Traumdeuter

Quartett mit Gespür für Träume

Das Kammerorchester hatte für sein Sommerkonzert nicht nur ein interessantes Programm , sondern auch die Unterstützung von vier Musentreibern.
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Die Musentreiber von Apollon Musagète Pawel Zalejski (von links), Bartosz Zachlod , Piotr Skweres  und Piotr Szumiel. Gerhild Ahnert
Die Musentreiber von Apollon Musagète Pawel Zalejski (von links), Bartosz Zachlod , Piotr Skweres und Piotr Szumiel. Gerhild Ahnert
"Traumdeuter". So hatte Chefdrigent Johannes Moesus das Sommerkonzert des Bayerischen Kammerorchesters Bad Brückenau überschrieben. Und das passte sehr gut in die sommerliche Atmosphäre des Staatsbades, auch wenn es über Tag etwas kühler geworden war - zumindest außerhalb des König-Ludwig-I.-Saales.

Es passte auch zum Programm, obwohl es keine leichte Divertimento-Kost bot, sondern viele wirklich interessante Aspekte - so interessant, dass sich auch der Bayerische Rundfunk zur Aufnahme ins Staatsbad locken ließ. Denn "Introduktion und Allegro" op. 47 von Edward Elgar und die "Harmonies du soir" op. 31 von Eugène Ysaÿe dürfte auch der BR bestenfalls in älteren Aufnahmen in seinem Archiv haben - besonders in der seltenen Besetzung mit Streichquartett und Streichorchester.


Karriere in Europa und USA

Bei der Verpflichtung eines Streichquartetts haben die Brückenauer erfreulich hoch gegriffen: Apollon Musagète. Der Name ist fast selbsterklärend: der Gott Apollo als Schirmherr der Kunst, und "Musagète" würde man in der heutigen computerisierten Welt mit "Musentreiber" übersetzen. Pawel Zalejski (1. Violine), Bartosz Zachlod (2. Violine), Piotr Szumiel (Viola) und Piotr Skweres (Violoncello) haben nach ihrem triumphalen Gewinn des Münchner ARD-Wettbewerbs 2008 einen Karriere-Blitzstart durch ganz Europa und die USA hingelegt. Und man hörte auch jetzt im Staatsbad den Grund: Das ist ein Quartett von außerordentlicher klanglicher und spieltechnischer Homogenität und konzeptioneller Bewusstheit. Außerdem hält es auch mit seinem Vergnügen an der Musik nicht hinterm Berg.


Ysaÿe gewinnt nach Punkten

Natürlich war der Vergleich der beiden Kompositionen interessant, wobei man am Ende, wenn man wollte, Eugène Ysaÿe als Sieger nach Punkten sehen konnte. Mehr oder weniger einsätzig sind beide Werke, beide sind von spätromantischer Klangüppigkeit, beide haben eine Fuge, und beide arbeiten mit plastischen, gut erkennbaren Themen - nicht nur, weil Johannes Moesus sie zu Beginn vorstellen ließ. Aber bei Elgar hatte man doch den Eindruck, dass er etwas vorsichtig, etwas defensiv, etwas verkopft an die Arbeit für die ungewohnte Besetzung heranging.

Er schuf eine gewisse Fülle, indem er das Orchester immer wieder in Einzelstimmen aufspaltete und zu prunkvollen Auftritten führte. Aber es fiel auch auf, dass das Quartett sehr oft colla parte mit dem Orchester spielte, was an diesen Stellen nicht nötig gewesen wäre, da der Notentext der gleiche war. Es imponierte allerdings, wie gut das Zusammenwirken zwischen Quartett und Orchester im Eintauchen und Hervorkommen aus dem Tutti ausbalanciert war, sodass man immer wieder schauen musste, wo die Klänge eigentlich herkamen.

Bei Eugène Ysaÿe merkte man, dass er nicht nur Komponist, sondern auch Geiger war: Er wusste genau, wie man Streichinstrumente einsetzen und herausheben kann, was man von ihnen verlangen kann. Und so war das Quartett erheblich emanzipierter und spiegelte stärker den Aspekt des Konzertierens. Dadurch war es leichter, differenzierte Stimmungen zu entwickeln, die ja schon der Titel des Werkes hervorruft. So wurde in dem Engagierten Spiel von Quartett und Orchester erfahrbar, dass "Abendstimmung" natürlich die Romantik eines Sonnenuntergangs meinen kann, aber auch das Auftauchen quälender Geister, was angesichts der gesundheitlichen Belastung von Eugène Ysaÿe absolut plausibel war. Einen grotesk-sinnlichen Tango des Argentiniers Osvaldo Fresedo spielten die "Musentreiber" als Zugabe.

Dazwischen gab es jungen Mozart: sein Streichquartett Es-dur Nr. 7 KV 160 in chorischer Fassung für Streichorchester: ganz frisch und pulsierend musiziert im ersten Satz, mit schön ausformulierten Seufzerstrecken im Adagio und einem Presto-Finale, das Johannes Moesus dankenswerterweise am unteren Rand der Tempobezeichnung angesiedelt hatte. Seine Musiker hätten keine Probleme bekommen, aber die Akustik.


Heiteres vom Eisenbahnfreund

Blieb noch die Serenade für Streichorchester Es-dur op. 6 von Josef Suk, einem Kompositionsschüler (und späteren Schwiegersohn) von Antonin Dvorák, der ihm befohlen hatte, ausnahmsweise mal ein heiteres Werk zu schreiben. Das hat er getan, und es ist eine für Streichorchester dankbare Musik herausgekommen: mit wunderschön aufblühenden Themen, mit viel virtuosem Schwung, mit tänzerischen Momenten, die immer wieder überraschend durchbrochen werden. Und die Brückenauer machten deutlich, dass Josef Suk unüberhörbar ein Zögling und Ideensammler des Eisenbahnfreundes Dvorák war, dem er im vierten Satz mit seiner köstlichen Lokomotivenmetaphorik und -motorik ein kleines Billett schickte. Wenn man bedenkt, dass Josef Suk bei der Komposition nur zwei Jahre älter war als Mozart bei seinem KV 160, relativiert das ein wenig das "Salzburger Wunderkind". Als Zugabe gab"s das Scherzo aus Leoš Janácek "Idyll".

Aber eine Frage blieb: Wie war das jetzt mit den Traumdeutern? Gab es überhaupt Träume? Na gut, der 66-jährige Eugène Ysaÿe mit einem Traum von mehr Gesundheit oder der 18-jährige Josef Suk mit seinem Traum von Ottilie. Aber träumte der 16-jährige Mozart in der Kutsche nach Mailand von weniger Langeweile oder der 47-jährige Edward Elgar von einer profitableren Karriere beim neu formierten London Symphony Orchestra? Wenn das stimmt, dann waren die Traumdeuter allerdings nicht die Komponisten, sondern die Brückenauer und, in der individualisierten Form, Apollon Musagète.


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