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Bad Kissingen
Bildung

Schulprojekt im Landkreis Kissingen: Aus der Klasse auf den Hof

Der Alltag von Landwirten ist weit weg vom Verbraucher. Zu weit, meint das Landwirtschaftsamt. Ein Bildungsprojekt soll das jetzt ändern.
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Daniel Kiesel hat einen ganzen Stall voller Mädels. Besonders stolz ist der Landwirt aber auf Töchterchen Lena und seine Liebste, Steffi. Die Familie macht bei dem neuen Projekt "Fridays on Farms" mit. Carmen  Schmitt
Daniel Kiesel hat einen ganzen Stall voller Mädels. Besonders stolz ist der Landwirt aber auf Töchterchen Lena und seine Liebste, Steffi. Die Familie macht bei dem neuen Projekt "Fridays on Farms" mit. Carmen Schmitt
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Für Lena ist es das Normalste der Welt, mit ihrer kleinen gelben Schaufel zwischen den Kühen und dem Heu herumzuflitzen. Die Zweijährige ist den allermeisten Kindern etwas voraus: Sie erlebt, wie es auf einem modernen landwirtschaftlichen Hof zugeht. Welche Arbeit erledigt wird, bis die Milch den Stall verlässt - bis sie von dem großen Lkw abgeholt wird, um in der Molkerei weiterverarbeitet zu werden, damit sie schließlich als Joghurt, Käse und Co. die Regale im Supermarkt füllt, aus denen sich die meisten ganz selbstverständlich bedienen. Geht es nach dem Landwirtschaftsamt, soll sich das bald ändern. Klappen soll das mit dem Projekt "Fridays on Farms".

Lenas Abenteuerspielplatz ist der Arbeitsplatz ihres Papas. Daniel Kiesel hält hier am Ortsrand von Reiterswiesen 70 Milchkühe. Früher wäre er wohl einer von vielen gewesen, meint Peter Will vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Bad Neustadt. "Heute ist ein Landwirt ein Exot im Dorf." Und genau da fängt das Dilemma an.

"Ich finde es wichtig, dass sich die Jugend Gedanken über die Zukunft macht", sagt Theresia Dietz vom AELF. Sie will mit ihrer Idee vom Bildungsprojekt "Fridays on Farms" nicht nur namentlich, sondern auch inhaltlich an die Freitagsdemos "Fridays For Future" anknüpfen. Themen: Wasserqualität, Bodenqualität, Biodiversität. Sie will Schüler sowie Lehrer aus dem Klassenzimmer auf die Höfe holen. Starten soll das Projekt im Herbst, wenn das neue Schuljahr angelaufen ist - wie der Titel sagt: freitags. Drei Betriebe im Landkreis Bad Kissingen und zwei im Kreis Rhön-Grabfeld werden ihre Tore für einen Blick hinter die Kulissen öffnen. Daniel Kiesel aus Reiterswiesen ist einer von ihnen. Er stellt sich auf viele Fragen ein: Wo kommt das Futter her? Was passiert als Nächstes mit der Milch? Die Gesellschaft habe den Bezug zur modernen Landwirtschaft, wie sie heutzutage betrieben wird, verloren, sind sich die Verantwortlichen einig. Viele haben eine "einseitige Sichtweise", meint Peter Will vom AELF. "Und das kann man ihnen nicht mal vorwerfen."

"Wir haben es nicht verstanden, die Bevölkerung mitzunehmen", meint Nobert Götz. Der Landwirt aus Bad Bocklet ist Vorsitzender des Verbands für landwirtschaftliche Fachbildung in Bayern - der unterstützt das Projekt mit einem Buch - außerdem unterrichtet er angehende Landwirte. Das soll das Projekt nämlich auch sein: eine "Fortbildung" für Lehrer.

Norbert Götz kann die fehlende Akzeptanz der industriellen Landwirtschaft und Massentierhaltung sogar nachvollziehen: "Die Ängste kommen auch, weil keiner mehr weiß, wie es funktioniert." Wie auch, meint Peter Will: "Lebensmittel sind so günstig heutzutage - keiner käme auf die Idee, sich ein Schwein daheim zu halten. Geiz ist geil." Dazu kommt: "Das Leben als Landwirt wird romantisiert", sagt Theresia Dietz. Warum ist die Landwirtschaft heute so, wie sie ist? Das Amt will mit dem Projekt "Fridays on Farms" die Realität und den Alltag der Landwirte in die junge Generation tragen. Mit allem, was dazugehört, meint Daniel Kiesel. "Wenn die Leute ,Bio' wollen, dann müssen sie den Güllegeruch auch mal aushalten."

Basis für Diskussion

Peter Will ist wichtig: "Wir wollen nicht belehren, sondern aufklären." Damit Jugendliche mit ihren Lehrern - und Eltern - diskutieren können, "sachlich und differenziert". Theresia Dietz ist sich sicher, mit der Aktion den Zeitgeist zu treffen. "Fridays on Farms" soll auch dafür sorgen, dass junge Leute mehr Ahnung von dem haben, worüber sie sich in den Protesten aufregen. Am besten: "mit allen Sinnen erfassen", meint Theresia Dietz vom Landwirtschaftsamt.

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