Bad Kissingen
Verkehr

Ortsumgehung Nüdlingen: Bauamt favorisiert Nordtrasse

Um Nüdlingen vom Verkehr der B287 zu entlasten, schlägt das Bauamt die Nordumgehung vor. Im Juli sollen die Nüdlinger darüber abstimmen.
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Anita Haub wohnt  an der Hauptstraße. Sie hofft, dass endlich die Ortsumgehung gebaut wird. Kerstin Väth
Anita Haub wohnt an der Hauptstraße. Sie hofft, dass endlich die Ortsumgehung gebaut wird. Kerstin Väth
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Für Anita Haub und die anderen verkehrsgeplagten Anwohner sind es aktuell entscheidende Tage: Bis Ende Juli soll geklärt sein, ob Nüdlingen eine Ortsumgehung bekommt. "Nüdlingen muss diese Gelegenheit nutzen und zugreifen", findet sie. Seit Donnerstag steht dagegen schon fest, wo die Entlastungsstraße verlaufen soll: nördlich um das Dorf herum.

Das Staatliche Bauamt Schweinfurt hat seine Pläne auf einer Bürgerversammlung in der voll besetzten Schlossberghalle vorgestellt und in der anschließenden Diskussion verteidigt. Die wurde von den Nüdlingern emotional, aber trotzdem sachlich geführt. Alexander Schlegel vom Staatlichen Bauamt erläuterte, was in den vergangenen drei Jahren alles an Voruntersuchungen, Berechnungen und Planungen geleistet wurde und warum die Planer sich für die Nord- und gegen eine Südumgehung entschieden haben. "Aus technischer Sicht gibt es keine großen Vor- und Nachteile für beide Varianten", sagte er. Entscheidend ist dagegen der zu erwartende Flurschaden. Der ist im Süden aufgrund geschützter Tierarten, Natur- und Wasserschutzgebiete erheblich höher. "Dort ist eine überwiegend hohe bis extrem hohe Konfliktdichte zu erwarten", betonte Schlegel.

Durch Nüdlingen läuft die B287, die die Große Kreisstadt Bad Kissingen mit der Kreisstadt Bad Neustadt verbindet. "Die Verkehrsbelastung und Verkehrsbedeutung der Straße hat zugenommen", sagte der Planer. Laut Prognosen steigt bis 2035 der Verkehr von derzeit täglich 9000 auf bis zu 12 000 Fahrzeuge, wenn keine Umgehung gebaut wird. Mit Umgehung wären es im Jahr 2035 dagegen 4400 Fahrzeuge.

400 Meter lange Brücke

2012 beantragte der Gemeinderat, dass eine Nüdlinger Ortsumgehung in den Bundesverkehrswegeplan 2030 aufgenommen wird. Das gelang, 2016 stellte das Bundesverkehrsministerium den entsprechenden Referentenentwurf vor. Seitdem arbeitet das Staatliche Bauamt an den Voruntersuchungen und in Nüdlingen haben sich die Bürger die Köpfe heiß diskutiert. Es haben sich drei Bürgerinitiativen gegründet, eine für die Ortsumgehung, eine dagegen und eine gegen die Südtrasse, die in Richtung langes Schiff (ehemalige B19) geführt hätte. "Das Thema wurde hochemotional, mit Ängsten um das eigene Umfeld und kontrovers diskutiert. Es hat zu einer tiefen Spaltung im Ort geführt", sagte Bürgermeister Harald Hofmann (CSU). Die Variante, die das staatliche Bauamt bevorzugt, ist 4,5 Kilometer lang und soll geschätzte 46,7 Millionen Euro kosten.

Die Trasse beginnt von Kissingen kommend oberhalb der Serpentinen. Dort zweigt sie links ins Gelände ab, überquert dann das Nudelbachtal auf einer 20 Meter hohen und 400 Meter langen Brücke, kreuzt die Kreisstraße 17 zwischen Nüdlingen und Haard und trifft gut einen halben Kilometer nach dem Ortsausgang wieder auf die B287. "Wir haben eine sehr ausgewogene Planung aufgestellt", betonte Schlegel. Die zu erwartenden Verkehrslärmwerte liegen in der Ortschaft deutlich unter den gesetzlichen Grenzwerten, die Schadstoffbelastung werde verringert, außerdem sei die Trasse aufgrund des hügeligen Geländes für die Anwohner in der Nähe kaum zu sehen.

Im Bundesverkehrswegeplan sind rund elf Millionen Euro für das Projekt veranschlagt. Die Kosten haben sich zum jetzigen Planungsstand also schon vervierfacht. Laut Schlegel liegt das an der generellen Preisentwicklung im Baugewerbe und an den teuren Brückenbauwerken, die notwendig sind.

Von Anfang bis Mitte Juli findet eine Bürgerbefragung zur Ortsumgehung statt (siehe Infobox). Die wird danach im Gemeinderat behandelt. "Ich hoffe, dass die Leute sich für die Umgehung entscheiden", sagte Hofmann. Er selbst sei zwar auch als Anwohner von der Nordtrasse betroffen, halte die Entlastungsstraße aber für entscheidend, um die Lebensqualität im Ort zu verbessern.

"Das Bauamt wird keine Trasse gegen den Willen der Gemeinde planen", betonte Schlegel. Stimmen Bund und Gemeinde der Voruntersuchung zu, wird der Vorentwurf geplant. Dann geht es ins Genehmigungsverfahren, erst danach kann gebaut werden. Zeithorizont: zehn Jahre.

Emotionale Diskussion

Besonders emotional meldeten sich in der Versammlung die Anwohner zu Wort, die darauf pochen, dass endlich eine Entlastungsstraße für die B287 gebaut wird. "Der Verkehr im Ort ist untragbar geworden", sagte zum Beispiel Marion Kiesel. Dass die vorgeschlagene Nordtrasse bei der Bürgerbefragung im Juli durchfällt und dann gar keine Ortsumgehung gebaut wird, fände sie furchtbar. "Das Leben ist kein Ponyhof und wir brauchen diese Umgehungsstraße", appellierte sie an die Gegner.

Der ehemalige Bürgermeister der Gemeinde, Günter Kiesel (CSU), wies darauf hin, dass es sich um eine einschneidende Entscheidung handle. Er plädierte dafür, dass die Gemeinde nicht nur die Bürger befragt, sondern einen bindenden Bürgerentscheid zulässt. Vor allem solle jetzt nichts überstürzt werden. "Gebt den Gruppierungen Zeit, um Aufklärung zu betreiben", sagte er. Die Bürger sollten sich über die Argumente der drei Bürgerinitiativen informieren und so eine Meinung bilden.

Mehrere Nachfragen zielten darauf, ob sich die Nüdlinger Ortsumgehung nicht mit den Plänen für die B 286 neu (Autobahnzubringer für Bad Kissingen zur A71 und Ortsumgehung Eltingshausen) verbinden lasse. So könne eine große Lösung geschaffen werden. Alexander Schlegel vom Staatlichen Bauamt verwarf diese Idee als illusorisch. Zum einen werde dadurch so gut wie keine Verkehrsentlastung für Nüdlingen erreicht, zum anderen sei der Naturschaden und der Flächenverbrauch deutlich höher. Dass der Gesetzgeber ein Vorhaben dieser Größenordnung genehmigt, sei nicht realistisch.

Lkw-Sperrung schwer möglich

Auch die Gegner der Ortsumgehung meldeten sich zu Wort. Sie wollen, dass keine neue Straße gebaut, dafür aber die B287 durch den Ort für den Schwerlastverkehr gesperrt wird. Volker Süßmeyer wies darauf hin, dass in der aktuellen politischen Diskussion größere Anstrengungen für Natur- und Klimaschutz eingefordert werden. "Eine Ortsumgehung ist aus meiner Sicht aus der Zeit gefallen", sagte er. Der zunehmende Verkehr mit Elektro-Autos werde die Lärmbelastung im Ort zusätzlich verringern. Marcus Lipsius zeigte sich überzeugt, dass eine Lösung ohne Umgehung möglich wäre, wenn der politische Wille dazu vorhanden wäre.

Schlegel entgegnete, dass eine Bundesstraße dem Gemeingebrauch dient. Es sei rechtlich nur in streng geregelten Ausnahmen möglich, sie für Lkws zu sperren. Zum Beispiel braucht es eine Entlastungsstraße, die Nüdlingen nicht hat. "Verbesserungen erreichen wir bei der Null-Variante nicht", bekräftigte der Planer. Auch die Effekte durch Elektro-Autos seien nicht vielversprechend. Es werde noch dauern, bis nennenswerte Mengen E-Autos in ländlichen Regionen fahren. Außerdem spiele es für den Lärmpegel ab Geschwindigkeiten von etwa 50 Stundenkilometer keine Rolle, ob es sich um ein Auto mit Verbrennungsmotor oder um ein E-Auto handelt. Das Abrollgeräusch der Reifen ist dann lauter.

Bürgerbefragung

Teilnahme Alle Nüdlinger, die am 15. Juli 2019 mindestens 16 Jahre alt sind, können ihre Stimme abgeben. Die einfache Mehrheit der Stimmen zählt. Zur Abstimmung zählt nur, ob die favorisierte Nordumgehung gebaut werden soll oder nicht.

Ablauf Die Stimmzettel werden Anfang Juli verschickt, letzter Abgabetermin ist Sonntag, 15. Juli. Der Gemeinderat behandelt am 23. Juli das Ergebnis der Befragung.

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