Bad Kissingen
Kissinger Sommer

Plötzlich tauchte wieder der Begriff der Unspielbarkeit auf

Igor Levit spielt nicht Beethoven, sondern den Beethoven.
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Igor Levit bei den Diabelli-Variationen.  Foto: Gerhild Ahnert
Igor Levit bei den Diabelli-Variationen. Foto: Gerhild Ahnert
Bei Igor Levit kann man sich ja immer auf etwas gefasst machen. Aber so etwas! Da kommt er aus der Garderobe des Rossini-Saals aufs Podium und drischt das bisher doch immer so schöne Thema der Diabelli-Variatinen in die Tasten. Aber plötzlich ist da eine Idee: Er spielt nicht Beethoven, sondern den Beethoven.
Der hat gerade von Anton Diabelli ein Thema bekommen, über das er eine Variation schreiben soll, wie alle anderen Wiener Komponisten auch. Er! Und dann ist das Thema auch nicht gut. Es hat einen Schusterfleck. Das sind Rückungen der Melodie nach oben oder unten, ohne die Tonart zu verlassen. Höchst verpönt! Aber er lässt sich darauf ein, spielt eine Variation, und vergisst die Welt um sich herum und bleibt dran, wird versöhnlicher, braust wieder ärgerlich auf, aber allmählich findet er gefallen. Eine Variation? 33!
Und so entwickelt Igor Levit ein köstliches und weit gefächertes Spektrum an Emotionen, an Figuren und Veränderungen, denen er allen einen inneren Zusammenhalt und ganz plastische Strukturen gibt, die die Konstruktionen klären. Und immer wieder lässt er den Unwillen Beethovens aufblitzen, sich auf die Sache überhaupt eingelassen zu haben. Die eine oder andere Variation hat darunter zu "leiden". Das macht Levits Interpretation so spannend, dass man nie weiß, in welche Stimmung er die nächste Variation taucht. Da sind durchaus Überraschungen dabei, aber sie rechtfertigen sich aus der Musik. Geradezu köstlich ist die Variation XXII. in der Beethoven den Leporello aus Mozarts "Don Giovanni" zitiert: Notte e giorno faticar". Sie wird gerne mozartisch charmant gespielt - aber nicht von Igor Levit. Schließlich ist das eine Jammerarie eines Dienstboten, und außerdem hört man auch ein bisschen Neid auf den erfolgreicheren Opernkomponisten Mozart heraus.


Monumentalwerk der Gegenwart

Wer sich fragt, warum das Variationenwerk "The people united will never be defeated" des Amerikaner Frederic Rzewski so selten und nur von wenigen Pianisten gespielt wird, hat die Antwort, sobald er es hört: Es ist von so extremer Schwierigkeit und gleichzeitig auch Länge, dass plötzlich der ausgestorbene Begriff der Unspielbarkeit wieder auftaucht. Aber Igor Levit schmeißt sich rein. Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Sich-Abarbeiten an einer Kraftmaschine, wird sehr schnell eine wunderbare, spätromantische Musik mit den Klangmitteln des ausgehenden 20. Jahrhunderts, die wirklich alles an Technischem und Klanglichem enthält, was derzeit möglich ist. Und die zugleich den Furor, aber auch den emotionalen Aspekt des zugrundeliegenden chilenischen Volksliedes spiegelt. Dass es 36 Variationen mit einer eigenen, sehr spontan wirkenden Kadenz von Igor Levit sind, in denen auch andere Themen wie das italienische "Bandiera rossa" verarbeitet werden, muss man nicht wissen. Man hat wirklich schon genug zu tun mit Staunen und Aufnehmen. Am Ende stand der ganze Saal - und das bei Neuer Musik!


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