Westheim bei Bad Kissingen
Biathlon

Samuel Kraatz lebt seinen Biathlon-Traum

Das Idol von Samuel Kraatz heißt Benedikt Doll. Der 14-jährige Westheimer möchte so erfolgreich werden wie sein wie er. Dafür hat er seine Heimat verlassen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Samuel Kraatz aus Westheim möchte einmal in der Biathlon-Weltspitze ankommen. Henning Kraatz
Samuel Kraatz aus Westheim möchte einmal in der Biathlon-Weltspitze ankommen. Henning Kraatz

118 Kilometer: keine große Entfernung für eine einfache Autofahrt. Aber für einen 14-Jährigen eine große Distanz, wenn er dauerhaft von Eltern und Heimatort getrennt lebt. Samuel Kraatz aus Westheim nimmt das auf sich, um vielleicht in Oberhof eine Biathlon-Karriere starten zu können.

Mit dem Fernsehen haben sie es nicht so in der Familie Kraatz. Doch Biathlon-Übertragungen - die mussten und müssen immer sein. Und so berichtet Vater Henning Kraatz, wie er mit seinem Sohn Samuel diesen faszinierenden Sport schon früh verfolgte. "Er hat schon mit drei Jahren neben mir gesessen, hat Ergebnisse aufgeschrieben und Schießfehler notiert." Aber auch außerhalb des Wohnzimmers habe es für Samuel wenig Anderes gegeben. Mit Freunden veranstaltete er draußen Staffelrennen, warf mit ihnen Tennisbälle in Körbe.

Samuels Eltern wollten seine Leidenschaft bedienen. Zu Weihnachten 2015 schenkten sie ihm ein Schnupper-Biathlon-Event für Kinder in Oberhof. Eine Einweisung im Skifahren sollten die Kids bekommen, mit dem Lasergewehr schießen, eine Siegerehrung erleben. Am Ende war Henning Kraatz enttäuscht von der Veranstaltung. "Eine echte Einweisung fand nicht statt. Das Laufen funktionierte bei meinem Sohn gar nicht."

Samuels Biathlon-Begeisterung schmälerte diese Erfahrung nicht. Also telefonierte seine Mutter Carolin Kraatz die halbe Rhön nach Vereinen ab, die diesen Sport anboten. Da sie keine fand, wurden die Suchkreise immer größer.

Schließlich antwortete der Thüringer Skiverband mit Sitz in Oberhof, den Kraatz ebenfalls angeschrieben hatte. Samuel sollte im April 2016 zu einem weiteren Schnupper-Wochenende vorbeischauen. Es gefiel ihm, nicht nur, weil es sehr professionell daherkam.

Was den Eltern nicht wirklich bewusst war: Das Schnupper-Wochenende war eigentlich eine Talent-Sichtung. Und so rief eine Woche später ein Oberhofer Jugendtrainer an und wollte mit Samuel "den nächsten Schritt gehen". Offensichtlich hatte der Coach beim damals Elfjährigen für Biathlon passende motorische Fähigkeiten gesehen. Bei einem Jungen, der bis dahin kaum auf Skiern gestanden und nur mal probegeschossen hatte.

Er lud Samuel für eine Woche nach Oberhof ein. Der folgte Ende Mai 2016, trainierte mit - und wurde bei einem Leichtathletik-Wettkampf gleich Erster.

Fortan brachte Henning Kraatz seinen Sohn an ein bis drei Wochenenden im Monat in das Thüringer Wintersportzentrum: 118 Kilometer einfach, eine reichliche Stunde Fahrzeit. Er sollte sich mit Skirollern und Luftgewehr vertraut machen.

Ab November '16 lernte der Westheimer an einigen Wochenenden in der Skihalle am Oberhofer Grenzadler das Langlaufen. Sein Vater brachte ihn Freitagnachmittag von Westheim dorthin. Training, Schießen, Wettkampf am Samstag, Heimfahrt - bis zu zweimal im Monat. Ein Aufwand für die Familie, der ab April 2017 noch stieg.

Denn da wurde der Vater, bisher bei der Bundeswehr in Hammelburg stationiert, in die Eiffel versetzt. Für ihn hieß es nun an vielen Wochenenden: 320 Kilometer von der Eiffel nach Hause fahren, den Sohn nach Oberhof bringen und abholen, sonntags in die Eiffel zurück. Macht jedes Mal 880 Kilometer. Alles für Samuels großen Traum.

Denn der 14-Jährige möchte "irgendwann zu Olympia kommen und dort eine Medaille gewinnen". So wie sein Vorbild Benedikt Doll. "Ich fand seine Lauftechnik toll und er war mir besonders sympathisch."

Im Sommer 2018 ging Samuel seinen bisher größten Schritt. Der 14-Jährige zog nach Oberhof, verzichtete auf einen Großteil der (bayerischen) Ferien, um in Thüringen Schule und Biathlon weiterzutreiben. Unter der Woche wohnt er im Oberhofer Sportinternat - obwohl dort eigentlich erst Jugendliche ab 15 aufgenommen werden. Das bedeutet für ihn mehr Skitage und Schießen, aber auch viel Selbstorganisation.

"Am Anfang war es schwer; weil alles neu war. Aber jetzt habe ich mich daran gewöhnt", sagt der Westheimer über die Umstellung. Der Erfolg gibt ihm bisher recht. Berichtet Vater Henning von den Anfängen, wo Samuel nur eine von zehn Scheiben traf und neun Strafrunden laufen musste, gewann er vergangenes Jahr alle drei Rennen seiner Altersklasse bei den Thüringer Meisterschaften. Auch wenn die Konkurrenz mit je drei weiteren Teilnehmern aus Frankenhain und Luisenthal überschaubar blieb.In Oberhof ist er der einzige Biathlet seiner Altersklasse, trainiert mit drei Mädchen aus Brandenburg.

Kürzlich maß sich Samuel beim Finale des Deutschen Schüler-Cups in Ruhpolding mit Gleichaltrigen aus den anderen deutschen Skiregionen in Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Niedersachsen. Insgesamt wurde er Vierter. Eine Steigerung zur vergangenen Saison um drei Plätze. 2020 im Mai kommt Samuel in die Altersklasse 16. Dann will er vom Luft- aufs Kleinkaliber-Gewehr umsteigen und sich bei Jugend-Olympiaden international messen.

Was, wenn sein Weg nicht in der Weltelite endet? Vater Kraatz sieht das entspannt. "Dann reicht es hoffentlich zu einem Sportabitur." Was sonst geschehe, könne keiner voraussehen. Da spiele nicht nur Talent, sondern körperliche Entwicklung, Motivation und mehr eine Rolle. Hauptsache, sein Sohn habe Spaß an seinem Sport. Wenn er den nicht mehr habe, könne er einfach aufhören. Die Trainer, so Kraatz, "freuen sich, ein Kind mit absolutem Willen zu haben, Biathlon zu machen".

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren