Oerlenbach
Medienmacht

Oerlenbacher Gespräche: "Wir müssen aufhören, Idioten groß zu machen!"

Bernhard Pörksen widmete sich bei den Oerlenbacher Gesprächen der digitalen Kommunikation. Seine Warnung: In ihr steckt auch Gefahr und Suchtpotenzial.
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Bernhard Pörksen referiert bei den Oerlenbacher Gesprächen zum Thema "Die neue Medienmacht". Foto: Teresa Hirschberg
Bernhard Pörksen referiert bei den Oerlenbacher Gesprächen zum Thema "Die neue Medienmacht". Foto: Teresa Hirschberg
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Eine junge Frau steht in einem roten Kanu inmitten eines Sees und winkt der Kamera entgegen. Wie die amerikanische Freiheitsstatue sieht sie dabei aus, den Arm emporgestreckt. Nur dass sie in der Hand keine flackernde Fackel hält. Sondern ein Smartphone - Fackel 2.0. Dieses Bild sei ihm ganz besonders in Erinnerung geblieben, erzählt Bernhard Pörksen, als sein Bekannter unbeirrt auf seinem iPad von einem Urlaubsfoto zum nächsten wischte. Die "Konnektionssucht" junger Menschen nennt der Tübinger Medienwissenschaftler dieses Phänomen: Den Drang, immer und überall online verbunden zu sein. "Warum ist WLAN eigentlich noch kein Menschenrecht?", fragt Pörksen ironisch. Spätestens hier hat er die Zuhörer für sich gewonnen. Kein Zweifel: Der Medienprofessor weiß sich zu präsentieren.

Bei den 19. Oerlenbacher Gesprächen referiert der Dozent, Autor und Journalist in der Wilhelm-Hegler-Halle zum Thema "Die neue Medienmacht". Doch wie lässt sich die aktuelle Kommunikationsstimmung am besten auf den Punkt bringen? Wenn es nach Bernhard Pörksen geht, mit 35 Euro und einem Fang auf Ebay: Denn das Tamagotchi, ein Kinderspielzeug, das seine Hochphase Mitte der 90er feierte und dessen Besitzer bei Tag und Nacht ein virtuelles Küken bemuttern mussten, sei das perfekte Symbol des digitalen Zeitalters.


Multi-Tasking gibt es gar nicht

Der Trend mag tot sein, das Tamagotchi-Gefühl bleibt. "Haben Sie nicht auch manchmal den Eindruck, dass eine ganze Armada an virtuellen Küken um unsere Aufmerksamkeit bettelt?", fragt Pörksen die Zuhörer. Smartphone und Co. nähmen unsere Aufmerksamkeit komplett in Anspruch. Pörksen erlebe es selbst immer wieder in seinen Lehrveranstaltungen an der Tübinger Universität, wenn die Zischgeräusche ausgehender SMS seinen Vortrag stören. "Multitasking? Das ist ein Bullshit-Begriff der Beraterszene", kommentiert er. Wir seien nämlich eigentlich nur zum "Task-Switching" fähig. Mehrere kognitiv anspruchsvolle Aufgaben parallel erledigen? Unmöglich.

Bernhard Pörksen geht in seinem Vortrag auch der Frage nach, wie digitale Kommunikation die Öffentlichkeit verändert. Dafür stellt der Medienwissenschaftler fünf Prognosen auf: Es gibt neue Enthüller, die keine Journalisten sind und es gibt neue Themen, die oftmals mehr interessant als relevant sind. Außerdem gebe es neue Opfer, denn jeder sei mittlerweile angreifbar und die "digitale Normpolizei" übe sich gerne in Selbstjustiz. Eine neue Verbreitungsdynamik mache die Google-Suchleiste zum zentralen Sehschlitz zur Welt. Die Imageschädigung sei dadurch so leicht, aber auch so irreversibel wie noch nie. Das Smartphone als neues Tool lasse früher voneinander getrennte Sphären wie Öffentlichkeit und Privatheit, Arbeit und Freizeit verschmelzen.


Medienumgang an Schulen fördern

Ein wichtiges Anliegen ist Bernhard Pörksen die Förderung von dem, was er Medienmündigkeit an Schulen nennt: Dort dürfe es nicht nur um die Bereitstellung von schnellem WLAN und interaktiven White Boards gehen, sondern darum, Quellen besser einschätzen und mit Medieninhalten umgehen zu können. Pörksens Digital-Maxime lautet: "Prüfe erst, publiziere später, sei stets kritisch."

Bundestagsabgeordnete Manuela Rottmann (Die Grünen) stellt infrage, inwieweit diese rationale Aufklärung wirken könne, wenn online die Emotionen hochkochen. Pörksen entgegnet, hierbei auf die Mündigkeit des Menschen vertrauen zu müssen. Eine Alternative zur digitalen Aufklärung gibt es seiner Ansicht nach nicht. Landrat Thomas Bold (CSU) erkundigt sich nach der Möglichkeit, in Extremsituationen wie Terroranschlägen den Informationsfluss auf Social Media-Kanälen zu unterbinden, um Eskalationen vorzubeugen. "Das würde ja bedeuten, Twitter und Facebook mit einem Handstreich abzuschalten", entgegnet Pörksen. "Ich weiß nicht, wie das technisch möglich sein soll. Außer in autokratischen Staaten." Stattdessen müssten wir gegenüber solchen Störern einfach ignoranter werden: "Wir müssen aufhören, Idioten groß zu machen!"

Die Tochter seines Bekannten aus dem Kanu habe Bernhard Pörksen nicht nur eine Anekdote für seinen Vortrag mitgegeben, sondern auch eine Anregung für sein neues Buch, einen Reiseführer: "No Go - Die schlimmsten Funklöcher der Welt" lautet der vorläufige Arbeitstitel.


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