Bad Kissingen
Frauenring

Sich um andere kümmern, ist für Eva Matthies ganz normal

Viele Fragen über ihr Leben hatten die Frauenrings-Vorsitzende Birgit Fischer und ihre Stellvertreterin Barbara Thiele beim "Women's date" an Eva Matthies vorbereitet.
Artikel drucken Artikel einbetten
Von links: Barbara Thiele, Eva Matthies, Birgit Fischer  Foto: Frauenring
Von links: Barbara Thiele, Eva Matthies, Birgit Fischer Foto: Frauenring
"Für mich war es immer ganz normal, dass man sich auch um andere kümmert und sich nicht nur mit eigenen Problemen beschäftigt", antwortete Eva Matthies auf die Frage, warum sie sich schon im jugendlichen Alter mit Themen wie Gefängnisseelsorge oder Asylantenbetreuung befasst habe. Frauenrings-Vorsitzende Birgit Fischer hatte mit ihrer Stellvertreterin Barbara Thiele die Biografie von Eva Matthies studiert und dabei einen spannenden Fragenkatalog für den Women`s date mit der langjährigen Kidro-Vorsitzenden zusammen gestellt. Zahlreiche interessierte Mitglieder und Gäste waren der Einladung des Bad Kissinger Frauenrings in das Kaminzimmer des Hotel Wyndham Garden gefolgt.
"Es gibt natürlich auch eine Zeit vor Kidro", beantwortete Eva Matthies die Frage Birgit Fischers, wie die gebürtige Würzburgerin schließlich in Bad Kissingen gelandet sei. In Würzburg habe man nur kurze Zeit gelebt, erzählte Matthies, denn durch den Beruf des Vaters musste die Familie oft umziehen. Nach ihrem Studium zur Fachlehrerin an Volksschulen heiratete sie 1970 Günter Matthies. Das Paar lebte in Neuburg an der Donau, dort wurde 1977 Tochter Judith geboren, 1983 Sohn Benjamin in Bad Kissingen. "Mein Mann und ich fühlten uns in Neuburg sehr wohl" erzählte Matthies, "und wir haben uns auch dort schon in verschiedenen sozialen Bereichen ehrenamtlich engagiert". So zum Beispiel in der Gefängnisseelsorge, was für die junge Fachlehrerin für Kunst und Werken eine spannende Erfahrung gewesen sei - durch einen befreundeten Pfarrer hatte sie von dieser Möglichkeit erfahren.
"In Neuburg gab es damals keinen Treffpunkt für Jugendliche", erzählte Matthies, und vor 40 Jahren hätten sich Jugendliche nicht einfach in Gaststätten treffen und sich dort aufhalten können". So sollte ein Jugendzentrum entstehen und wegen dieses Vorhabens habe es große Probleme mit dem Neuburger Stadtrat gegeben. Als man sich mit Vertretern dieses Stadtrates zu einem gemeinsamen Gespräch verabredet hatte, sei ihre Gruppe auf dem Weg dorthin von der Polizei eingegrenzt und ins Präsidium gebracht worden. Zweieinhalb Stunden habe man sie dort wegen "unerlaubter Demonstration" festgehalten, erinnert sich Eva Matthies, und auch im Nachhinein - das Gespräch hatte inzwischen ohne sie stattgefunden - hätte es durch diesen Vorfall etliche Probleme für sie persönlich gegeben. Ihre Verbeamtung zum Beispiel habe erst zwei Jahre später "unter Vorbehalt" geklappt.
"Für mich war und ist dieser Vorgang noch heute unerklärlich und hat mich lange beschäftigt - und gehört zu meinen größten Enttäuschungen", beantwortete Eva Matthies die Frage von Barbara Thiele, ob es auch Enttäuschungen in ihrem Werdegang gegeben habe. Bei ihrer Kidro-Arbeit seien Enttäuschungen eher selten gewesen: Sehr enttäuscht war sie dann, wenn sie von Menschen belogen wurde, die vorher bei ihr Unterstützung gesucht und auch erhalten hätten. Aber das seien wirklich nur Einzelfälle gewesen.
"In Neuburg waren Sie von 1975 bis 1977 auch in der Asylantenbetreuung tätig", fragte Barbara Thiele, "wie kamen Sie dazu und wie war die Situation damals bei dem heute wieder so brisanten Thema?".
In einer Kleinstadt sei es zu dieser Zeit ein Unding gewesen, so Matthies, wenn "schwarze Männer" plötzlich im Stadtbild aufgetaucht seien. Niemand habe sich Gedanken um die Mentalität dieser Menschen gemacht, die als Wirtschaftsflüchtlinge aus Indien und Pakistan nach Deutschland gekommen seien. Der Lagerleiter des Asylantenheims sei mit der Aufgabe überfordert gewesen, konnte kein Englisch und auch die örtliche Presse habe abfällig von "denen im Lager" geschrieben - das Thema Asyl war vollkommenes Niemandsland. "So beschloss unser Freundeskreis, dass etwas passieren musste. Wir befragten die Asylanten, was sie am nötigsten brauchten, wir beschafften dringend benötigte Kleidung und organisierten Sprachkurse", erinnerte sich Matthies Sie werde nie vergessen, wie diese "Mannsbilder" sich vor ihr verbeugt hätten, als sie sich als Lehrerin vorstellte. "Besonders eindrucksvoll, wenn wir heute wissen, welch niedrige Stellung die Frauen in diesen Ländern einnehmen", betonte sie.
Als Günther Matthies 1979 eine Stelle in Bad Kissingen fand, zog die Familie in die Kurstadt. Eva Matthies arbeitete an der Hauptschule Münnerstadt als Fachlehrerin und wurde dort gleichzeitig zur Drogen-Kontaktlehrerin bestellt. "Dieser neu geschaffene Posten musste besetzt werden", so Matthies, aber man habe nicht so recht gewusst, was da passieren sollte - kein einziger Schüler habe sich in dieser Zeit an sie gewandt. Durch diese Funktion hatte sie in Bad Kissingen einem Arbeitskreis für Prävention angehört, aber sie erkannte schnell, dass dieser Kreis nichts Wirkliches bewegen könnte. Es brauchte einen Ansprechpartner, einen Verein, der ein verlässliches Gegenüber für alle Partner sein konnte.
"In unserem schönen Bad Kissingen fanden die Drogenprobleme vor der katholischen Kirche und am Berliner Platz statt - das passte nicht in die "heile Welt der Kurstadt", erinnerte sich Matthies, "wir erkannten schnell, dass wir einen Streetworker brauchten, der zu den Abhängigen geht und Kontakte aufbaute. Es seien zähe Verhandlungen mit Stadt und Landkreis und den paritätischen Wohlfahrtsverbänden geführt worden, denn für unsere Aufgaben brauchten wir Geld und wir hatten keines. 1995 wurde der Verein Kidro für niederschwellige Drogenhilfe ins Leben gerufen und Eva Matthies zur Vorsitzenden gewählt.
"Am Anfang bin ich ständig gefragt worden, warum ich mich mit solchen Leuten abgebe", erinnert sich Matthies, "meine Antwort lautete einfach ‚warum nicht?‘". Die Akzeptanz in der Bevölkerung Bad Kissingens sei damals nicht sehr groß gewesen. Jedes Jahr habe sie seitenweise Begründungen schreiben müssen, wozu die Förderung gebraucht werde und sie hätten oft im Bad Kissinger Stadtrat Rechenschaft über ihre Arbeit und Ausgaben abgelegt. "Inzwischen gibt es da kaum Probleme", so Matthies, "denn es ist ein Grundverständnis für unsere Arbeit entstanden und wir können alle Fragen beantworten, obwohl unsere Projekte immer umfangreicher wurden".
Einen Glücksgriff hätten sie mit Albert Köpplin gemacht, als sie für die Arbeit mit den Aussiedlern jemanden gesucht hätten, der zweisprachig war. Er habe alle Gruppen der jugendlichen Spätaussiedler abgeklappert und sie mit Sportangeboten gelockt. "Für die Aussiedler führten wir massenhaft Deutsch-und Computer-Kurse durch, und konnten dadurch Zahlen für unsere Arbeit vorweisen", so Matthies. Später sei durch Albert Köpplin ein weiteres Projekt entstanden - ein Arbeitsprojekt mit russisch sprechenden, Problem beladenen Personen. "Diese leisten täglich drei Stunden gemeinnützige Arbeit am Klaushof und anderen städtischen Einrichtungen und wir unterstützen diese Menschen bei ihren Problemen. Als die Förderung für dieses Projekt auslief, übernahm das Jobcenter die Finanzierung, so gut lief es", erzählte Matthies.
"Sie wollten von Anfang an etwas Großes schaffen und damit Positives bewirken", konstatierte Birgit Fischer, woher sei die Kraft dafür gekommen? "Ich hatte wohl noch nie ein Problem damit, mit Autoritäten zu verhandeln und mich durchzusetzen", antwortete Matthies - vielleicht resultiere dies aus der Erfahrung mit dem Vater, der durch seinen Beruf oft sehr respektvoll behandelt worden sei. "Als Kind konnte ich dies nie verstehen, denn es war doch ‚nur‘ mein Vater. Und jetzt bin froh, dass ich nach 18 Jahren Kidro mit Thomas Heinrich einen guten Nachfolger gefunden habe, der die Arbeit weiterführt".
Für sie bedeute es die größte Freude, sagte Eva Matthies, wenn ihr jemand begegne, der irgendwann wirklich Fuß gefasst hat - nach oft schwierigen Umständen, unter denen man sich einmal kennen gelernt hatte.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren