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Grenzerfahrung

Der Ostler und der Westler leiden jetzt gemeinsam

Ost und West vereint am Arbeitsplatz: Die Sportredakteure Jürgen Schmitt und Steffen Standke tauschen sich aus über Kindheits-Erinnerungen, Lieblingsvereine und Starkult im geteilten Deutschland.
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In guten wie in schlechten Zeiten: Auch wenn es nicht immer einfach ist, lassen Steffen Standke (links) und Jürgen Schmitt nichts über ihre Lieblingsvereine FC Energie Cottbus und 1. FC Köln kommen. Foto: Benedikt Borst
In guten wie in schlechten Zeiten: Auch wenn es nicht immer einfach ist, lassen Steffen Standke (links) und Jürgen Schmitt nichts über ihre Lieblingsvereine FC Energie Cottbus und 1. FC Köln kommen. Foto: Benedikt Borst

Nur die Bildschirme trennen Jürgen Schmitt (51) und Steffen Standke (42) an ihrem Arbeitsplatz. Bis 1989 war es ein weit über 1000 Kilometer langes Beton-Ungetüm. 30 Jahre nach dem Mauerfall tauschen die beide Redakteure ihre persönlichen sportlichen Grenzerfahrungen aus.

Welches (Fußball-)Spiel war das erste, was Du besucht hast?

Steffen Standke: Es muss 1987 gewesen sein, als mich mein Opa zur Begegnung BSG Energie Cottbus gegen Armeesportclub Frankfurt/Oder in der Oberliga, der höchsten DDR-Spielklasse mitnahm. Ich saß in Reihe drei, das weiß ich noch, und ich war traurig, weil die Cottbuser mit 1:3 verloren. Fußballfan war ich damals schon, aber kein Stadiongänger. Aber mein Opa dürfte mich vorgeprägt haben, damals. Er gehörte zu der Sorte Fußballverrückter, die ihre eigene Geburtstagsfeier mitsamt Gästen für ein Spiel ihres Lieblingsvereins verlassen. Das habe ich später auch mal geschafft...

Jürgen Schmitt: Mein erstes Bundesliga-Livespiel muss in den frühen 80ern gewesen sein: Leider ohne Tore beim Spiel der Frankfurter Eintracht gegen die Bayern im alten Waldstadion. Mittlerweile gehören auch EM- und WM-Spiele zu meinem Fußball-Portfolio.

Hattest Du in der Zeit, als Deutschland geteilt war, schon eine Lieblingsmannschaft? Aus welchen Gründen?

Steffen Standke: So ausgefeilt waren meine Gefühle damals noch nicht. Aber über meine Eltern merkte ich indirekt, dass man den Stasi-Klub BFC Dynamo Berlin doof und Dynamo Dresden cool finden muss. Erstere waren zwar DDR-Abonnement-Meister, scheiterten international aber meist früh, während die Dresdner im Europapokal öfters weit kamen. Meine Fanliebe zu Energie Cottbus entwickelte sich erst Mitte der 1990er-Jahre.

Jürgen Schmitt: Nur ein Fernseher im Haus und der Vater ein Fußball-Fan. Klar, was da am Samstagabend in der Glotze lief. Ohne mich zunächst für Fußball zu interessieren, habe ich mir spontan den 1. FC Köln als Lieblingsteam ausgesucht. Der Geißbock-Elf bin ich bis heute treu geblieben und habe es (fast) nie bereut.

Wettbetrug und verschobene Spiele. Hast Du da in der Zeit vor der Wende etwas mitbekommen?

Steffen Standke: Auch da muss ich sagen, dass ich über meine Eltern ein gewisses Gerechtigkeitsbewusstsein entwickelt habe. So wunderte mich manchmal, dass der BFC Dynamo in engen Oberliga-Spielen in der 89. Minute öfters einen Elfer zugesprochen bekam, während bei anderen Mannschaften auch klarste Fouls oder Handspiele nicht gegeben wurden. Dass der Verein von Stasi-Chef Erich Mielke am Saisonende ganz oben steht, war ja politisch gewollt.

Jürgen Schmitt: Im Westen gab es ja in den 70er Jahren den großen Bundesliga-Skandal. Das habe ich aber alles erst viel später mitbekommen. Gut so, sonst hätte ich damals schon den Glauben an den sauberen Sport verloren. Dass der BFC Dynamo ein ganz spezieller Verein war, das habe ich in den späten 80ern auch schon mitbekommen.

Dynamo und Fortuna. Wismut und Arminia. So manche Vereinsnamen waren schon komisch, oder?

Jürgen Schmitt: Ich sag nur Aktivist Schwarze Pumpe. Da habe ich am späten Samstagnachmittag vor der Sportschau immer die Sportsendung auf DDR1 angesehen, bis die Ergebnisse aus den einzelnen Staffeln im DDR-Fußball kamen. Da gab es noch andere außergewöhnliche Vereinsnamen. Steffen Standke: Da muss ich passen. Da habe ich mir als Kind keine Gedanken gemacht.

1974. Ausgerechnet bei der Fußball-Weltmeisterschaft in der Bundesrepublik gewinnt die DDR durch einen Treffer von Jürgen Sparwasser.

Steffen Standke: Auf diesen Erfolg unseres kleinen Landes war ich bis weit nach dem Mauerfall stolz. Und auch, dass Argentinien die DFB-Elf im Finale 1986 mit 3:2 besiegt hat. Damals war das ja der Klassenfeind. Auch der Champion-Titel bei der WM 1990 in Italien war mir noch gleichgültig. 2014 hatte sich das gründlich geändert. Da habe ich voll mit dem Team von Jogi Löw mitgefiebert und mich tierisch über das 1:0 von Mario Götze gefreut. Der DDR-Sieg von 1974 ist nur noch Geschichte. Mit der damit verbundenen Ostalgie kann ich nicht viel anfangen.

Jürgen Schmitt: Da war ich sechs Jahre alt und habe mit Kumpels bei den Nachbarn heimlich geklingelt oder anderen Unsinn getrieben. Erst ein paar Jahre später habe ich das alles registriert. Wobei meine Erinnerungen an die WM im eigenen Land sich lange auf die Final-Tore gegen Holland sowie die Wasserschlacht in Frankfurt beschränkten. Die Blamage gegen die DDR habe ich womöglich einfach verdrängt. Die Ossis hatten den Klassenfeind bezwungen, aber wir hielten den Pokal in den Händen. Für jeden etwas.

Du bist ja auch Fußballer, wem hast Du da als Bub nachgeeifert?

Steffen Standke: Den Karl-Heinz Rummenigge fand ich gut und Ulf Kirsten, aber auch DDR-Nationalkeeper Bodo Rudwaleit. Der hat tolle Paraden gezeigt. Leider durfte ich in einer Familie mit musischer Orientierung mich nicht im Fußballverein ausprobieren.

Jürgen Schmitt: Einer meiner Helden war Pierre Littbarski. Klasse Fußballer und ein echter Typ. Mensch war ich happy, als ich bei einem Freundschaftsspiel der Kölner in Münnerstadt ein Autogramm abstauben konnte. Was die "Ost-Importe" angeht, hat mich immer der Siegeswille bei Matthias Sammer beeindruckt.

Wie hat sich Dein Lieblingsverein im wiedervereinten Deutschland entwickelt?

Steffen Standke: Eigentlich kann ich zufrieden sein. Hat mein FC Energie, in DDR-Zeiten eine Fahrstuhlmannschaft zwischen 1. und 2. Liga, doch 17 Jahre im Profifußball bestehen können. Dazu zählen sechs tapfere Spielzeiten als Aushängeschild des Ostens in der Bundesliga. Und das zu einer Zeit, als die meisten Vereine der neuen Bundesländer ganz unten rumdümpelten. Doch wie vergänglich Erfolg ist, sehe ich derzeit. Der FCE schafft es nicht einmal, sich in der Dritten Liga zu halten.

Jürgen Schmitt: Wir sind nur ein Karnevalsverein. Das waren wir auch unter Christoph Daum, aber da waren wir zumindest sportlich noch eine Macht. Jetzt fährt der Fahrstuhl rauf und runter...

RB Leipzig und Union Berlin? Gibt es überhaupt noch echte Ost- und Westvereine?

Steffen Standke: Ganz ehrlich: Die Ost-West-Unterscheidung leuchtet mir 30 Jahre nach der Wende nicht mehr ein. Spielen doch in Ostvereinen Wessis und umgekehrt. Oft weiß man gar nicht mehr, wer woher stammt. Aber irgendwie sehe ich solche Finanzkonstrukte wie RB oder Hoffenheim kritisch, auch wenn sie mit guter Jugendarbeit punkten. Für mich unterdrücken sie aber solch traditionelle Klubs, wie sie Lok und Chemie Leipzig darstellen. Insgesamt muss ich sagen, dass es immer noch viel zu wenig Vereine aus den nicht mehr ganz so neuen Bundesländern in den Profifußball geschafft haben. Und es wird einfach nicht besser...

Jürgen Schmitt: Da schließe ich mich den Worten meines Vorredners an.

Gustav Adolf Schur und Didi Thurau. Michael Groß und Roland Matthes. Wer waren außerhalb vom Fußball so typische Sporthelden Deiner Zeit?

Jürgen Schmitt: Tatsächlich bin auch ich einszweimal aufgestanden zu Kämpfen von Muhammad Ali. Dabei war ich gar kein großer Box-Fan. Davon in der Schule zu erzählen, war wohl interessanter als der ganze Kampf. Dazu natürlich der Tennis-Boom, den Boris Becker und Steffi Graf ausgelöst haben. Wahnsinn, was da damals alles im Öffentlich-Rechtlichen gezeigt wurde.

Steffen Standke: Den Täve Schur fand ich als Kind toll, auch wenn ich seine aktive Zeit (noch) nicht erlebt habe. Und als die Friedensfahrt Ende der 1980er in Cottbus Station machte, war ich live dabei. Damals war Olaf Ludwig mein großes Idol. Mein Interesse für Radsport hat sich aber noch vor den Erfolgen von Jan Ullrich und den Doping-Geschichten abgekühlt. Keine Ahnung, warum.

Hast Du Dich in jungen Jahren schon für Olympia interessiert? Was sagst Du zu den Erfolgen der jeweils anderen Seite?

Jürgen Schmitt: Ich hab's nie kapiert, wie ein Land mit etwa 16 Millionen Einwohner so viel mehr Medaillen scheffeln konnte wie ein viermal so großes Land. Dann kamen ja noch die Olympia-Boykotte in den 80er Jahren dazu. Einerseits hat mich Olympia immer fasziniert. Aber irgendwann war auch mir klar, dass der Sport im Funktionärs-Olymp eigentlich nur eine Nebenrolle spielt.

Steffen Standke: Ich war unheimlich stolz, dass die kleine DDR im Medaillenspiegel neben den "Großen" UdSSR und USA meist Platz drei einnahm. Und ich habe mich gefreut, dass die bundesdeutschen Athleten meist nicht so erfolgreich abschnitten. Als Sportidole stachen für mich Heike Drechsler, Marita Koch, aber auch Jens Weißflog, heraus. Wie die Erfolge oft zustande kamen, habe ich damals nicht hinterfragt.

Zurück zum Fußball: Was wohl der Ossi-Fan über den Wessi-Fan dachte - und umgekehrt?

Steffen Standke: Eine schwierige Frage. Das hat mich lange nicht interessiert. Wenn die Westler gegen die Ostler verloren haben, war alles gut.

Jürgen Schmitt: Ich musste immer schmunzeln, wenn die DDR-Fans in internationalen Pokalspielen "Wir wollen weiter" geschrien haben. Das fand ich total oldscool. Dazu die komischen Tröten. Bei uns gab es in den 80ern ja die irre lauten Gas- und Druckluft-Hupen; da hat man sich irgendwie überlegen gefühlt.

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