Ebenhausen
Projekt

Erlebnisturnen: eine Erfolgsgeschichte

Die Inhalte beim TSV Ebenhausen beruhen auf einem ebenso wissenschaftlichen wie kreativen Ansatz von Helmut Diener.
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Zum Abenteuerspielplatz wird die Halle beim Erlebnisturnen des TSV Ebenhausen. Hinter den Geräten verbirgt sich eine ausgeklügelte Bewegungslehre, basierend auf einem Konzept von Helmut Diener. Foto: Thomas Mehn
Zum Abenteuerspielplatz wird die Halle beim Erlebnisturnen des TSV Ebenhausen. Hinter den Geräten verbirgt sich eine ausgeklügelte Bewegungslehre, basierend auf einem Konzept von Helmut Diener. Foto: Thomas Mehn

Was für eine Erfolgsgeschichte: Am 10. Oktober findet wieder ein Erlebnisturnen beim TSV Ebenhausen statt - zum 30. Mal. Der Initiator dieses Projektes ist Helmut Diener. Der 79-Jährige lebt in Ebenhausen, ein Glücksfall für den örtlichen Turn- und Sportverein. Der gebürtige Oberbayer hat schon in Kindheit und Jugend geturnt, war später auch Kunstturn-Trainer bei der DJK Würzburg und ist seit 1975 Verbandsfachwart für Turnen im DJK-Sportverband. Bis vergangenes Jahr war Helmut Diener zudem Landesfachwart für Kinderturnen.

Erlebnisturnen beim TSV Ebenhausen - was muss man sich darunter vorstellen?

Helmut Diener: Das alles basiert auf einem Konzept, das ich 2008 bei der DJK Würzburg ins Leben gerufen habe. Ich nenne das eine Bewegungslandschaft nach dem Konzept der bewegten Sporthalle. Die vorhandene Einrichtung in der örtlichen Turnhalle wird an diesem Tag mit Zusatzgeräten ausgestattet, um kindgerechte Stationen zu kreieren. Wir wollen Basisformen der Bewegung anbieten, die oft zu kurz kommen. Die Stationen müssen sicher sein und sollen den Kindern Freude und Spaß an der Bewegung vermitteln.

Was für eine Philosophie liegt Ih rem Konzept zugrunde?

Es geht darum, den Kindern keine festen Bewegungsmuster vorzuschreiben, sondern Anreize zu geben durch die Form der Bewegungslandschaft. Das soll zugleich eine Botschaft sein an Lehrkräfte, aber auch an Firmen, die die Geräte herstellen. Wir wollen aufzeigen, wohin die Entwicklung und Nutzung von Turngeräten gehen kann.

Wo kommen denn die Zusatzgeräte her, von denen Sie sprechen?

Die wurden von mir entwickelt und werden über eine Firma vertrieben. Ein Teil lagert in der Ebenhäuser Turnhalle, der andere Teil ist bei mir zuhause.

Wie und wann fing Ihre eigene Experimentierphase an?

Schon 1985 habe ich Hallenspielfeste an der Uni Würzburg mitgestaltet, zu denen Schulen eingeladen waren. Da habe ich festgestellt, dass mit herkömmlichen Geräten solche Bewegungslandschaften nicht machbar sind. Daraus sind die verschiedenen Gerätschaften entstanden und die Idee, sich nicht nur aufs Geräteturnen zu beschränken.

Stellen Sie doch bitte mal ein sol ches Gerät vor.

Jeder kennt ein Reck, das aus zwei Pfosten und einer Stange besteht. Ich habe eine Reck-Konsole entwickelt, um Kletternetze, Strickleitern oder Bungeeseile anbringen zu können. Es handelt sich also um eine Art Adaptersystem, was eine neue Interpretation der vorhandenen Räumlichkeiten ermöglicht. Die Lehrer an der Grundschule in Ebenhausen könnten diese Formen auch für ihren Unterricht verwenden, sind aber oft anders ausgebildet. Für mich ein typisches Problem, dass oft nach Sportarten unterrichtet wird und nicht nach Bewegungsmustern.

Das hört sich zum Teil sehr wissenschaftlich an.

Ist es auch. Ich habe mein Konzept verschiedenen Kommissionen auf Bundesebene vorgestellt wie der Kommission Raum und Bewegung oder der Kommission Turnen. Es geht um an der Praxis orientierte Innovation. Immerhin habe ich es fertig gebracht, dass im neuen Ausbildungsplan des Deutschen Turner-Bundes das sogenannte 'mehrdimensionale Bewegungskonzept' verankert wurde. Früher hieß es das 'mehrdimensionale Turnkonzept'.

Sie geben einen Rahmen vor, in dem sich das Kind quasi frei bewegen kann?

Der Prozess der Bewegung ist entscheidend. Gerade in der heutigen Zeit ist das wichtig, weil den Kindern oft die Verbindung zur Natur fehlt. Da dient so eine Turnlandschaft als Ersatz. Zu dieser Philosophie habe ich mit Professor Hartmut Baumann auch ein Buch geschrieben: Turnen spielend erleben. Im Buch konnten wir die Brücke schlagen zwischen dem normfreien Turnen hin zum Leistungsturnen. Uns geht es um die Perspektive der Bewegung. Das Krabbeln und Rutschen der Kleinkinder muss sich erst entwickeln. Auf dieser Basis bilden sich sportliche Formen.

Wird das Erlebnisturnen in anderen Orten angeboten?

In ähnlicher Form gibt es das Projekt auch an anderen Schulen, wo ich ebenfalls vor Ort bin. Der didaktische Hintergrund wird an anderen Standorten aber oftmals nicht konsequent genug verfolgt. Ich will halt mehr erreichen. Gerne würde ich solche Erlebnislandschaften in den entsprechenden Räumlichkeiten fest installieren, wie mir das zum Beispiel an einem Erlanger Gymnasium gelungen ist.

Interessant ist, dass das monatlich durchgeführte Erlebnisturnen beim TSV Ebenhausen eigentlich als Integrations-Projekt begann.

Integration durch Bewegung lautete das Motto damals. Unsere Bewegungslandschaft wollten wir Flüchtlings- und einheimischen Kindern gleichermaßen nahebringen. Mittlerweile kommen in den zwei Zielgruppen, Kindergarten- und Grundschulkinder, etwa 50 Teilnehmer. Es ist schön für mich zu sehen, dass der TSV-Vorstand um Thomas Mehn da voll mitzieht. So wird der Aufbau unterstützt von Mitgliedern der AH-Abteilung, es kommen aber auch Erwachsene aus der Flüchtlings-Unterkunft, um zu helfen.

Das Projekt "Integrationsturnen" beim TSV Ebenhausen wurde von der Regierung von Unterfranken im Wettbewerb "Integrationspreis 2017" sogar mit dem 3. Platz ausgezeichnet.

Das hat uns damals alle sehr gefreut. Ich erinnere mich noch an die ersten gemeinsamen Stunden mit syrischen Kindern, die sehr spontan auf die Geräte reagiert haben - und übrigens genauso reagiert haben wie einheimische Kinder.

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