Bad Kissingen
Klettern

Andreas Grau und die Faszination der Berge

Anspruchsvolle Touren gehören zum Repertoire des 43-Jährigen, der Mut hat, aber nicht leichtsinnig ist. Denn Lehrgeld wurde auch schon gezahlt.
Artikel drucken Artikel einbetten
Andreas Grau in seinem Element.Silvan Metz
Andreas Grau in seinem Element.Silvan Metz
+3 Bilder

Andreas Grau ist ein bodenständiger Typ. Ein Rhöner aus Reyersbach, der bei Siemens in Bad Neustadt arbeitet, im Service. Das Sportlerleben des 43-Jährigen ist dafür umso faszinierender. Das Klettern ist die große Leidenschaft von Andreas Grau, der den Trainer-B-Schein für Hochtouren besitzt und dem Bad Kissinger Alpenverein angehört.

Wie bist Du zum Klettern gekommen?

Andreas Grau: Als Kind bin ich mit meinen Eltern immer in den Bergen gewesen. Als Teenager, so mit 14, habe ich aufgehört, da waren andere Sachen wichtiger. Als 20-Jähriger war ich mit einer Freundin mal wieder mit meinen Eltern in den Bergen unterwegs, das hatte uns beiden überraschend gut gefallen. Ein Jahr später hat es mich dann richtig gepackt. 1999 habe ich mich beim Alpenverein in Bad Kissingen angemeldet. Man bekommt hier gute Anleitungen und es gibt Kurse, um nicht unvorbereitet ins Gebirge zu gehen. Und mittlerweile bin ich ja auch im Vorstand.

Was ist schöner: der Auf- oder der Abstieg?

Beides hat seine Reize. Geht man rauf, ist man erwartungsvoll, ob man überhaupt den Gipfel erreicht. Beim Abstieg hofft man, heil herunterzukommen. Ich bin nach dem Abstieg glücklicher als beim Aufstieg. Oft sind die Verhältnisse ausschlaggebend, gerade im Hochtourenbereich über 3000 Meter. Besteht Lawinengefahr? Trägt der Schnee? Ist eine Eiswand mit oder ohne Seil begehbar? Ich bin gerne schnell unterwegs und versuche, bis zu einem gewissen Grad seilfrei zu gehen. Mit Seil brauche etwa 50 Prozent mehr Zeit.

Und wo liegt die jeweilige Schwierigkeit?

Der Abstieg ist oft schwieriger. Beim Aufstieg sieht man besser, wo es lang geht, hat Aufstiegsspuren wie Steigeisenkratzer am Fels. Wenn man von oben kommt, sieht man das nicht, weil Körper oder Kleidung das Blickfeld einschränken. Man kann auch Entfernungen schlechter abschätzen, wo man den Fuß hinsetzen muss. Es kommt vor, dass man seilfrei hochklettert und runterwärts seilt, weil man müder und nicht mehr so konzentriert ist.

Bist Du auch abseits der Routen ein Mensch, der gerne Herausforderungen sucht, Hindernisse überwindet?

Ich laufe schnell, fahre gerne auch mal schnell mit dem Fahrrad, bevorzugt bergab. Im Beruf hat es auch mal eine Hürde gegeben. Ich musste bei der IHK meinen Fachwirt machen, um im Beruf weiterzukommen. 20 Jahre nach der Schule musste ich das Lernen wieder lernen. Von 21 Teilnehmern, die ja alle viel jünger waren, haben es zehn geschafft, und ich war dabei. Das hat mich schon stolz gemacht. Den Klettersport kann man gut mit dem Leben vergleichen. Man kann sich Kraft holen und vieles ableiten. Wie auf einer Route, die man sich vorgenommen hat.

Wir sind hier in der Kletterhalle der Bad Kissinger Sektion des Alpenvereins. Wie und was trainierst Du?

Ich versuche zweimal in der Woche da zu sein, lieber dreimal. Manchmal trainiere ich eine Stunde, manchmal sechs Stunden. Was ich klettere, hängt davon ab, wie ich drauf bin und wie viele Leute in der Halle sind. Aufwärmen gehört in meinem Alter mittlerweile dazu. Aufgewärmt und gedehnt läuft es auch besser.

Was waren Deine anspruchsvollsten Touren?

Im Hochtourenbereich war die zweitägige Eiger-Besteigung über den Mittellegi-Grat auf über 3900 Meter Höhe ein lang ersehnter Traum. Wir haben das vom Tal aus gemacht, weil der Zustieg das schönste an dem ganzen Grat dort ist. Du siehst ständig den Gipfel. Dann war ich schon in Peru oder Nepal, wo das Panorama natürlich viel beeindruckender ist. Das ist wie in den Alpen, aber in XXL. Du stehst vor einer Wand, und die geht 4000 Meter hoch, das hat schon was, aber das ist dann schon eine Expedition, wir waren nur zum Trekking da.

Mit wie vielen Leuten bist Du normal unterwegs?

Beim Bergsteigen in den Alpen ist man meistens zu zweit oder zu dritt. Wichtig ist, dass man in einem Team ist mit Leuten, auf die man sich verlassen kann. Man ist teilweise 24 Stunden zusammen, Schulter an Schulter. Da muss man sich verstehen, muss sich vertragen können.

Zuletzt gab es in den Medien die Schlagzeile: Stau auf dem Mount Everest. Was löst das in Dir aus?

Das Mode-Bergsteigen mit Mode-Bergen hat sich dahin entwickelt. Das sieht man oft in den Alpen. Der Everest ist für mich auch ein Mode-Berg, ein Prestige-Objekt. Es gibt auch Klassiker in der Fränkischen Schweiz, die mittlerweile regelrecht abgeklettert ist, weil jeder da hin will. Jetzt mus man dort einen Grad besser klettern können als das früher der Fall war, weil die schwierigen Stellen so glatt sind.

Es ist nicht lange her, dass drei Weltklasse-Kletterer Opfer eines Lawinenunglücks wurden. Vollprofis. Wie findet Deine Risikoabwägung statt?

Ich kann umkehren, das können andere nicht. Aber letztendlich wird die Entscheidung aus dem Bauch heraus getroffen. Bei schwierigen Touren ist man meistens zu zweit, das Umkehren muss man in Kauf nehmen, auch wenn es schmerzt. Wenn einer sich nicht gut fühlt, gibt es keine Frage, dass man dann aufhört. Ich hatte in meiner Gruppe mal einen Spaltensturz, im Ötztal in Österreich. Derjenige hatte Stock, Brille und Eispickel verloren. Knie, Ellenbogen und Kopf aufgeschlagen. Über einen Flaschenzug haben wir ihn rausgezogen. Der war aber so unter Adrenalin, dass er unbedingt weiter wollte. Wir haben ihm dann eine Art Sonnenschutz mit Tape gebastelt. Wir haben es alle auf den Gipfel geschafft, entsprechend wurde abends auf der Hütte gefeiert. Ein anderes Mal hatte uns beim Eisklettern in einem gefrorenen Wasserfall eine Seillänge gefehlt, als die Uhr das Signal zum Umkehren gab. Aber die Verhältnisse waren gut, wir haben es in diesem Fall durchgezogen.

Es gibt Bergsteiger-Traditionalisten wie Reinhold Messner und die sportlich Ambitionierten, wie die Huber-Buam. Wo würdest Du Dich ansiedeln?

Man kann das nicht vergleichen. Früher gab es das reine richtige Bergsteigen wie beim Reinhold . Die Huber-Brüder müssen sich vermarkten, das musste Messner nicht. Daher muss heutzutage alles immer schneller, höher und gefährlicher sein, mit dem entsprechenden Nervenkitzel. Die Huber-Buben sind auf dem Boden geblieben, aber für mich trotzdem Helden.

Sind Bergsteiger Individualisten oder Teamworker?

Du musst ein Egoist sein, wenn du richtig schwere Touren kletterst, sonst geht das ab einem gewissen Grad nicht. Da musst du hart trainieren, mit Hanteln und speziellen Fingerübungen. Ich will klettern, nicht stupide trainieren. Ich will meinen Spaß haben. Und was ich erreichen wollte, habe ich bisher auch erreicht.

Hat Dich schon mal die Höhenkrankheit erwischt?

Ja, in Peru. Aufgrund einer Flugverspätung hatten wir drei Tage verloren. Das wollten wir aufholen und sind zu früh eingestiegen. Unser Seilführer war dann auch noch in Schrittgeschwindigkeit unterwegs, was sich für mich wie Zeitlupe angefühlt hat. Ich habe mich aus dem Seil ausgebunden und war zwei Stunden eher am Gipfel auf etwa 5800 Meter wie der Rest der Gruppe. Da ging es mir noch gut. Ins Basislager bin ich regelrecht gerannt. Da habe ich dann gemerkt, dass das alles ein Fehler war. Ich bekam Kopfschmerzen, konnte drei Tage nichts essen und trinken. Ins nächste Hochlager auf dieser Tour bin ich noch aufgestiegen, musste aber schließlich vorzeitig den Heimflug antreten. Ich habe da viel Lehrgeld bezahlt, war vielleicht noch bei zehn Prozent meiner sonstigen körperlichen Leistung und wochenlang richtig kaputt. Man lernt viel aus solchen Geschichten. Langsam ist oft besser, das weiß ich jetzt.

Oben am Gipfel, hast Du da ein Ritual?

Berg Heil ist der Gipfel-Gruß. Wir haben aber auch immer ein Bier dabei: Einer sagt Hopfen und Malz, der andere macht das Bier auf und sagt Gott erhalt's. Ein Foto oder auch Video gehören ebenso dazu.

Was ist Dein spektakulärster Ausblick gewesen?

Jeder Ausblick hat seine Faszination. Vom Matterhorn-Gipfel aus sieht man ringsum viel, auch vom Montblanc natürlich. Richtig gut ist am Wildstrubel oder Wildhorn in der Schweiz, da sieht man zig 4000er, und das auf einer Höhe von etwa 3300 Metern. Ein unglaublicher Ausblick, den man nur empfehlen kann.

Endlich oben. Was löst das bei Dir aus?

Freude und Freiheit. Das ist das, was ich spüre. Ich denke da oben nicht viel nach, ich genieße.

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren