Wenn Hannelore Möhler, die alle nur Hanni nennen, die Halle beim TSV Bad Kissingen betritt, steht sie immer noch im Mittelpunkt. Turnerinnen und Trainer umringen sie, fragen zwar zunächst, wie es ihr geht, doch schnell ist man beim Thema Sport. Da gibt es immer kleinere Probleme, bei denen ihr Rat gefragt ist. Und die Hanni ist sofort wieder in ihrem Element, lächelnd und mit leuchtenden Augen diskutiert sie eifrig mit und gibt Ratschläge. Eigentlich hat sich die First Lady des Turnens in der Kreisstadt ja zurückgezogen aus dem aktiven Geschehen. Die 79-Jährige war jahrzehntelang Abteilungsleiterin und Trainerin der Turner beim TSV. Erst zum Jahreswechsel 2011/2012 hatte sie die Verantwortung an Jüngere abgegeben. Bei dem neuen Abteilungsleiter Nico Hofmann und den Trainern Tine Kleinhenz, Almut Lülf und André Prechtl weiß sie ihr Erbe in besten Händen. "Ich habe wirklich erst aufgehört, als ich gewusst habe, dass alles perfekt weiter läuft", ist sie von dem Team hundertprozentig überzeugt. Damit war auch für den Verein der Zeitpunkt gekommen, Danke zu sagen für die zeitaufwendige und erfolgreiche Arbeit. Dies taten die Vorsitzende Hannelore Schön und der 2. Schatzmeister Manfred Albert, die ihr Blumen, eine Urkunde und ein Kuvert überreichten. Auf die Frage von Hanni Möhler, was da drin sei, antwortete Albert schelmisch, "das Programm für den Kissinger Sommer". "Na, das können wir gleich wegwerfen, das habe ich schon", so Hanni Möhler. "Das würde ich nicht tun, vielleicht ist da ja noch ein Gutschein dabei", antwortete ihr Albert prompt. Gemeinsames Gelächter ist die Folge, Rührseligkeit kommt so gar nicht erst auf.
Dabei war das Turnen zu Beginn der Karriere der erfolg reichsten Sportlerin des TSV Bad Kissingen gar nicht ihre große Leidenschaft. "Ich war eigentlich Leichtathletin und wurde zunächst von Willi Zoll trainiert", erinnert sich Hanni Möhler. Ein Zufall öffnete die Tür zu großen Erfolgen. Lotte Grunenberg hatte es aus Nürnberg nach Bad Kissingen verschlagen, da ihr Mann hier eine Stelle beim Deutschen Wetterdienst bekam. "Unter ihr als Trainerin habe ich unheimlich viel gelernt", betont Hanni Möhler. Grunenberg begleitete sie 1952 zu den Deutschen Meisterschaften nach Kassel, wo sie völlig überraschend den Titel im Fünfkampf holte. Lotte Grunenberg erkannte aber die vielseitige Begabung ihres Schützlings und brachte sie zum Neunkampf, der besteht aus vier Leichtathletik-Disziplinen, vier Turnteilen und einem Gymnastikteil. "In Sachen Turnen war in Kissingen nichts geboten, also fingen wir da klein an,", erzählt Hanni Möhler. "Bei den großen Wettkämpfen war ich nach dem Turnen nur Dritte oder Vierte, aber in der Leichtathletik habe ich alle geschlagen. Und dann war ich die Siegerin." Bis 1968 wurde die Kissingerin fünf Mal Deutsche Meisterin im Neunkampf, vier Titel im Schleuderball kamen dazu.
Doch das musste sie sich quasi selbst erarbeiten, denn Lotte Grunenberg verließ Bad Kissingen bereits 1954 wieder, da ihr Mann versetzt wurde. "In diesem Jahr habe ich sie beim Turnfest in Hamburg gefragt, wie das denn jetzt mit dem Training weitergehen soll. Daraufhin bekam ich nur ganz trocken zur Antwort, das machst du. Du trainierst deine Sachen und die anderen sollen das einfach mitmachen", wundert sich Hanni Möhler noch heute, wie sie 1954 zur Turn-Trainerin wurde. "Da war dann alles auf meinen Schultern gelegen, ich habe ja auch aktiv weiter Neunkampf gemacht." So erfolgreich Hanni Möhler als Sportlerin war, so erfolgreich war sie auch als Trainerin. Generationen von Turnerinnen bildete sie aus. Zahlreiche Unterfränkische und Bayerische Meistertitel stehen zu Buche. Zwei Mädchen holten sogar vier Deutsche Vizemeisterschaften. Und der Kontakt zu den erfolgreichen Damen ist nie abgerissen. "Die Franzi Kretschmer, die jetzt in Freiburg lebt, ruft regelmäßig an. Und wenn Barbara Göb aus den USA zu Besuch ist, schaut sie immer bei den Turnern vorbei", freut sich ihre ehemalige Trainerin.