Bergrheinfeld
Energiewende

Sein zweites Wackersdorf?

Vor 30 Jahren demonstrierte Ulrich Werner gegen die Atom-Wiederaufarbeitungsanlage in der Oberpfalz. Heute legt sich der 55-Jährige beim Bau neuer Stromleitungen quer.
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Ein Mast kommt selten allein: Ulrich Werner steht in einem Wald von Strommasten, die Bergrheinfeld umzingeln.Günter Flegel
Ein Mast kommt selten allein: Ulrich Werner steht in einem Wald von Strommasten, die Bergrheinfeld umzingeln.Günter Flegel
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Ein Wort macht die Runde: Wackersdorf. Das, was vor 30 Jahren in der Oberpfalz gelungen ist, wollen heute auch die Unterfranken schaffen: sich gegen die Staatsmacht stellen, Südlink, die "Monster"-Stromtrasse aus dem Norden in den Süden, auf der Zielgeraden stoppen.

900 Kilometer lang ist die Schneise, die die Stromnetzbetreiber Tennet (Sitz in Bayreuth) und TransnetBW (Stuttgart) durchs Land ziehen wollen. Wie an einer Perlenkette reihen sich an ihr Bürgerinitiativen aneinander. Mehr als 40 Gruppen, die Südlink stoppen wollen, zählt Guntram Ziepel aus Fulda, der Sprecher des Bundesverbandes gegen Südlink. "Es werden noch mehr."

Leben unter Masten

Zum Beispiel in Bergrheinfeld. Dort, etwa auf halbem Weg zwischen Wilster bei Hamburg, wo Südlink startet, und Großgartach bei Stuttgart, dem Endpunkt, legen sich die Bürger quer. Einer von ihnen ist Norbert Kolb. Der Landwirt hat sich an vieles gewöhnt: auch an den Anblick des Atomkraftwerkes Grafenrheinfeld im Nachbarort, stillgelegt, aber immer noch irgendwie bedrohlich. Und an die (gezählt) 170 Strommasten, die rund um Bergrheinfeld wachsen. "Ich habe da Felder und fahre oft unter den Leitungen durch. Das kann doch nicht gesund sein", sagt er.

Kolb hat sich eben zum Vorsitzenden des Vereins "Bergrheinfeld sagt Nein" wählen lassen. 28 Gründungsmitglieder zählt die Bürgerinitiative, aber Kolb ist sicher, dass es bald viel mehr sein werden. Denn: "Die Verwirklichung von Südlink tritt in die heiße Phase. Wenn man etwas tun will, dann jetzt."

Lässt sich die Stromtrasse noch stoppen oder wenigstens verschieben? An Letzteres denkt Ulrich Werner nicht. "Wir handeln nicht nach dem Floriansprinzip. Die Trasse soll nicht irgendwo anders, sie soll gar nicht gebaut werden", sagt der 55-Jährige, der seit zwei Jahren Bürgermeister der 5000-Seelen-Gemeinde vor den Toren Schweinfurts ist. Werner ist CSU-Mitglied. Im Widerstand gegen die Trasse ist er Teil einer ganz großen Koalition in der Region, auch Grüne und Linke sehen das gigantische Bauprojekt kritisch.

Nicht gegen, sondern anders

Ist der Bürgermeister einer Gemeinde im Schatten eines Atomkraftwerkes also gegen die Energiewende hin zu "erneuerbarem" Strom? "Ganz im Gegenteil", sagt Werner. Vor 30 Jahren, mit Anfang 20, habe er in Wackersdorf gegen den "WAAhnsinn" demonstriert, gegen die geplante Aufarbeitungsanlage für Atommüll.

"Das kam aus meinem christlichen Selbstverständnis, es ging mir um die Bewahrung der Schöpfung und um ein Nein gegen eine Technologie, die der Mensch niemals ganz beherrschen kann", sagt Werner. Damals, als Wackersdorf wackelte und schließlich 1989 fiel, drei Jahre nach Tschernobyl, sei das der Anfang vom Ende der Kernkraft in Deutschland gewesen.

Kritik an der Salamitaktik

Aber: Bergrheinfeld muss heute beides schultern: Die Abwicklung der Kernkraft und die Energiewende. "Das ist zu viel", sagt Werner. Der Rückbau des Kernkraftwerks wird Jahrzehnte dauern. Mindestens ebenso lange werden dort radioaktive Abfälle lagern.

Südlink soll in Bergrheinfeld enden, um das für das Kernkraftwerk geknüpfte Stromnetz zu nutzen. Dazu braucht es neue Umspannwerke und wahrscheinlich noch mehr Leitungen. "Wir erfahren das alles scheibchenweise. Wir wehren uns gegen die Art und Weise, wie uns die Energiewende aufs Auge gedrückt wird", sagt Werner.

Die "Windstromleitung"

Die "Hauptschlagader der Energiewende" und "Windstromleitung": Das sind zwei der Attribute, die Politik und Netzbetreiber der Strom-"Autobahn" Südlink geben. Sie soll Strom aus dem Norden in den Süden der Republik leiten - weil er dort nach Abschaltung der Kernkraftwerke fehlt, im Norden aber dank der Windparks (meist) reichlich fließt.

Zunächst als Freileitung geplant, soll Südlink als Erdkabel realisiert werden - ebenso das Gegenstück Südostlink, das Ost-Oberfranken berührt. Durch die neuen Leitungen wird Gleichstrom fließen, was die Verluste minimiert. Allerdings muss der Gleichstrom wieder in den gängigen Wechselstrom verwandelt werden. Dafür braucht es riesige Konverteranlagen und Umspannwerke. Das Projekt kostet zehn Milliarden Euro.

Der WAAhnsinn

Projekt Obwohl es in den 1980er Jahren bereits massive Proteste gegen die Nutzung der Kernenergie in Deutschland gab, wurde der Bau einer Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Brennelemente politisch forciert. Der damalige bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß (CSU) bot einen Standort in der Oberpfalz an. Argumente In der strukturschwachen Region rechnete Strauß nicht mit nennenswertem Widerstand. Er hoffte, die Bürger mit dem Arbeitsplatz-Argument für das Projekt WAA Wackersdorf zu gewinnen. 1985 begannen die Bauarbeiten, kalkuliert wurde mit Kosten von 4,5 Milliarden D-Mark. Protest Anfangs versammelten sich nur wenige hundert Demonstranten am Bauzaun, schließlich kam es zu Großkundgebungen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen mit massivem Polizeieinsatz. Es gab Verletzte, sogar Tote. Ende Die Proteste und die aus dem Ruder laufenden Kosten (zuletzt zehn Milliarden D-Mark) veranlassten Politik und Betreiber, Wackersdorf zu begraben. An Stelle der WAA entstand ein Industriepark. Deutsche Unternehmen beteiligten sich am Bau einer ähnlichen Anlage in La Hague (Frankreich). Brennelemente aus Kraftwerken wurden außerdem im britischen Sellafield behandelt.

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