Bad Kissingen
Interview

Patricia Middermann hört den Menschen zu

Patricia Middermann ist die jüngste Hospizbegleiterin im Landkreis Bad Kissingen. Die 27-Jährige wurde im April von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey für ihr ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet.
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Augenoptikerin und ehrenamtliche Hospizbegleiterin Patricia Middermann (27) spricht beim Festakt zum 25-jährigen Bestehen des Bad Kissinger Hospizvereins.  Foto: Sigismund von Dobschütz
Augenoptikerin und ehrenamtliche Hospizbegleiterin Patricia Middermann (27) spricht beim Festakt zum 25-jährigen Bestehen des Bad Kissinger Hospizvereins. Foto: Sigismund von Dobschütz

In diesen Tagen feiert der Hospizverein Bad Kissingen sein 25-jähriges Bestehen. Dem Verein gehören über 260 Mitglieder an, von denen nur etwa 50 Damen und zehn Herren als ausgebildete Hospizbegleiter im Landkreis ehrenamtlich tätig sind. Sie begleiten Schwerstkranke und Sterbende in den letzten Wochen und Tagen bis zum Tod, unterstützen aber auch deren Angehörige.

Die mit weitem Abstand jüngste Hospizbegleiterin ist die 27-jährige Augenoptikerin Patricia Middermann. Sie wurde im April von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey für ihr ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet. Wir befragten die junge Kissingerin nach ihren Beweggründen, sich zur Hospizbegleiterin ausbilden zu lassen, und nach ihren ersten Erfahrungen.

Frau Middermann, seit wann arbeiten Sie ehrenamtlich als ausgebildete Hospizbegleiterin?

Patricia Middermann: Seit April 2017.

Wie kamen Sie vor drei Jahren als erst 24-Jährige auf die Idee, sich zur Hospizbegleiterin ausbilden zu lassen?

Ich habe in der Saale-Zeitung einen Artikel darüber gelesen, dass ein neuer Hospizkurs beginnen wird. Da ich schon länger nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit gesucht habe, bei der ich mir die Zeit frei einteilen kann, hat sich das sehr gut ergeben.

Was veranlasste Sie, sich als junge Frau gerade mit diesem Thema zu befassen?

Ich habe schon sehr früh mitbekommen, dass das Leben irgendwann endet, was mir damals, wie heute auch noch, große Angst macht. Deshalb wollte ich mich dieser Angst stellen, indem ich mich mehr mit dem Tod und dem Sterben beschäftige.

Wie denken Sie ganz allgemein über das Sterben und den Tod?

Ich finde es wichtig, dass mehr darüber gesprochen wird. Umso früher uns klar ist, dass das Leben irgendwann endet, desto früher können wir uns darüber bewusst werden, wie wertvoll jede Sekunde unseres Lebens ist und dass Streit und Gleichgültigkeit absolut Zeit und Energie raubende Dinge sind.

Muss man als Hospizbegleiter bestimmte charakterliche Fähigkeiten oder eine bestimmte Mentalität haben, um dieses Ehrenamt ausfüllen zu können? Welche waren diese bei Ihnen?

Empathie ist schon mal eine super Grundlage. Ich würde mich auch selbst als sehr empathisch und mitfühlend bezeichnen. Außerdem ist es wichtig den Menschen zuzuhören und offen für sie zu sein.

Wie viele Sterbende haben Sie inzwischen schon bis zu deren Tod begleitet?

Bisher war es erst eine Person. Diese habe ich über 2,5 Jahre hinweg begleitet. Bis sie dann vor etwa fünf Wochen verstorben ist.

Was haben Sie dabei empfunden?

Eine wirklich angenehme Erfahrung. Die Dame, die ich begleitete, hatte keine Angehörigen mehr, die sie hätten besuchen können. Man merkte, wie erfreut sie war, dass jemand zu ihr kam.

Was war Ihr nachhaltigstes Erlebnis oder Ihre nachhaltigste Erfahrung im bisherigen Einsatz?

Diese Dame, die ich bisher besuchte, war sehr dement und gegen Ende oft sehr unruhig und aufgewühlt. Deshalb war es sehr schön zu merken, wie sie ruhiger wurde, wenn sie spürte, dass jemand da war. Und dann der Moment, als ich ins Zimmer kam und merkte, dass sie bereits verstorben in ihrem Bett lag: diese Ruhe und der Frieden, der plötzlich von ihr ausging.

Ihre Alterskameraden gehen nach Feierabend ihren Vergnügungen nach. Wie reagieren Ihre Freunde, wenn Sie statt mit ihnen ins Kino allein zu einem sterbenden Menschen gehen?

Von meinen Freunden erfahre ich sehr viel Unterstützung. Alle stehen hinter mir und sind sogar stolz darauf, dass ich das mache. Manchmal fragen sie auch nach, wie der letzte Besuch war.

Fast alle Hospizbegleiter im Kissinger Verein sind weit mehr als doppelt so alt wie Sie. Warum sollte ein junger Mensch sich zum Hospizbegleiter ausbilden lassen?

Ich denke, dass allein der Kurs zum Hospizhelfer, einem schon viel über sich selbst beibringt. Dem Tod so nahe zu kommen, hilft einem auch, mehr über sich selbst zu erfahren und im Alltag besser mit Stresssituationen klar zu kommen. Außerdem finde ich, dass ältere und jüngere Menschen sehr viel voneinander lernen können und Menschen in meinem Alter den Senioren zeigen können, dass sie in unserer Gesellschaft nicht vergessen werden.

Haben Sie schon versucht, Gleichaltrige zum Hospizdienst zu bewegen? Wie war deren Reaktion?

Ja, das habe ich tatsächlich schon sehr häufig versucht. Oft bekomme ich allerdings die Antwort, dass sie das nicht "könnten". Außerdem kollidieren natürlich auch die Zeiten, in denen die Ausbildung zum Hospizbegleiter stattfindet, mit den Arbeitszeiten, da diese Kurse - zumindest zu meiner Zeit - immer am Donnerstag und Freitag nachmittags ab 15 Uhr los gehen. Da arbeiten die meisten ja noch. Nicht jeder hat einen so kulanten Arbeitgeber wie ich mit Optik Plath in Bad Brückenau.

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