Bad Kissingen

Organisierte Hilfe für die Hilflosen

Auch im Landkreis Bad Kissingen leben viele Menschen, die ihr alltägliches Leben aus gesundheitlichen oder seelischen Gründen nicht mehr bewältigen und organisieren können. Doch in der Kreisstadt gibt es Hilfe für die Hilflosen.
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Sozialpädagoge und gesetzlicher Betreuer Markus Brust (links) mit ARV-Vorstand Jürgen Bereiter und Kollegin Cäcilia Schmidt auf dem Hof des Vereins-Stützpunktes.Steffen Standke
Sozialpädagoge und gesetzlicher Betreuer Markus Brust (links) mit ARV-Vorstand Jürgen Bereiter und Kollegin Cäcilia Schmidt auf dem Hof des Vereins-Stützpunktes.Steffen Standke

Marko Brust sieht täglich viel Leid: Menschen mit Alkohol- oder Drogenproblemen. Menschen, die krank oder invalide geworden sind, die mit Depressionen oder anderen psychischen Problemen kämpfen. Die alle gemeinsam haben, ihre Alltagsgeschäfte nicht mehr organisieren und bewältigen zu können. Marko Brust kommt, um diesen Menschen zu helfen. Der 48-jährige Sozialpädagoge arbeitet für einen Betreuungsverein. Die rückten kürzlich in den Blickpunkt der Öffentlichkeit.

Ein Amts-, Vereins- oder Berufsbetreuer kümmert sich um Volljährige, die "auf Grund einer psychischen Krankheit oder einer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung ihre Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht mehr selbstständig erledigen können". So steht es im Bürgerlichen Gesetzbuch.

In der Region füllt der Allgemeine Rettungsverband Unterfranken (ARV) mit Hauptsitz Bad Kissingen diese gesellschaftliche Aufgabe aus und beschäftigt dafür neben zwei Bürokräften fünf bis sechs gesetzliche (Vereins-)Betreuer, alle Diplom-Sozialpädagogen. Sie kümmern sich um rund 170 Fälle in den Landkreisen Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld - und einige wenige im Raum Schweinfurt.

Mit klassischer Pflege - sagt ARV-Vorstand Jürgen Bereiter - hat die gesetzliche Betreuung nichts zu tun. Ein Berufsbetreuer wäscht keine Pflegebedürftigen, füttert sie oder kauft nicht für sie ein. Er kümmert sich zum Beispiel um Bankgeschäfte und Schriftverkehr mit Behörden. Er organisiert Umzüge und veranlasst, dass alle Rechnungen bezahlt sind. Auch das Beantragen von Pflegestufen gehört zu seinen Aufgaben. Einsetzen darf Betreuer nur ein Gericht - entweder auf Antrag des Betroffenen selbst oder - was weit öfter der Fall ist - von Amts wegen auf Basis eines ärztlichen Befundes. Es legt auch die Befugnisse des Betreuers fest.

Marko Brust betreut rund 40 Menschen, die ihre Angelegenheiten nicht oder fast nicht mehr allein regeln können. Wie zum Beispiel ein Mann Ende 50. Ein schwerer Schlaganfall riss ihn aus dem Berufsleben. Da er allein lebte, fand man ihn erst zwei bis drei Tage nach dem Schicksalsschlag. "So etwas krempelt urplötzlich ein Leben um", sagt Marko Brust. Heute muss sich sein Schützling mit einer halbseitigen Lähmung abfinden; er ist auf den Rollstuhl angewiesen. Sprechen kann er, tut sich aber schwer, einfachste Worte zu finden. Da er sich früher stark über die Arbeit definierte, blieb ihm kein weiteres soziales Umfeld.

Mittlerweile lebt der Endfünfziger - von Brust organisiert - in einem Pflegeheim. Der Sozialpädagoge darf als rechtlicher Vertreter in dessen Namen Unterschriften bei Banken und Behörden leisten. Dafür verlieh ihm das Gericht die Vollmacht.

Seine Klientel - berichtet der 48-Jährige - rekrutiert sich meist aus den in der Gesellschaft Schlechtergestellten. Viele leiden unter Süchten. Zigaretten, Alkohol, Drogen. Wie der 35-Jährige, den Brust vor 17 Jahren als einen seiner ersten Fälle übernahm. Schon damals war der gerade volljährig Gewordene schwer drogenabhängig, hatte kaum Kontakt zur eigenen Familie. Heute lebt er in einer eigenen Wohnung; das Drogenproblem besteht weiter. Doch mit Marko Brusts Hilfe hält er den Status Quo. "Seine Rechnungen und die Miete sind bezahlt. Und auch auf Beziehungsebene lässt er etwas zu." Eigentlich ist eine gesetzliche Betreuung auf sieben Jahre begrenzt. Nachdem Betreuer, Betreuter und Gutachter gehört wurden, kann das Gericht sie verlängern.

Wenn Marko Brust einen ihm Anvertrauten zum ersten Mal daheim besucht, verschafft er sich zunächst einen Eindruck von außen: Wie sieht das Gebäude aus? Sind die Klingelschilder gut lesbar? Ist der Briefkasten vollgestopft mit Zeitung oder Werbebroschüren?

Überraschend kommt sein Besuch nicht. Brust schreibt seine Kunden vorher an. "Manche Leute sind aufgeschlossen, die meisten gleichgültig. Es gibt wenige, die mir von Anfang an aggressiv entgegentreten", berichtet der 48-Jährige. "Manche wollen gar keine Betreuung." Eine Wahl besitzen sie aber eigentlich nicht. Wobei Jürgen Bereiter Wert darauf legt, dass die Leute nicht entmündigt werden. "Sie bleiben geschäftsfähig. Wir helfen ihnen dabei, ihre Rechte zu wahren."

Nach dem ersten Kennenlernen schaut sich Brust in der Wohnung um. Um das Leben des Anderen zu organisieren, muss er je nach Befugnis viel darüber wissen: Wo liegen die Rechnungen, Kontoauszüge, persönliche Dokumente? Dass er dafür Vertrauen aufbauen muss, ist klar. "Es braucht durchaus mehrere Kontakte, bis sie sich öffnen. Der Vertrauensaufbau ist oft langwierig." Auch sei den Angehörigen der Betroffenen die Betreuung oft nicht recht.

"Wenige sind dankbar, dass man da ist", sagt Marko Brust. Für diese Menschen mache er seinen Job. Er schätzt aber auch, dass er nicht stupide hinterm Schreibtisch sitzen muss, sondern Gesellschaft und Landkreis kennenlernen darf. Allerdings brauche man für diese Arbeit ein dickes Fell. "Man setzt sich sich ja mit dem Erlebten auseinander und fragt sich selbst: Wo stehe ich." Man treffe Entscheidungen, die sich auf das Leben der Betreuten auswirkten. Da bleibe manchmal die Frage, ob sie richtig waren.

Dass der Deutsche Bundestag beschlossen hat, die Betreuervergütung um 17 Prozent zu erhöhen, begrüßen sowohl Brust, als auch Bereiter. Es ist die erste Anpassung seit 2005. "Damit können wir unsere Finanzlage stabilisieren, den laufenden Betrieb entkrampfen", sagt Letzterer. In Deutschland hätten einige Betreuungsvereine zuletzt aufgeben müssen. Der ARV habe "dank straffer Haushaltsführung überlebt." Er bekommt auch Zuschüsse von Landkreis und Bezirk Unterfranken. Der Bedarf an Betreuung bleibt laut dem 74-Jährigen hoch. "Wir könnten noch zwei Leute einstellen."

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