Münnerstadt
Karriere

Johannes Wolf ist auf Tuchfühlung mit Jürgen Klinsmann

Johannes Wolf aus Münnerstadt sammelt in einem sechsmonatigen Praktikum in der Geschäftsstelle des Bundesligisten Hertha BSC Erfahrungen im Medienbereich. So bekam er den Trainerwechsel von Ante Covic zu Jürgen Klinsmann live mit.
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Johannes Wolf aus Münnerstadt in der Jacke von Hertha BSC Berlin. Der 30-Jährige macht derzeit ein Praktikum in der Geschäftsstelle des Bundesligisten. Foto: Tobias Schmidt
Johannes Wolf aus Münnerstadt in der Jacke von Hertha BSC Berlin. Der 30-Jährige macht derzeit ein Praktikum in der Geschäftsstelle des Bundesligisten. Foto: Tobias Schmidt

Über Hertha BSC Berlin wird derzeit viel gesprochen. Schon allein deshalb, weil der Bundesligist Trainer Ante Covic beurlaubt und Jürgen Klinsmann als neuen Coach vorgestellt hat. Ein Münnerstädter ist mittendrin: Johannes Wolf absolviert seit September und noch bis Februar 2020 ein Praktikum in der Hertha-Geschäftsstelle. Der 30-Jährige bekommt viel mehr mit als nur den Trainerwechsel.

Herr Wolf, auf der Trainerposition hat sich bei der Hertha ja einiges getan. Sind Sie Jürgen Klinsmann schon begegnet?

Johannes Wolf: Ja, bei seiner Vorstellung im Verein durfte ich dabei sein. Persönlich hatten wir in den wenigen Stunden aber noch keinen Kontakt. Mein erster Eindruck von ihm macht mich optimistisch, dass sich durch ihn und seinen Stab einiges in die richtige Richtung entwickeln könnte auf der einen Seite strahlt "Klinsi" Gelassenheit und Sympathie aus, ohne aber den Fokus und ein ordentliches Maß an Bestimmtheit außer Acht zu lassen. Eine Lichtgestalt wie Klinsmann wird sicherlich auch meine Arbeit maßgeblich beeinflussen. Das Medieninteresse wird weitaus höher sein als ohnehin schon. Aber ich glaube, das kann dem Verein in der aktuellen Situation nur guttun.

Was genau machen Sie in der Geschäftsstelle der Hertha?

Ich bin im Bereich Medien und Kommunikation, im Büro mit dem Pressesprecher der Hertha, zwei Zimmer neben Manager Michael Preetz, dem ich jeden Morgen die Zeitung auf den Tisch legen darf. Ich verwalte das Mailpostfach der Medienabteilung, wo sämtliche teils sehr interessante Anfragen landen. Pressekonferenzen darf ich vorbereiten und begleiten. Da bin ich derjenige, der das Mikro herumreicht. Darüber hinaus begleite ich öfters Spieler zu Interviews, Fotoshootings oder Autogrammterminen. Langeweile kommt selten auf.

Haben sie mit einigen der Stars länger sprechen können?

Ja, das ist das wirklich Spannende an diesem Praktikum, so nah an der Mannschaft dran sein zu dürfen. Mittlerweile wissen die Jungs, wer ich bin. Mit Davie Selke, Marvin Plattenhardt und Jordan Torunarigha durfte ich mal als einzige Begleitperson in die Babelsberger Filmstudios zu einem Videodreh für die Deutsche Bahn fahren. Mit Maximilian Mittelstädt war ich zu einem Interview mit Sky am Brandenburger Tor. Auch wenn die Gespräche selten über Fußball und Autos hinausgehen, lernt man die Jungs ein bisschen kennen.

Welcher Spieler ist Ihnen besonders sympathisch oder unsympathisch?

Fragen sie mich im März noch einmal; dann nenne ich die Unsympathischen (lacht). Die allermeisten sind ganz in Ordnung. Viele haben bisher nicht viel Anderes getan als Fußball gespielt, sonst hätten sie es nicht dahin geschafft, wo sie sich befinden. Und das viele Geld ist zumindest nicht förderlich, ganz auf dem Teppich zu bleiben. Wen ich menschlich am meisten schätze, ist Per Skjelbred; ein sehr intelligenter feiner Mensch, der auf und neben dem Platz immer 100 Prozent gibt. Dodi Lukebakio ist auch ein super Typ.

Dürfen Sie Bundesliga-Spiele der Hertha kostenlos besuchen?

Bei Heimspielen bin ich immer im Olympiastadion. Da bin ich aber arbeitstechnisch eingespannt. Vor dem Spiel darf ich Spieler, die sich nicht im Kader befinden, zur Autogrammstunde vor dem Stadion begleiten. Das Spiel selbst verfolge ich in der Regel bis zur 75. Minute von der Pressetribüne aus, bevor es runter in die Mixed-Zone am Spielfeldrand geht. Dort habe ich die Aufgabe, den TV-Sendern deren gewünschten Interviewpartner beizubringen, um dann noch die Pressekonferenz zu verfolgen. Zusätzlich zu meiner Karte gibt es immer eine VIP-Karte für eine Begleitperson oben drauf. Auswärts-Wochenenden nutze ich meist zu Besuchen in der fränkischen Heimat.

Schauen Sie öfters das Training der Bundesliga-Mannschaft an?

Bei öffentlichen Trainings bin ich immer am Spielfeldrand. Dabei sollte ich immer ein Auge auf Journalisten und Zuschauer haben. Dabei hält sich der Stress oft in Grenzen, aber es gibt Schlimmeres, als den Jungs zuzuschauen.

Wie sind Sie an das Praktikum gekommen?

Dabei handelt es sich um ein Pflichtpraktikum für mein Sport- und Medienmanagement-Studium in Nürnberg. In der Studienordnung sind drei Monate vorgeschrieben. Mit der Präsenzphase an der Universität geht es aber erst im März 2020 weiter, sodass mir ein halbes Jahr zur Verfügung steht. Es ist sowohl in meinem Sinne, aber auch in dem der Hertha, dass wir das Praktikum um drei freiwillige Monate verlängert haben. Das hat bestimmt auch die Suche nach einer Wohnung in Berlin erleichtert. Wer möchte einen Mieter, der nach drei Monaten wieder raus ist.

War die Hertha Ihr Wunschclub oder wollten Sie woanders hin?

Ich hatte mich bei einer handvoll Bundesligisten der 1. und 2. Liga beworben. Es wäre naiv gewesen, das nur bei einem Verein zu tun. Als ich sehr kurzfristig die telefonische Zusage aus Berlin bekam, war meine Freude schon groß. Abgesehen vom Verein sind sechs Monate in der Hauptstadt eine andere Erfahrung als in Wolfsburg oder Bielefeld. Ohne diesen Städten zu nahe treten zu wollen.

Sind Sie selbst Fan der Hertha oder eines anderen Bundesliga-Clubs?

Mein Herz schlug und schlägt immer noch für Borussia Dortmund, aktuell ein bisschen Leidensgenossen der Hertha. Am Samstag kommt es im Berliner Olympiastadion zum direkten Duell. Natürlich sollte ich meine Freude über Dortmunder Treffer nicht so deutlich nach außen tragen, um Montag wieder die Geschäftsstelle betreten zu dürfen. Gegen ein Unentschieden hätte ich nichts einzuwenden.

Hat Ihnen Ihre Biografie als Fußballer und Vereinsvorstand bei der Bewerbung geholfen?

Das kann ich schlecht beurteilen. Ich würde behaupten, dass bestimmt 80 Prozent aller Bewerber irgendwie dem Fußball hautnah verbunden sind. Meine Praxiserfahrung als Vorstand im TSV Münnerstadt war wahrscheinlich nicht von Nachteil.

Haben Sie das Derby gegen Union im Stadion verfolgt. Wie war die Stimmung auf der Geschäftsstelle nach der Hertha-Niederlage?

Nein, da war ich nicht im Stadion an der Alten Försterei. Im Vorfeld war nicht klar, ob uns Praktikanten aufgrund der riesigen Nachfrage ein Ticket zur Verfügung gestellt werden kann. So habe ich das Trauerspiel von Münnerstadt aus am TV verfolgt. Das Stadtderby hatte eine besondere Brisanz im Vorfeld. Gerade in der Fanszene war die Stimmung nach dem blutleeren Auftritt ganz unten. In der Geschäftsstelle muss das Tagesgeschäft trotz einer angespannteren Stimmung weiterlaufen. Die besondere Herausforderung besteht dann darin, auch in solch kritischen Situation - über welche Kanäle auch immer - den richtigen Ton zu treffen.

Inwiefern nutzt Ihnen das Praktikum in Ihrer Karriereplanung?

Karriereplanung ist kein schöner Begriff. Das klingt so, als würde ich meine berufliche Entwicklung am Reißbrett entwerfen. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, mich in einem ähnlichen Bereich der Öffentlichkeitsarbeit nach dem Studium wiederzufinden. Aber da gehört immer eine Portion Glück dazu.

Was können Sie von einem Proficlub an Erkenntnissen für den TSV Münnerstadt mitnehmen?

Hertha BSC hat 37000 Mitglieder, der TSV 1250. Bei Hertha gibt´s für die Spieler im Jahr sechs- oder siebenstellige Summen, beim TSV - von Fahrtkostenerstattung abgesehen - nichts. In der Hertha-Geschäftsstelle arbeiten rund 80 Menschen, beim TSV bestimmt nicht viel weniger - mit dem Unterschied, dass sie sich alle ehrenamtlich engagieren. Das sind andere Dimensionen. Dennoch sind manche Herausforderungen, gerade sportlicher Natur, oft dieselben. Auch kommunikationstechnisch sind durchaus Erfahrungen und Erkenntnisse zu gewinnen, die sich auf Münnerstadt übertragen lassen.

Das Gespräch führte Steffen Standke

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