Bad Kissingen
Bildung

P-Klasse an der Anton Kliegl-Mittelschule: Mit Mut in den Beruf

In der Praxis-Klasse der Kliegl-Schule finden Jugendliche mit Lernproblemen wieder neuen Mut. Schüler, die es geschafft haben, erzählen wie.
Artikel drucken Artikel einbetten
Lina Potsch (von links) und Viktoria Kleine besuchen die Praxisklasse an der Kliegl-Mittelschule, Christian Rose und Stéphan Cailloux haben es schon geschafft. Foto: Benedikt Borst
Lina Potsch (von links) und Viktoria Kleine besuchen die Praxisklasse an der Kliegl-Mittelschule, Christian Rose und Stéphan Cailloux haben es schon geschafft. Foto: Benedikt Borst
+2 Bilder

Für Christian Rose, Stéphan Cailloux und seinen Bruder Anthony ist es eine Weile her, seit sie die P-Klasse an der Kliegl-Mittelschule besucht haben. Alle drei haben inzwischen eine Ausbildung gemacht und im Berufsleben Fuß gefasst. Von den schlechten Noten und dem Lernfrust aus ihrer Schulzeit ist nicht mehr viel übrig.

Christian Rose zum Beispiel stand mit der Schule grundsätzlich auf Kriegsfuß. Im Unterricht kam er nicht klar. "Ich war in der Regelklasse und habe mir gedacht: Das wird sowieso nichts", erzählt er. Also wechselte er. Mit Erfolg: Er bestand den Schulabschluss und lernte Koch. Heute arbeitet er in der Bundeswehrkantine in Hammelburg, nebenberuflich betreibt er in Bad Kissingen eine Pyrotechnik-Firma. Dieses Jahr wird er das Abschlussfeuerwerk zum Rakoczy-Fest ausrichten. Wie der Schüler in die Spur gefunden hat? "In der P-Klasse ist mehr Zeit da und der Stoff wird anders vermittelt. Das hat mir geholfen", sagt er.

Die Zwillingsbrüder haben ähnliche Erfahrungen. Stéphan Cailloux erzählt, dass bei ihm nicht die Motivation das Problem war. Das Unterrichtstempo war ihm zu schnell. "Vor allem in Mathe. Das war mein Hass-Fach", sagt er. Heute arbeitet er als Kfz-Mechatroniker.

Über einen Zeitungsbericht sind die Geschwister auf die P-Klasse aufmerksam geworden und wechselten - von der Montessorischule in Sandberg an die Kliegl-Mittelschule nach Kissingen. Beiden hat es geholfen, dass in der P-Klasse der Lehrplan weniger Theorie und mehr praktische Inhalte enthält. "Der Lernstoff wird anders vermittelt. Es hilft einem, wenn man nach Hause kommt und merkt: Du kannst es doch", sagt Stéphan. Anthony Cailloux stimmt zu. In der P-Klasse wurde ihm die Angst vor der Schule genommen. Der Lernfrust verschwand, er fand neuen Mut und dann ging es aufwärts. "Mir hat es auf jeden Fall geholfen", sagt der ausgelernte Maurer.

Die Praxisklasse richtet sich an Schüler der 8. und 9. Jahrgangsstufe, die im Regelunterricht Probleme haben: Bis zu 15 Jugendliche je Jahrgang werden von Lehrer André Prechtl und Sozialpädagogin Jacqueline Thöne betreut. "Für die Schüler ist es ein Luxusmodell, dass sie zwei Ansprechpartner haben", sagt Prechtl. Individuelle Bewerbungstrainings zum Beispiel sind in einer Regelklasse nicht möglich.

In der P-Klasse ist der Schulstoff zugunsten von Praktika entrümpelt. Die Schüler absolvieren fünf mal zwei Wochen im Jahr Praktika bei Ausbildungsbetrieben. In der restlichen Zeit drücken sie vier Tage die Schulbank, einen Tag sind sie in der jeweils aktuellen Firma. Englisch und Fächer wie Werken entfallen. Unterrichtet werden die Kernfächer Deutsch und Mathe, Sachfächer wie Biologie sowie Sport und Ethik. Nach der 9. Klasse legen die Schüler eine Prüfung ab. Bestehen sie die, erreichen sie den Schulabschluss.

"Es ist wichtig, dass die Kinder mit einem guten Gefühl in die Schule gehen", sagt Thöne. Die Pädagogen unterrichten nicht nur, sondern bauen die Jugendlichen auf. Erfolgserlebnisse im Unterricht und im Betrieb helfen, dass diese Spaß an der Schule haben und sich weiterentwickeln. Durch die Praktika finden sie heraus, was ihnen beruflich liegt und lernen Betriebe kennen, die sie im Idealfall als Azubis übernehmen. "In der 8. Klasse können sich die Schüler wild orientieren. Bei den 9. Klassen achten wir darauf, dass es ein Ausbildungsbetrieb ist, weil das Ganze in einen Ausbildungsvertrag münden soll", sagt Prechtl. Das gelinge in den meisten Fällen.

Die P-Klasse an der Kliegl-Schule ist die einzige im Landkreis. Deshalb wechseln viele Schüler nach Bad Kissingen. "Eltern kommen auf uns zu oder Lehrer vermitteln", sagt Thöne. So wie bei Lina Potsch, die seit September die P-Klasse besucht. Sie ging vorher auf eine Förderschule. "Ihre Lehrerin hat uns gesagt, wir haben da eine, die ist bei uns unterfordert." Die 8. Klässlerin hat sich gut in der neuen Umgebung eingefunden. Auch einen Berufswunsch hat sie inzwischen gefasst: "Ich will Kinderpflegerin werden", sagt sie. Klassenkameradin Viktoria Kleine aus Bad Brückenau hat sich ebenfalls nach knapp einem Schuljahr festgelegt: Eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin ist das Ziel. Dafür lernt sie jetzt.

Rund um die P-Klasse

Beratung Kontakt zu André Prechtl und Jacqueline Thöne unter Tel.: 0971/785 49 10 und E-Mail Jacqueline.thoene@die-gfi.de.

Finanzierung Die P-Klasse wird über den Europäischen Sozialfonds mit 31 500 Euro jährlich gefördert. Weitere Zuschüsse kommen von der Stadt Bad Kissingen.

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren