Bad Kissingen
Erinnerung

Parkfriedhof Bad Kissingen: Gedenken ohne Barrieren

Auf dem Parkfriedhof in Bad Kissingen fehlen Namen gefallener Soldaten - und das, obwohl die Stadt nachweislich eine Namensliste angelegt hatte.
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Hans Schmitt* hält die Anzeige der Stadt Bad Kissingen aus der Saale-Zeitung vom 30. März 1985. Foto: Johannes Schlereth
Hans Schmitt* hält die Anzeige der Stadt Bad Kissingen aus der Saale-Zeitung vom 30. März 1985. Foto: Johannes Schlereth

Hans Schmitt* ist frustriert. Der Kissinger half 1985 der Stadt. Vor einigen Tagen stellte sich heraus, dass seine Hilfe vor mehr als 30 Jahren vergebens war. In seiner Geschichte geht es um den im Krieg gefallenen Vater, den Parkfriedhof und eine Gefallenen-Liste der Stadt Bad Kissingen.

Schmitt sitzt in einem blau gestreiften Hemd auf einer Bank im Parkfriedhof beim Ehrenrondell. "Ja, das war der Bezugspunkt zu meinem Vater", sagt der 85-Jährige mit fester Stimme, während sich die Sonne in den Brillengläsern spiegelt. Er trägt eine Piloten-Sonnenbrille, das graue Haar ist sauber gekämmt. Sein Alter sieht man ihm nicht an. "Ich war zwölf, als mein Vater starb". Das war kurz vor Kriegsende im März 1945. Noch kürzlich war der Name seines Vaters auf dem Parkfriedhof vermerkt. Dann stahlen Unbekannte die elf Gedenktafeln. Auf den drei neuen Platten finden er und circa 460 andere Bad Kissinger Gefallene keine Erwähnung mehr.

Stadt Bad Kissingen erstellte eine Gefallenenliste

Viele Erinnerungen an seinen Vater hat Schmitt nicht mehr. "Er war damals nicht oft auf Heimaturlaub - und wenn, dann nur für ein bis zwei Tage." Während er spricht liegen seine Hände im Schoß der schwarzen Anzughose. Die Finger halten einen vergilbten Zeitungsausschnitt vom 30. März 1985. Eine Notiz sticht blau vom Papier entgegen: "erl. a 9.4.85", lässt sich dort lesen.

Was die mit Füller verfasste Notiz bedeutet, weiß er genau: "Das steht für erledigt am 9. April 1985". Die Stadt aktualisierte damals die Liste über Kissinger Gefallene und Vermisste des Zweiten Weltkriegs. Dafür appellierte sie in der Saale-Zeitung an die Leserschaft: Wer Angehörige im Krieg verloren habe, solle bei der Neufassung und Ergänzung der Liste mitwirken. Schmitt schnitt die Anzeige aus und archivierte sie im Familienalbum. Doch damit nicht genug: "Die Gelegenheit habe ich genutzt und die Daten zu meinem Vater durchgegeben", sagt er rückblickend.

Keine Spuren im Stadtarchiv

Wo die Liste abgeblieben ist, ist unklar. Im Stadtarchiv finden sich nach Recherchen dieser Redaktion weder eine Namensliste zu den etwa 460 gefallenen Kissinger Bürgern, noch Bilder der geklauten Tafeln, oder die 1985 erstellte Liste. Die Stadt Bad Kissingen gestand in einer öffentlichen Bauausschusssitzung ihren Fehler ein, nachdem das Thema in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. Laut Thomas Hack, zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Stadt Bad Kissingen, sei die 1985 erstellte Liste jedoch derzeit unerheblich. "Wir nehmen uns die Zeit, um eine umfassende Liste zu erstellen", teilt er mit. Die Grundlage dafür sollen ausführliche Archivrecherchen bilden. "Die legen wir dann der Öffentlichkeit vor, so dass die Bürger die Möglichkeit haben einen Blick darauf zu werfen." Erst danach sollen die Namen auf der Liste in das Denkmal Eingang finden. "Über die Form herrscht noch Redebedarf. Möglich wären beispielsweise Stelen", informiert Hack. "Dadurch haben wir dann eine Situation, die allen würdig ist: Sowohl den Kissinger Gefallenen, als auch die Soldaten, die in Bad Kissingen an ihren Verwundungen gestorben sind."

Das hat für Schmitt eine große Bedeutung. Denn: Sein Vater liegt nicht in Bad Kissingen begraben, sondern ruht in fremder Erde. Eines Tages sei ein Brief des Kompanie-Chefs bei den Schmitts in der Hartmannstraße angekommen. "Ich bin nach Hause gekommen und meine Mutter hat geweint." Der Grund für die Tränen seiner Mutter: Sein Vater war gefallen. "Man habe ihn mit allen militärischen Ehren bestattet. Aber ob das wahr ist?", fragt sich Schmitt.

Barrieren haben sich im Laufe der Zeit geändert

In einer Sache hat der 85-Jährige jedoch Gewissheit: "Er ist auf dem Rückzug aus Oberschlesien gefallen." Beerdigt liegen soll er in Troppau, das heute Opava heißt und im Osten Tschechiens liegt. Am Grab seines Vaters war er noch nie. "Nach dem Krieg war das ja der Ostblock - einfach rüberspazieren konnte man da nicht."

Mittlerweile gibt es den eisernen Vorhang nicht mehr. Barrikaden gibt es für Schmitt jedoch immer noch. "Ich habe ja keine Sprachkenntnisse. Wer weiß ob das Grab noch da ist? Und vor allem: Wer weiß, wo genau das Grab ist?" Daher war für Schmitt das Ehrenrondell ein zentraler Anlaufpunkt. "Egal ob am Volkstrauertag oder an sonstigen Tagen. Ich habe öfters Blumen oder eine Kerze vorbeigebracht." Doch nun fehlt ihm ein Ort zum Gedenken. Seine Meinung: "Jetzt ist die Stadt am Zug."

*Hans Schmitt heißt eigentlich anders, will aber aus persönlichen Gründen anonym bleiben.

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