Bad Kissingen
Schöffengericht

Sexuelle Übergriffe bei einer Zufallsbegegnung

Begegnung zweier junger Menschen im Luitpoldpark: Offenbar hatten sprachliche Missverständnisse dazu geführt, dass der Mann glaubte, sie wolle etwas von ihm, was aber wohl nicht der Fall war. Jetzt war er wegen sexueller Nötigung angeklagt.
Artikel drucken Artikel einbetten
Eine einmalige Entgleisung hat für den 27-jährigen Caven (Name geändert) einen hohen Preis. Das Schöffengericht verurteilte ihn wegen sexueller Nötigung in Tateinheit mit einer exhibitionistischen Handlung zu einem Jahr und drei Monaten Freiheitsstrafe. Er muss zwar nicht ins Gefängnis, steht aber drei Jahren unter Bewährung und muss er eine Geldauflage von 800 Euro ans Schweinfurter Frauenhaus bzw. die Beratungsstelle "Frauen helfen Frauen" berappen. "Viel Geld für jemanden, der in einer Fastfoodkette für einen kärglichen Lohn arbeitet", sagte der Vorsitzende Richter später bei der Urteilsverkündung.

Caven war voll geständig und voller Scham über den Vorfall. Vor Gericht erklärte er, dass sexuelle Übergriffe auch in seinem Land strafbar sind. Er schämte sich auszusprechen, was im Luitpoldpark passiert war, so unangenehm war es ihm, zumal zwei Schöffinnen neben dem Vorsitzenden Matthias Göbhardt saßen. Er wollte sich sofort für das Geschehene entschuldigen, auch wenn er noch nicht zu begreifen schien, wie es eigentlich dazu hatte kommen können, dass er vor Gericht stand: Ein unbescholtener, christlich-orthodox erzogener Äthiopier, mit Abitur und Manieren und aus gutem Hause, der heute mit Freundin in Köln lebt und hart arbeitet.

Flucht aus politischen Gründen

Vor eineinhalb Jahren wohnte er noch als Asylbewerber in einer Unterkunft in Münnerstadt. Er war 2009 aus Adis Abeba nach Deutschland gekommen, hatte um politisches Asyl gebeten und erhalten. Der angehende Kameramann, der in Äthiopien mehrfach inhaftiert war, hat als politischer Flüchtling Aufenthaltserlaubnis. Und er wollte arbeiten. Nach einem Termin bei der Arbeitsagentur in Bad Kissingen hatte er an jenem warmen Septembertag einen Spaziergang im Luitpoldpark machen wollen. Und hier begegnete ihm zufällig die junge Frau, deretwegen er jetzt vorbestraft ist.

Verhängnisvolle Vorgeschichte

Er konnte nicht ahnen, dass sie Patientin einer psychosomatischen Klinik war. Dass sie eigene Probleme und einen Selbstmordversuch hinter sich hatte; sich jetzt aufs Abitur vorbereitete. Er erlebte nur, dass sie mit ihm ins Gespräch kam. Vielleicht, wie der Vorsitzende Richter sagte, aus dem Gefühl heraus, einem Schwarzen gegenüber freundlich sein zu sollen, da dies sonst nicht oft geschieht. "Für Caven war das sicherlich ein Aha-Erlebnis, zumal er sehr lange keinen Kontakt mit einem so hübschen Mädchen hatte", so Göbhardt. Es war schnell Offenheit zwischen den Beiden entstanden. Sie sprachen sogar über ihren Selbstmordversuch. Caven hatte die Schnittstellen auf ihrem Unterarm entdeckt. Die junge Frau muss wohl geglaubt haben, wenn sie ihn akzeptiert wie er ist, akzeptiert er sie auch. Göbhardt gestand Caven dennoch zu, dass er sich - altersgemäß - herausgefordert gefühlt haben mochte zu probieren, ob nicht mehr geht als ein Gespräch und wie weit er gehen kann.
Dass er sich dazu mit der jungen Frau auf die Wiese gesetzt hatte, sie umarmte, auch mit dem Bein, sie am Hals küsste, war der Anfang. Und weil es sehr warm war, zog er seine Jeans aus, saß nun in Boxershorts neben ihr. Aber sie wies ihn zurück, zumal das Gespräch anzüglich wurde. Waren es Missverständnisse durch deutsch-englisches Kauderwelsch? Jedenfalls versuchte er es noch einmal und noch einmal. "Ich hätte jederzeit gehen können", sagte sie später bei der Polizei. Aber sie blieb. Und dann hielt er sie mit einer Hand fest, während er mit der anderen onanierte. Das ging ihr zu weit, sie riss sich los und rannte weg. 19 Minuten lang schilderte sie der Polizei am Telefon, was ihr zugestoßen war.

Dann kam das Übliche. Caven widersetzte sich der vorläufigen Festnahme nicht. Aber er war völlig verdutzt, wieso die Frau, die ihm so offen begegnet war, die plötzliche Kehrtwende vollzogen hatte. Erst vor Gericht erfuhr er, dass sie danach erneut versucht hatte, Selbstmord zu begehen. Er war sichtlich betroffen. Cavens Geständnis bedeutete, dass die labile junge Frau nicht erneut auszusagen musste. Und es milderte sein Strafmaß. Noch immer verstört, entschuldigte er sich erneut. Das Urteil ist bereits rechtskräftig.
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren