Bad Königshofen im Grabfeld

Kilian Ort ist untröstlich

Die Silbermedaille im Doppel bei den Deutschen Meisterschaften wiegt die große Enttäuschung über das verpasste Einzel-Halbfinale nicht auf.
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Die Enttäuschung über die knappe Niederlage gegen Ruwen Filus im Viertelfinale der deutschen Tischtennis-Meisterschaft steht Kilian Ort (rechts) und dem bayerischen Verbandstrainer Cornel Borsos ins Gesicht geschrieben. Foto: Marco Steinbrenner
Die Enttäuschung über die knappe Niederlage gegen Ruwen Filus im Viertelfinale der deutschen Tischtennis-Meisterschaft steht Kilian Ort (rechts) und dem bayerischen Verbandstrainer Cornel Borsos ins Gesicht geschrieben. Foto: Marco Steinbrenner
Um ihn herum leerte sich schon die Brose Arena. Kilian Ort saß auf einem Stuhl hinter der Box mit der Nummer 1. Er vergrub das Gesicht unter seinem Shirt, unter seinem Handtuch. Er blickte ins Leere, schien die aufmunternd gemeinten Schulterklopfer gar nicht wahrzunehmen. Der 20-Jährige vom TSV Bad Königshofen war am Samstagabend nur zwei Punkte von einer Einzelmedaille bei den deutschen Tischtennismeisterschaften entfernt. Als Halbfinalist hätte er mindestens Bronze sicher gehabt.

Es schien greifbar, das Edelmetall. 9:5 führte Kilian Ort im sechsten Durchgang bei 3:2-Satzführung im Viertelfinale gegen Ruwen Filus vom Bundesligisten TTC Rhön-Sprudel Fulda-Maberzell. "Irgendwann denkt man ans Gewinnen", seufzte Kilian Ort, nach einem großartigen Match, das die ganze Halle in seinen Bann zog. Und das er 3:4 (11:7, 11:4, 3:11, 4:11, 11:8, 9:11, 4:11) verlor. An den Sieg gedacht, "das habe ich aber schon bei 2:0 in den Sätzen für mich." Angreifer Ort suchte, bekam und nutzte seine Vorhand-Topspin-Chancen gegen Abwehrspieler Filus, der mit der Rückhand dagegen hielt, besser ins Match fand und ausglich. Ort legte wieder vor und war 7:2 vorne im sechsten Durchgang, als Filus mit einem Kantenball punktete. "8:2 ist halt doch etwas ganz anderes als 7:3", haderte Ort mit dem Schicksal. Er beeilte sich aber zu versichern, dass er Filus kein glückliches Comeback unterstellen wolle.


Der Arm wird schwer

Beim 9:5 schien der Weg ins Halbfinale immer noch bereitet. Aber allmählich wurde Kilian Ort der Arm etwas schwer. Die Schlagposition und die Höhe des Balltreffpunkts passten nicht mehr so recht, die Zahl der Fehler stieg. "Und beim Stand von 10:9 für ihn fällt mir der Ball ins Netz", sagte Ort. Bundesligaspieler Filus packte all seine Routine aus und kochte Ort anschließend ab. "Ich weiß nicht, wann ich die nächste Chance bekomme, im Einzel eine Medaille zu holen. So nah war ich jedenfalls noch nie dran", sagte Ort mit enttäuschtem Blick.
Kein Trost war ihm in diesem Moment die Gewissheit, dass er am Sonntagabend doch eine Medaille aus Bamberg mitnehmen würde. Gemeinsam mit seinem langjährigen Nebenmann Dang Qui (ASV Grünwettersbach) hatte der 20-Jährige im Laufe des Samstag den Einzug in die Vorschlussrunde des Doppelwettbewerbs klar gemacht. Bronze war ihnen - Nummer 4 der Setzliste - da sicher. Sie versilberten die Medaille mit einem 3:1-Sieg (11:5, 15:17, 11:8, 11:5) im Halbfinale gegen die an Position 2 gesetzten Benedikt Duda/Dennis Klein. Ort/Qui zeigten eine gute Vorstellung. "Uns kam entgegen, dass Duda vorher schon im Einzel verloren hatte", sagte Kilian Ort. Der Bergneustädter hatte wie später Ruwen Filus im Finale keine Chance gegen Timo Boll, der zum elften Mal deutscher Meister wurde.


Zu passiv im Doppelfinale

Apropos Filus: Auch im Doppelfinale konnte Ort ihn - und Doppelpartner Ricardo Walther - nicht bezwingen. "Wir sind zu passiv reingegangen", war der erste Durchgang für Ort/Qui rasch verloren. "Im zweiten Satz haben wir unsere Taktik besser umgesetzt. Aber dann gab es ein, zwei unglückliche Bälle gegen uns", bilanzierte Kilian Ort nach dem 1:3 (4:11, 11:7, 7:11, 8:11), "und wir haben nicht aggressiv genug gespielt. Das war keine gute Leistung." Im Viertelfinale hatten Ort/Qui die Paarung Jens Schabaker/Gregor Surnin sicher mit 3:1-Sätzen (9:11, 11:4, 11:4, 11:6) bezwungen. Nach einem "schrecklichen Start", so Ort und verlorenem ersten Durchgang, war es danach eine klare Sache. "Wir haben ein sehr gutes Doppel gespielt und sind zufrieden", sagte er. Zum Turnierauftakt hatten die beiden A-Nationalspieler im Achtelfinale die jungen Baden-Württemberger Kay Stumper/Tom Eise mit 3:0-Sätzen (14:12, 12:10, 12:10) besiegt. "Nach dem 5:1 im ersten Satz haben wir ein bisschen den Faden verloren. Wir sind dann mehr über das offene Spiel gegangen und haben mehr lange Bälle gespielt, was eigentlich nicht so unser Ding ist. In zwei Sätzen waren wir 7:10 hinten und haben sie noch gedreht."


Beflügelt von den TSV-Fans

Einigermaßen problemlos erledigte der an Position 8 gesetzte Ort im Viertelfinale der Einzelkonkurrenz die Aufgabe gegen Lennart Wehking (1. FC Köln) mit 4:1-Sätzen (11:8, 7:11, 11:3, 11:7, 11:8). "Perfekt", war für Kilian Ort, dass er unmittelbar vor der kleinen, aber unübersehbaren Bad Königshofener Fankolonie um seine Eltern spielen konnte. Das beflügelte ihn. Er bestimmte die Ballwechsel und leistete sich kaum leichte Fehler. "Ich habe gute Rückschläge gespielt", gelang es Ort, die gefährlichen Aufschläge des Rheinländers so zu returnieren, dass der kaum mit der Vorhand antworten konnte. "Oder zumindest nicht gut zum Ball stand." Der zweite Durchgang ging verloren, aber ab dem dritten stellte Kilian Ort seine Aufschläge um. Aus dem Ligaspiel Ende Oktober wusste er noch, dass er Wehking mit der zweiten Variante - "die wollte ich in der Hinterhand haben" - Probleme bereiten kann. Die Taktik ging auf. Die folgenden drei Sätze gingen klar an Kilian Ort. "Ja, das war eine gute Leistung", fand er, "jedenfalls eine deutliche Steigerung" zum ersten Einzel. "Ich bin normalerweise sehr kritisch mit mir. Aber wenn man sich gegen Wehking, der vielen sehr, sehr starken Spielern gefährlich werden kann, so relativ souverän durchsetzt, kann man schon zufrieden sein."

Den Einzug ins Achtelfinale hatte Ort vorher mit einem 4:2-Erfolg (11:5, 11:8, 5:11, 5:11, 11:7, 11:7) gegen Dwain Schwarzer perfekt gemacht. Gegen den Spieler vom Drittligisten SV Brackwede tat sich Kilian Ort in den ersten vier Sätzen sehr schwer. Nach dem Satzausgleich berappelte sich Ort wieder. "Ich habe deutlich besser variiert: Aufschläge, Platzierung, Schnitt", sagte Ort. Daniel Rathgeber

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