bilder-Zettel ausfüllen, auf dem stand, welches Spiel von welchem Tag und in welcher Klasse fotografiert wurde", weiß Peter Seufert, der sich vor dem Nachhauseweg noch mit Leer-Filmen der Marke Ilford aus dem Labor eindeckt. "Wir sollten immer sparsam sein. Ein Film mit 36 Aufnahmen musste für zwei Spiele herhalten. Ich hatte damals schon eine Serienschaltung an meiner Kamera, aber das war verpönt, weil es eben zu viel Material kostete", sagt Seufert, der bereits vor 30 Jahren mit einem 300 Millimeter-Objektiv fotografiert.

Ein paar Meter weiter wird die Seitenproduktion vorangetrieben. Erwähnter Lochstreifen wird maschinell ausgelesen. Die so erstellten Fotopapier-Fahnen mit den aufgedruckten Texten kommen zu den für den Zeitungsumbruch zuständigen Metteuren, die auf der unbedruckten Rückseite der Papierfahne eine Wachsschicht aufbringen, die zur Fixierung auf einer Glasfläche dient. "Dann wurden mit einem Dreieckswinkel aus Metall und Skalpell die Artikel ausgeschnitten und auf eine Art Musterseite montiert. Dieser Vordruck kam ins Labor, wo ein Negativ-Film in der Original-Seitenhöhe produziert wurde. Dieser kam schließlich in eine Belichtungsmaschine auf eine Nyloprint-Platte, die anschließend in einer Waschstraße ausgewaschen wurde", erinnert sich Josef Halbig. Die jetzt endlich fertige Printplatte wird nach Nüdlingen ins Druckhaus gefahren, wo bis zur Morgendämmerung die Montags-Ausgabe produziert wird.

Schon am frühen Vormittag gibt es am Bad Kissinger Bahnhofs-Kiosk keine Ausgabe der Saale-Zeitung mehr. Längst haben sich die Pendler eingedeckt, um sich über den aktuellen Lokalsport zu informieren.

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