Bad Kissingen
Kabarett

Pelzig streitet in Bad Kissingen mit sich selbst

Frank-Markus Barwasser begeistert als Erwin Pelzig, Hartmut und Dr. Göbel den ausverkauften Regentenbau.
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Erwin Pelzig im Zwiegespräch mit seinen imaginären Stammtischbrüdern Hartmut und Dr. Göbel. Foto: Ralf Ruppert
Erwin Pelzig im Zwiegespräch mit seinen imaginären Stammtischbrüdern Hartmut und Dr. Göbel. Foto: Ralf Ruppert
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Trotz der Spitzen gegen Bad Kissingen und die Rhön: Der aus Würzburg stammende Kabarettist Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig hatte im ausverkauften Regentenbau ein leichtes Heimspiel: Dankbar folgten die 1150 Zuhörer dem früheren ZDF-Anstaltsleiter auf der Bühne. Bissig und doch hochpoetisch, tagesaktuell und doch mit ganz grundsätzlichen Lebensfragen kommentierte er das Zeitgeschehen. Typisch mit rot-kariertem Hemd, Janker, Herren-Hand-Täschli und dem unverzichtbaren Cordhut ließ Barwasser neben seiner Hauptfigur Pelzig auch dessen imaginäre Stammtischbrüder Hartmut und Dr. Göbel wieder auferstehen.
"Pelzig stellt sich" heißt das aktuelle Bühnenprogramm, mit dem Barwasser nach dem Auszug aus der Anstalt durch ganz Deutschland tourt. "Ich stell mich der Wirklichkeit", kündigte er zu Beginn an, schickte das Publikum aber nach drei Stunden dennoch vor allem mit vielen offenen Fragen nach Hause. "Des möcht ich ämol wiss" lautet sein fränkisches Mantra der angeblichen Ahnungslosigkeit, die er aber auch zu schätzen weiß, denn: "Bei totaler Transparenz fürchte ich um meine Rest-Hoffnung."

Mahner gegen Macht der Märkte

Barwassers Botschaft: "Wir leben in einer Zeit der kollektiven kognitiven Dissonanz." Die Menschen müssten sich einfach selbst belügen, um nicht verrückt zu werden: "Wenn der Zweifel in dir tobt, such 'nen Dödel, der dich lobt", laute eine der wichtigsten Regeln. "Sperren Sie ihren Mann in den Keller und Sie bleiben trotzdem verheiratet", nannte Pelzig als Beispiel, und: "Wer den Aschenbecher ausleert, ist noch kein Nichtraucher."
Angesichts der Macht der Märkte charakterisiert Erwin Pelzig die Politik als "die fröhliche Moderation der eigenen traurigen Bedeutungslosigkeit". Seine Gegenentwurf: Ämter werden durch Losentscheid besetzt. Gesagt, getan: Pelzig kürte per Lostrommel Heike Baldauf aus dem Publikum kurzerhand zur neuen Landwirtschaftsministerin. Allerdings legte er durch eine Geldspende auch gleich den Grundstein für die spätere Demontage der Ramsthalerin. "Keine zwei Stunden im Amt und dann so was", war das Fazit der Demokratie nach dem Zufallsprinzip.
Erwin Pelzig ist nicht zimperlich: Im Zwiegespräch den beiden weiteren Kunstfiguren, dem konservativen Dr. Göbel und dem einfach gestrickten Hartmut fliegen ordentlich die Fetzen, in rasendem Tempo und trotzdem durch unterschiedliche Stimmen und Mimik klar strukturiert hetzt er durch die Themen: Analytiker gegen Zauderer gegen Dumpfbacke. Und trotzdem wird es immer wieder philosophisch, staatstheoretisch, poetisch. Aber auch derb: "Finanz-Schmierlappen" für Investment-Banker ist eines der vielen Schimpfworte, die das Publikum erwartet und begeistert aufnimmt.
Auch mit Pegida, der "Bewegung der verkürzten Denkwege", geht Pelzig hart ins Gericht: "Die wollen das christliche Abendland retten, die gottlosen Ossis", kommentiert der Kabarettist, und: "Wer immer Angst hat, will Angst verbreiten, so kommt's zu Pegida." Aber auch die AfD und die Regierungsparteien bekommen ihr Fett weg. Unerträglich ist ihm das Gerede von der "marktkonformen Demokratie": "Wenn es immer heißt, die Wirtschaft schreibt an den Gesetzen mit, das glaub ich nicht: Die liefern das fix und fertig." Kritisch sieht Pelzig auch das Internet: Eine "Wahrheit to go" würden sich viele im weltweiten Netz holen. Sie informierten sich online, um "sich die eigene Beschränktheit bestätgen zu lassen". An anderer Stelle kommt sogar der Zeitungsjournalist Barwasser durch: "Ich bitte Sie, der Tageszeitung die Treue zu halten, solange es geht", ruft er das Publikum auf.
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