Bad Kissingen
Theaterring

Shakespeare, Storm und Ballett

Eine größere historische Spannweite als im Programm des 35. Theaterrings der Stadt Bad Kissingen, dessen Programmheft jetzt ausliegt, war wohl nie als in seiner neuesten Auflage.
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Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war: Anna Schäfer spielt Ehefrau und Mutter der Terroropfer und ist in Fatih Akins Politthriller am Ende erfolgreich. Foto: Bernd Brundert
Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war: Anna Schäfer spielt Ehefrau und Mutter der Terroropfer und ist in Fatih Akins Politthriller am Ende erfolgreich. Foto: Bernd Brundert

Theater ist ein lebendiges Guckloch in das Leben von Menschen früherer Zeiten und gleichermaßen ein Ort für die Auseinandersetzung mit unserer eigenen Zeit und ihren Problemen. Eine größere historische Spannweite als im Programm des 35. Theaterrings der Stadt Bad Kissingen, dessen Programmheft jetzt ausliegt, war wohl nie als in seiner neuesten Auflage. Von den nicht nur für die Geschichte Griechenlands, sondern ganz Europas so wesentlichen Perserkriegen um 500 vor Christus bis zum rechten Terror 2017 in Deutschland reicht das Spektrum der für die Spielzeit 2019/20 geplanten Stücke.

Das mutmaßlich älteste erhaltene europäische Theaterstück, Aischylos' "Die Perser", wurde 472 vor Christus uraufgeführt und handelt vom Sieg der Athener über die Perser in der Seeschlacht von Salamis. Das Theater Hof spielt es in der neuen Übersetzung des Büchner-Preisträgers Durs Grünbein und beabsichtigt zu zeigen, "wie gültig Aischylos eine (...) Analyse von Angst vor und Anziehung durch das Fremde beschrieben hat".

Ganz auf unseren Nägeln brennt uns die Bühnenversion von Fatih Akins 2018 für den Oscar vorgeschlagenem Kinofilm "Aus dem Nichts", einem Rachethriller, in dem eine Frau den Terrortod ihres Mannes und ihres Sohnes im rechten Terrorsumpf aufzuklären versucht. EURO-Studio Landgraf bringt ihn in prominenter Besetzung ins Kurtheater.

Auch "Maß für Maß" von William Shakespeare ist eine politische Komödie. Ein amtsmüder Herzog übergibt die Macht an einen ausgewiesenen Gutmenschen, der dieses Vertrauen missbraucht. Die Shakespeare Company Berlin hat sich gemeinsam mit dem Theater Basel dieses Klassikers über einen schwachen und einen allzu rigorosen Herrscher angenommen.

"Die Physiker"

Das Tournee-Theater Thespiskarren aus Hannover wird mit einem berühmten Stück gastieren, dessen Aktualität leider anhält: Die Bedrohung durch Atomwaffen ist aufgrund der Iran-USA-Krise auch in unseren Tagen wieder aktuell. Friedrich Dürrenmatt zeigt in seiner tiefschwarzen Nachkriegskomödie "Die Physiker", die eigentlich ein Thriller ist, wie sich die Hoffnung der Naturwissenschaftler auf ein Ausschöpfen der unermesslichen Energien im Atom durch den Abwurf der beiden Bomben auf Hiroshima und Nagasaki 1945 in Angst vor der totalen Zerstörung unserer Zivilisation verwandelten. Peter Bause als Möbius und seine Frau Hellena Büttner als Frau von Zahnd kommen mit dem Stück endlich einmal wieder zum Theaterring.

Auch in Theodor Storms Novelle "Der Schimmelreiter" geht es um die Versuche des Menschen, die Naturgewalten zu bändigen. Sein Protagonist Hauke Haien kämpft im Gefolge der Aufklärung und im Vertrauen auf die Möglichkeiten des Verstandes um eine Verbesserung der Schutzdeiche gegen die Nordseefluten. Christian Schidlowsky, der schon in "Jugend ohne Gott" und "Jagdszenen aus Niederbayern" gezeigt hat, dass er die gefährliche Dumpfheit geschlossener Gemeinschaften sichtbar machen und hochdramatisch gestalten kann, hat den Klassiker des 19. Jahrhunderts für das Theater Maßbach inszeniert.

Ein Großstadtkrimi

In die Riesenstadt Berlin mit ihrer schon Anfang des 20. Jahrhunderts vielschichtigen Bevölkerung führt das Schauspielensemble Hof mit Gerhart Hauptmanns gesellschaftskritischer Komödie "Die Ratten". In diesem "Großstadtkrimi" trifft in einer riesigen Mietskaserne nahe dem Alexanderplatz ein Konglomerat der Berliner Gesellschaft aufeinander (Münchner Residenztheater).

Eine andere, sehr ernste Extremsituation bringt das Euro-Studio Landgraf mit Eric-Emmanuel Schmitts "Oscar und die Dame in Rosa" mit Doris Kunstmann in der Rolle der "Dame in Rosa" nach Bad Kissingen.

Erstmals kommt das Altonaer Theater aus Hamburg zum Theaterring und führt uns auch ganz hoch in Deutschlands Norden. In Schleswig ist der berühmte Schauspieler Joachim Meyerhoff aufgewachsen - und zwar an einem für normale Bürger sehr unnormalen Ort: Sein Vater war Direktor der Nervenheilanstalt, und die Familie wohnte auf dem Gelände. 2017 hatte das Altonaer Theater einen Riesenerfolg mit "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war", über seine "Kindheit in der Anstalt".

Noch weit über Schleswig-Holstein hinaus in den Norden, in die Lammermuir Hills südlich von Edinburgh geht es mit einer hochdramatischen Belcanto-Oper von Gaetano Donizetti. Das Hofer Opernensemble kommt mit "Belcanto vom Feinsten", "hochklassigen SängerInnen" und natürlich den Hofer Symphonikern zum Theaterring.

Dracula getanzt

Nach vielen Jahren gastiert auch die Ballettkompagnie des Theaters Hof mal wieder im Kurtheater: Die berühmte Choreographin Daniela Meneses, die schon beim Royal Ballet of London tanzte und an der Deutschen Oper Berlin unterrichtete, hat sich eines großen Einsamen der Literatur, des Grafen Dracula aus Bram Stokers 1897 erschienenem gleichnamigen Roman angenommen und aus der tragischen (und gruseligen) Liebesgeschichte ein eindrucksvolles Ballett entwickelt. Die Produktion verbindet die Eleganz des neo-klassischen und zeitgenössischen Balletts mit Musik schon klassisch gewordener Rock-Musik.

Man sieht, auch der neue Theaterring hat wieder das Ziel, in Stücken aus verschiedenen Zeiten mit unterschiedlichen Themen und Problemstellungen eine Geschichte des Menschen in seinen Bindungen, Konflikten, Verstrickungen zu zeigen, einen Einblick in die conditio humana zu ermöglichen.

Aufführungen:

Mittwoch, 2. Oktober: William Shakespeare, "Maß für Maß", Shakespeare Company Berlin in Zusammenarbeit mit dem Vorstadttheater Basel;

Montag, 11. November: Fatih Akin, "Aus dem Nichts", Euro-Studio Landgraf, Titisee;

Donnerstag, 28. November: Aischylos, "Die Perser", Schauspielensemble Theater Hof;

Samstag, 11. Januar 2020: Friedrich Dürrenmatt, "Die Physiker", Tournee-Theater Thespiskarren Hannover;

Donnerstag, 6. Februar 2020: "Dracula", Ein Rockballett von Daniela Meneses nach dem Roman von Bram Stoker, Ballettkompagnie des Theaters Hof;

Montag, 2. März 2020: Joachim Meyerhoff/ Christof Küster, "Wann wird es endlich wieder so, wie es war", Altonaer Theater, Hamburg;

Sonntag, 15. März 2020: Theodor Storm/ Christian Schidlowsky, "Der Schimmelreiter", Theater Schloss Maßbach;

Dienstag, 31. März 2020: Eric-Emmanuel Schmitt, "Oscar und die Dame in Rosa", Euro-Studio Landgraf, Titisee;

Montag, 25. Mai 2020: Gerhart Hauptmann, "Die Ratten", Schauspielensemble Theater Hof;

Mittwoch, 10. Juni 2020: Gaetano Donizetti, "Lucia di Lammermoor", Opernensemble des Theaters Hof und Hofer Symphoniker.

Karten: Die Verkaufszeiten für den Theaterring sind in diesem Jahr flexibler geworden. Der Vorverkauf für die Abos hat schon am 27. Mai begonnen und endet erst am 2. Oktober; am 1. August 2019 beginnt der Freiverkauf. Neu ist in diesem Jahr auch die Möglichkeit für Abonnenten, beim Anwerben eines Neuabonnementen 10 Prozent Ermäßigung für das eigene Abo und 20 Prozent Nachlass für den Neuabonnenten zu bekommen, wenn dieser sich zu einer Mitgliedschaft von mindestens 2 Jahren verpflichtet.

Abonnements können persönlich in der Tourist-Information Arkadenbau von Montag bis Sonntag von 9 bis 18 Uhr, Tel.: 0971/804 84 44 Montag bis Freitag von 8.30 bis 20, Samstag und Sonntag von 10 bis 14 Uhr bestellt werden; zu diesen Zeiten können auch Einzelkarten im Vorverkauf erworben werden. An den Vorstellungstagen ist die Abendkasse im Theater ab 18.30 Uhr geöffnet. Die Vorstellungen beginnen jeweils um 19.30 Uhr.

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