Münnerstadt
Spieler der Woche

Goran Mikolaj: Als der Lehrer seine Schüler verblüffte

Der 49-jährige Trainer des TSV Münnerstadt wechselte sich selbst ein und trug den Ausgleichstreffer zum Kantersieg seiner Nägelsieder bei.
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Chef-Anweiser mit Überraschungseinsatz: Münnerstadts Trainer Goran Mikolaj (rechts). Foto: ssp
Chef-Anweiser mit Überraschungseinsatz: Münnerstadts Trainer Goran Mikolaj (rechts). Foto: ssp

Im Sommer übernahm Goran Mikolaj beim TSV Münnerstadt das Ruder von Klaus Keller, nachdem dieser den Umweg über die Relegation zum Bezirksliga-Klassenerhalt gehen musste. Der 49-jährige Kroate, früher Profi in seinem Heimatland, sorgte am Samstag für den Aufreger des Spieltags, als er im Spiel der Lauerstädter bei den Sportfreunden Steinbach wider Erwarten selbst noch einmal die Fußballschuhe schnürte und mit einem sehenswerten Distanzschuss die Wende zum Positiven einleitete.

Goran, genau wegen solcher Geschichten wie am Samstag in Steinbach lieben wir den Fußball so sehr. Bei einem 0:1-Rückstand aus Münnerstädter Sicht zur Pause staunten gerade die mitgereisten Mürschter Zuschauer nicht schlecht, als Du Dir plötzlich das Trikot überziehst, um das Ruder nochmals selbst herumzureißen. Was hat dich zu dieser Entscheidung veranlasst?

Goran Mikolaj: Es gehört wohl zum Trainerjob dazu, gute, schlechte, manchmal auch überraschende Entscheidungen zu treffen. Aus Trainersicht war diese Entscheidung bestimmt falsch. Aber ich bin wie ein kleines Kind: Ich möchte jedes Spiel gewinnen. Und in diesem Moment hatte ich die Intuition, dass ich der Mannschaft auf dem Platz mehr helfen kann als von der Seitenlinie aus. Ich war von der Leistung meiner Jungs im ersten Durchgang sehr enttäuscht. Als ich in der Kabine die Auswechslungen verkündet habe, war schon eine Ungläubigkeit in den Augen der Jungs zu erkennen. Aber dieser Schock war dann spätestens mit dem Tor weg. Da wussten sie: Wenn er mit knapp 50 noch so mitspielen kann, können wir das erst recht.

Solche Geschichten schreibt nur der Fußball: Nach knapp vier Minuten auf dem Feld ziehst Du aus mehr gut zwanzig Metern ab und die Kugel landet im Steinbacher Kasten. Wie hast Du Deinen Treffer erlebt?

Das war wohl mein erster Ballkontakt. In zentraler Position habe ich ein Zuspiel bekommen. Als ich noch einen Schritt gemacht habe, sah ich, dass der Keeper sich nach vorne bewegt. So habe ich ihn über ihn drüber gechippt. Ich hatte ganz einfach das Selbstvertrauen in meinen Abschluss. Ich war im richtigen Moment auf der richtigen Position.

Hat bei dem Tor vielleicht auch deine Erfahrung eine Rolle gespielt?

Mit Sicherheit ist das auch Erfahrung. Mit regelmäßigem Training und Spielpraxis werden das ganz bestimmt auch die Jungs lernen, dass es nicht immer einen Vollspann-Schuss braucht, um Tore zu erzielen.

Dein Tor war der Startschuss einer beeindruckenden Wende. Innerhalb von zwölf Minuten habt ihr dem Gegner- mit Dir als Mittelfeld-Strategen - gleich fünf Tore eingeschenkt zum 6:1-Auswärtserfolg. Hat Dich die Effizienz Deiner Mannschaft selbst überrascht? Mit zuvor 16 Toren aus 13 Spielen wart Ihr ja nicht gerade als Tormaschine gefürchtet.

Wir haben mit Lucas Fleischmann (22) und Lukas Katzenberger (21) noch sehr junge Stürmer. Nach der Relegation und der Drucksituation am Ende der letzten Spielzeit war nicht davon auszugehen, dass jeder Schuss im Tor landen wird. Das ist eben Fußball: Gegen Gochsheim hatten wir in der zweiten Hälfte auch nicht weniger Chancen als in Steinbach. Nur mit dem Unterschied, dass in Steinbach fast jeder Schuss saß. Ich bin sehr optimistisch, dass unsere jungen Offensivspieler den Torinstinkt mit der Zeit auch bekommen werden.

Du bist bereits in den zurückliegenden Spielen als Bankspieler auf dem Münnerstädter Spielberichtsbogen erschienen. Mit einem Einsatz Deinerseits haben wahrscheinlich dennoch die wenigsten gerechnet. Hättest Du vor der Saison ernsthaft daran geglaubt, nochmals selbst ranzumüssen?

Nein, das hatte ich nicht. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt einen ordentlichen 20-Mann-Kader, was eigentlich genügen sollte. Vor einigen Wochen, als die Personaldecke dünner wurde, habe ich mich bereits mit Co-Trainer Michael Knysak ausgetauscht, ob eine kurze Einsatzzeit von mir selbst überhaupt eine Option sei. Dabei spielte sicher eine Rolle, dass wir nicht beliebig zwischen den drei Mannschaften hin und her schieben wollten, weil wir dadurch die beiden anderen Mannschaften und somit den gesamten Verein schwächen würden. So kamen wir zu dem Entschluss, dass für mich im Notfall einige wenige Einsatzminuten in Frage kämen.

Am 12. Dezember dieses Jahres feierst Du Deinen 50. Geburtstag. Nach dem Spektakel am Samstag scheint das Alter für Dich keinerlei Rolle zu spielen. War das Steinbach-Spiel der Startschuss für weitere Einsatzzeiten?

Nein, bitte nicht mehr (schmunzelt). Zweifellos sollte die Entwicklung der jungen Spieler im Vordergrund stehen. Es müsste schon viel passieren, um wieder auflaufen zu müssen. Mit 50 muss das eigentlich nicht mehr sein. Ganz auszuschließen ist im Fußball natürlich nichts.

Siehst Du in Deinen Einsätzen eventuell die Gefahr, dass die Motivation der jungen Spieler darunter leiden könnte?

Ich habe am Samstag mit Ahmet Coprak und Tobias Kröckel bewusst zwei schon erfahrenere Spieler vom Platz genommen, die mit einer solchen Situation besser umgehen können. Dennoch ist Motivation eine Grundvoraussetzung im Fußball, die auch jeder junge Spieler mitbringen muss, um Bezirksliga zu spielen.

Du hast in Kroatien bis vor zwei Jahrzehnten regelmäßig in der zweiten Liga gespielt und kannst sogar einige Einsätze im kroatischen Oberhaus vorweisen. Dennoch ist eine derartige Fitness mit knapp 50 keine Selbstverständlichkeit. Wie schaffst Du es, körperlich noch so fit zu sein?

Ich bin seit vierzig Jahren in irgendeiner Form Fußballer, das hält fit. Vorletzte Saison habe ich ja noch regelmäßig für Gänheim gespielt. Aktuell finde ich nicht die Zeit, großartig viel für meinen Körper zu machen. Gelegentlich kicke ich noch bei den Alten Herren in Gänheim mit. Aber wenn ich mich mehrfach in der Woche mit jungen Menschen umgebe, hält das auch jung. Aus meiner Sicht hat ein Trainer für die jungen Spieler eine Vorbildfunktion. Es reicht nicht, wenn ich Übungen im Training lediglich erkläre, ich muss sie auch vormachen können.

Im Sommer hast Du nach Deiner Tätigkeit als Co-Trainer der U19 des FC 05 Schweinfurt das Ruder in Münnerstadt übernommen. Wenn man Dir vor der Runde gesagt hätte, der TSV werde nach 14 Spielen mit 24 Punkten auf dem fünften Platz - mit Anschluss an die Spitze - stehen, hättest Du das wahrscheinlich unterschrieben?

Ich bin in dieser Hinsicht vielleicht anders als andere Trainer. Ergebnisse sind für mich nur eine Momentaufnahme. Ich denke langfristiger. Wenn eine längerfristige Entwicklung, die auch im Bereich der Konzentrationsfähigkeit liegt, erfolgreich verläuft, dann ist Potenzial vorhanden, sodass die Ergebnisse von ganz alleine kommen. Schon bevor ich den Trainerjob in Münnerstadt angetreten habe, wusste ich, dass hier großes Potenzial und Qualität vorhanden sind. Die Jungs befinden sich auf dem richtigen Weg.

Du hast schon einige Trainererfahrung auf dem Buckel, besitzt sogar die UEFA-A-Lizenz. Die Ausbildung zum Sportlehrer, die Du nächstes Jahr abschließen möchtest, hast Du teilweise gemeinsam mit Niko Kovac absolviert. Wenn Du Münnerstadt mit Deinen bisherigen Stationen vergleichst, was macht den Verein und die Mannschaft aus Deiner Sicht aus?

Ich bin hier sehr zufrieden. Hier ist eine sehr gute Organisation vorhanden, vom Platzwart Manfred Back bis hin zu Vorstand Günter Scheuring, dem Uli Hoeneß des TSV (lacht). Es liegt an uns Trainern und den Spielern, die nächsten Schritte nach vorne zu machen.

Am Sonntag wartet auf Euch das Landkreis-Derby zu Hause gegen den Nachbarn aus Bad Kissingen, mit dem Ihr bei einem Erfolg punktemäßig gleichziehen könntet. Wie schätzt Du den Gegner ein?

Ich habe in dieser Saison noch kein Spiel der Bad Kissinger gesehen. Ich kenne nur Lukas Halbig noch aus meiner Schweinfurter Zeit. Er ist ein sehr guter Spieler, er besitzt sowohl Qualität als auch Charakter. Schade, dass er nur Bezirksliga spielt. Ich habe Respekt vor jedem Gegner, aber in erster Linie konzentriere ich mich auf meine Mannschaft. Denn der TSV Münnerstadt ist aktuell meine Mannschaft und damit für mich die beste der Welt. Das Spiel der gegnerischen Mannschaft können wir schlecht beeinflussen. Wir werden alles für einen Sieg am Sonntag tun.

Wo kann der Weg mit Münnerstadt noch hinführen?

Entwicklung im Fußball ist ein langer Prozess. Für mich sind aber Ambitionen der Motor für unsere Entwicklung. Ich vergleiche das gerne mit dem Hochsprung. Man sollte die Latte nicht gleich auf Weltrekord-Höhe legen lassen. Wir sollten lieber zwei oder drei kleine Schritte machen als einen großen, dann nämlich ist die Fallhöhe umso größer. Dennoch sehe ich in Münnerstadt als Traditionsverein mit einer sehr guten Organisation und Jugendarbeit das Potenzial, in zwei bis drei Jahren mit einem noch etwas verbreiterten Kader Landesliga spielen zu können.

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