Bad Brückenau
Sinntalbahn

Sinntalbahn wird konkret

Die Pläne zur Reaktivierung der Eisenbahnstrecke von Jossa bis zum Arnsberg sorgen in der Region für viel Wirbel. Bisher wurde die Interessengemeinschaft Sinntalbahn- Kreuzbergbahn eher mit Skepsis beäugt. Jetzt treten die ersten freiwilligen Helfer auf den Plan ...
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Eisenbahnfreunde packen an: Michael Kapitz (von links), Josef Sell und die Brüder Thomas und Jürgen Lieb setzen sich für die Reaktivierung der Strecke von Jossa bis zum Arnsberg ein. Fotos: Ulrike Müller
Eisenbahnfreunde packen an: Michael Kapitz (von links), Josef Sell und die Brüder Thomas und Jürgen Lieb setzen sich für die Reaktivierung der Strecke von Jossa bis zum Arnsberg ein. Fotos: Ulrike Müller
Sie wollen tatkräftig anpacken. Mit Spitzhacke, Schaufeln und Säge bewaffnet, demonstrieren sieben Befürworter der Sinntalbahn ihre Einsatzbereitschaft. Solange über das Schicksal der Strecke von Jossa bis zum Arnsberg nicht entschieden ist, dürfen sie freilich nicht loslegen. Aber mit ihrem Engagement signalisieren die Sinntalbahn-Freunde, dass sie es ernst meinen mit der Reaktivierung. Und sie geben der Bewegung ein regionales Gesicht. Denn es sind Leute von hier, die sich für den Erhalt der Strecke einsetzen.

Ein klassisches Patt


Hintergrund: Seit einem Jahrzehnt wird über die Zukunft der Eisenbahnstrecke gestritten. Die Kommunen wollten eigentlich einen Radweg auf der Trasse bauen und so den Radtourismus in der Region fördern. Solange sich aber gesellschaftliche Gruppen wie die Interessengemeinschaft Sinntalbahn-Kreuzbergbahn (IG) für den Erhalt der Strecke einsetzen, gibt das Eisenbahnbundesamt kein grünes Licht für den Rückbau der Gleise. Das heißt, der Radweg liegt bis auf Weiteres auf Eis. Ein klassisches Patt, denn bisher schien von der Seite der Bürger wenig Begeisterung für die Reaktivierung der Strecke zu kommen. Aber ohne deren ehrenamtliches Engagement ist das Projekt von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Erste Freiwillige


Jetzt aber haben sich die ersten Freiwilligen öffentlich zu Wort gemeldet. "Wir fangen einfach an", sagt Michael Kapitz, Polizist aus Riedenberg und Vorsitzender des Modellbahnvereins Eisenbahnfreunde Sinntalbahn. Der Verein ist aus dem Vorläufer der heutigen IG hervorgegangen, die sich erst vor kurzem neu gegründet hat. Schon vor zehn Jahren setzten sich die Befürworter der Sinntalbahn für eine Reaktivierung der Strecke ein, doch ihre Bemühungen scheiterten. "Damals haben wir den Modellbahnverein gegründet, um die Eisenbahnfreunde zusammenzuhalten", erzählt Jürgen Lieb, bis 2009 erster Vorstand des Vereins. Mittlerweile haben die Modellbahner viel Geld in ihre Anlagen gesteckt. An einer Reaktivierung der echten Sinntalbahn haben sie inzwischen kein Interesse mehr. Einigen unter ihnen ist das Projekt aber zur Herzensangelegenheit geworden.
Josef Sell zum Beispiel erinnert sich gern an seine Jugend in Wildflecken zurück. "Ich habe die Hochzeit der Eisenbahn in den 1960er Jahren erlebt", erzählt der Bäcker, der aus irgendeinem Grund nicht Lokführer geworden ist. Als Jugendlicher beobachtete er den Bahnbetrieb von seinem Zimmerfenster aus. "Da sind am Tag bis zu vier Truppenzüge durchgekommen." Und wenn er von den Panzerverladungen erzählt, spürt man ihm die Begeisterung förmlich ab. Sell wohnt inzwischen im Raum Nürnberg.Aber den Eisenbahnfreunden Sinntalbahn ist er verbunden geblieben. Unlängst half er beim Parkfest aus. Der Modellbahnverein stellte in der Wandelhalle etliche Anlagen aus. " Unseren Informationsstand über die Reaktivierung durften wir allerdings nicht aufbauen", sagt Lieb. Im Programm sei der Stand zwar angekündigt worden, die Kurverwaltung entschied sich dann aber anders, um in der Sache neutral zu bleiben - lautet es von der Seite des Vereins.

Noch immer fehlt der Glaube


Von einzelnen Ausnahmen abgesehen, seien die Reaktionen aber durchweg positiv, berichtet Hermann Bulheller vom Fahrgastverband Pro Bahn, der sich ebenfalls für die Re ak ti vie rung stark macht. "Wenn erst einmal etwas passiert, dann sehen die Leute, dass es vorwärts geht", ist sich Bulheller sicher. Immerhin, wüste Beschimpfungen seien bisher ausgeblieben und "ein gewisser Rücklauf ist da". Die neu gegründete IG hat nach eigenen Angaben aktuell um die 40 Mitglieder. Über ihr finanzielles Polster schweigt sie sich allerdings aus. "Wir sind noch in der Findungsphase und der Glaube fehlt noch", benennt Bulheller das zentrale Problem.
Im Juni hatten die Befürworter der Reaktivierung mit öffentlichen Informationsveranstaltungen in Bad Brückenau und Wildflecken für ihr Projekt geworben. Die Reaktionen fielen verhalten aus. Zu tief sitzt die Enttäuschung über die bereits gescheiterten Versuche. Zu groß ist der Frust, weil der geplante Radweg und die Sinntalbahn sich gegenseitig blockieren. "Ich bin selbst nicht frei von Skepsis", gibt Jürgen Lieb zu. Auch ihn wurmt, dass inzwischen zehn Jahre ins Land gegangen sind, in denen gar nichts passiert ist. Immerhin, die Gleise liegen noch. "Ich muss jede Chance nutzen, die Strecke zu erhalten", erklärt Lieb seine Motivation. 30 Kilometer Schienennetz aufzugeben nur weil fünf Kilometer für den Ausbau des Radweges gebraucht würden, stehe für ihn in keinem Verhältnis.

Konkreter Zeitplan


Und so sieht der Zeitplan der Befürworter der Sinntalbahn konkret aus: Zuerst muss die Netzagentur der Deutschen Bahn die Strecke freigeben. Die Entscheidung wird im Frühjahr 2013 erwartet. Dann sind die Ehrenamtlichen dran. Sie schneiden die Gleise frei und sichern dauerhaft die Instandhaltung der Strecke. Nach Schätzungen der IG kostet die Reaktivierung etwa 600 000 Euro, von denen zwei Drittel in Eigenleistung erbracht werden könnten. Wenn das Eisenbahnbundesamt die Strecke freigibt - für die Teilstrecke von Jossa bis Bad Brückenau könnte das schon in zwei Jahren der Fall sein - kommt die Rhein-Sieg-Eisenbahn als Betreiber zum Einsatz.
"Wir sind nicht gegen Radfahrer", stellt Hermann Bulheller klar. "Wir wollen lediglich keinen Radweg auf der Bahntrasse, sondern die Sinntalbahn zurück - nicht zuletzt, um den Radtourismus in der Region zu beleben." Im September sind weitere Informationsveranstaltungen in Riedenberg, Zeitlofs und Altengronau geplant, bei denen die IG weitere Freiwillige werben möchte. Fest steht eines: Bis wieder Züge durchs Sinntal rollen, brauchen die Eisenbahnfreunde einen langen Atem.


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