In der Stadt herrscht Angst. Es sind Schüsse gefallen und es gab Tote. Dann sind sie da: Zwei Panzer stehen hintereinander in der Ludwigstraße. Die weißen Sterne auf dem olivgrünen Stahl weisen sie als Fahrzeuge des damaligen amerikanischen Feindes aus. Die Kanonen zeigen bedrohlich in Richtung Marktplatz. Niemand weiß, werden sie schießen oder kommen die Bewohner der Ludwigstraße noch einmal davon.
In diesen bangen Minuten drückt ein beherzter Fotograf, Otto Trapp, in einem Fenster am Marktplatz auf den Auslöser und hält die Szenerie des 5. April 1945 mit seiner Kamera für die Nachwelt fest.
66 Jahre später, am letzten Apriltag 2011, war der Bad Brückenauer Marktplatz wieder fest in amerikanischer Hand. Sogar die Hauptakteure waren die gleichen wie damals, allerdings etwas älter und anstelle des Gewehrs hatten sie einen Bierkrug mit König Ludwig-Motiv in der Hand. Die entspannte und freundschaftliche Atmosphäre zeigte vor knapp einem Jahr, dass seit 1945 eine Menge passiert ist, was das Verhältnis der Bad Brückenauer und der amerikanischen Soldaten mit dem weiß-blauen Abzeichen auf dem Oberarm betrifft.

"Fels an der Marne"


Tatsächlich kreuzten sich die Wege der amerikanischen "Marne-Men" der 3. US-Infanteriedivision und der Bewohner der Rhön seit jenen dramatischen Tagen im April 1945 immer wieder. Den Beinamen "Fels an der Marne" (Rock of the Marne) bekam die Division im Ersten Weltkrieg von ihren damaligen deutschen Gegnern in Frankreich, da sie trotz stärkster Angriffe nicht aus ihren Stellungen am Fluß Marne wichen.
1945 waren Angehörige der Division an der Eroberung Brückenaus beteiligt und 1946 war ein Bataillon der Division als Teil der Besatzungsmacht in Wildflecken stationiert. Von der "Muna" aus, dem heutigen Oberwildflecken, wurden sie zum Großteil als Wachpersonal des damaligen Polenlagers in Wildflecken herangezogen. Als Wildflecken 1951 amerikanische Garnison wurde, zog als erste Einheit ein US-Panzergrenadierbataillon ins ehemalige Truppenlager ein. Einige Jahre später wurde die Einheit umbenannt und wieder der 3. US-Infanteriedivision unterstellt.
Dies brachte auch einen jungen Leutnant aus den USA in die Rhön. Der heutige Leutenant Colonel (Oberstleutnant) Tim Stoy wurde 1982 in das damalige 2. Bataillon des 15. Infanterieregimentes nach Wildflecken versetzt. Es war zwar sein erster militärischer Dienstposten in Deutschland, doch war dieses Land nichts Neues für ihn. "Mein Vater war auch amerikanischer Offizier und verbrachte in meiner Kindheit einige Jahre in Vietnam. Wenn er in den Einsatz ging, lebten meine Mutter und ich immer bei meinen Großeltern in Berlin", erzählt der Offizier heute in akzentfreiem Deutsch mit leichtem Berliner Einschlag. In Wildflecken blieb er jedoch nur ein Jahr, da seine Einheit 1983 aufgelöst und das Personal auf andere Einheiten der Division verteilt wurde.
Viele Jahre blieb er Unterfranken treu, war in Würzburg und Aschaffenburg stationiert und lehrte später sogar als Gastdozent an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg.
Dort lernte er den damaligen Bürgermeister der Stadt Bad Brückenau und Oberst der Reserve Hans Rohrmüller kennen. Wieder schloss sich der Kreis. Heute ist Tim Stoy als Historiker für den Traditionsverband "Society of the 3d Infantry Division" in den USA tätig. Seine Ehefrau Monika, die als Captain (Hauptmann) in den US-Special Forces diente, ist Leiterin des europäischen Zweiges (European Outpost) des Verbandes.
Gemeinsam riefen sie vor zwei Jahren ein Erinnerungsprojekt ins Leben, in dem an Orten, mit denen die Geschichte der Division eng verknüpft ist, Erinnerungstafeln aufgestellt wurden. Auch Wildflecken stand auf der Liste, zustande kam allerdings nichts. Als der Besuch der Veteranen schon kurz vor dem Scheitern stand, erfuhr die Bad Brückenauer Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks durch Rohrmüller davon. Kurz entschlossen lud sie die Delegation nach Bad Brückenau zu einem Empfang ins Rathaus sowie als Gäste zum Aufstellen des Maibaumes ein.

Viele Gemeinsamkeiten


Der Eindruck, amerikanische Gäste seien in der Rhön nicht willkommen, bedeutete für Meyerdierks ein Desaster, das sich eine Region, die zunehmend auf internationalen Tourismus setzt, nicht leisten könne. Doch aus dem Höflichkeitsbesuch wurde mehr. Gäste und Gastgeber verstanden sich sehr gut, seit 1945 hatten sich viele Gemeinsamkeiten entwickelt. Bereits zum Stadtfest waren einige Amerikaner wieder hier und bereicherten das Treiben in der Stadt mit bunten Uniformen.
Und nun gehen beide Partner einen Schritt weiter: Zum Jahrestag des ersten Besuches wird am Vorabend des 1. Mai ein deutsch-amerikanisches Fest gefeiert und am 1. Mai in einer feierlichen Zeremonie am Alten Rathaus eine Erinnerungstafel enthüllt, die an die Stationierung der Amerikaner in der Rhön während des Kalten Krieges erinnert, als auch in Bad Brückenau viele amerikanische Familien wohnten und ein ganz normaler Teil des Gemeinwesens waren. Einer der höchstrangigsten Gäste wird ein 94-jähriger General sein, der damals schon bei der Befreiung Brückenaus dabei war. "So viel ich weiß, ist es seither sein erster Besuch in Bad Brückenau", glaubt Rohrmüller.