Münnerstadt
REMOG

Zwei Fronten prallen aufeinander

Aussagen von Firmenchef Wilfried Müller haben Entsetzen beim Betriebsrat der Firma REMOG und der Gewerkschaft IG Metall ausgelöst. Sie halten dagegen.
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Anhand ihrer Akten können die Mitglieder des Betriebsrates unter anderem belegen, dass früher viele Überstunden geleistet wurden. Sie weisen Anschuldungen des Firmenchefs zurück. Das Foto zeigt von links: Frank Keßler, Jens Öser (IG Metall), Edgar Schneider, Arthur Zimmermann, Wolfgang Beudert und Dieter Stiller. Thomas Malz
Anhand ihrer Akten können die Mitglieder des Betriebsrates unter anderem belegen, dass früher viele Überstunden geleistet wurden. Sie weisen Anschuldungen des Firmenchefs zurück. Das Foto zeigt von links: Frank Keßler, Jens Öser (IG Metall), Edgar Schneider, Arthur Zimmermann, Wolfgang Beudert und Dieter Stiller. Thomas Malz

Jens Öser von der IG Metall Schweinfurt formuliert es so: "Wir werden weiter für das Unternehmen einstehen und dafür werben - egal, wie viel Prügel wir bekommen." Betriebsratsvorsitzender Edgar Schneider ergänzt: "Herr Müller lebt anscheinend in einer anderen Welt als wir. Es besteht aber die Gefahr, dass er durch seine Welt unsere Welt zerstört." So reagieren Gewerkschaft und Betriebsrat auf Vorwürfe, die Firmenchef Wilfried Müller erhoben hat.

Dieser hat in einem Zeitungsartikel den Betriebsrat mitverantwortlich dafür gemacht, dass die Beschäftigungszahl in den letzen Jahren gesunken ist. Zum einen, weil der Betriebsrat per Gerichtsbeschluss freiwillige, bezahlte Überstunden verhindert habe, und sich zum anderen dagegengestellt habe, dass Beschäftigte zwei Maschinen gleichzeitig bedienen. Das bekräftigt er auch noch einmal gegenüber unserer Zeitung. Wilfried Müller bestätigt, dass er REMOG verkaufen will, allerdings unter bestimmten Bedingungen. "Ich suche einen strategischen Investor, der auf diesem Gebiet tätig ist", erläutert er. "Es wäre schön, wenn ich einen hätte", sagt Wilfried Müller auf die Frage, ob er denn schon einen Investor gefunden habe. Immerhin: Es gibt einen Interessenten. "Der will natürlich wissen, wie es weiter geht", sagt der Firmenchef. Deshalb müsse er die Entscheidung des Hauptkunden abwarten. Auf Argumente des Betriebsrates, die seine Anschuldigungen widerlegen sollen, meint er: "Ich sage das Gegenteil."

Der komplette Betriebsrat und Jens Öser von der IG Metall sind aufgrund von Müllers Äußerungen zusammen gekommen, unterstützt von weiteren Arbeitern der Firma REMOG. Edgar Schneider hat schriftliche Stellungnahmen von Mitarbeitern vorliegen, sogar vier Azubis schauen vorbei. Das alles hat vor allem zwei Gründe: Die Akteure wollen die Verbundenheit mit ihrer Firma demonstrieren und vor allem auf die Vorwürfe reagieren, die Wilfried Müller in einem Pressebericht erhoben hat.

"Ich habe in meiner 30-jährigen Gewerkschaftstätigkeit noch nie so einen Arbeitgeber kennengelernt", sagt Jens Öser. Erfreut sei er darüber, dass Firmenchef Wilfried Müller jetzt bekanntgegeben hat, dass er verkaufen will. Denn er wisse, dass auch die Kunden auf eine Regelung der Nachfolge drängen. Immer wieder hat Wilfried Müller schrumpfende Aufträge dafür verantwortlich gemacht, dass immer mehr Stellen abgebaut wurden und nun auch den Betriebsrat als Mitschuldigen auserkohren. "Alle anderen sind Schuld, nur er nicht", sagt Jens Öser. Dabei sei die Belegschaft in die Öffentlichkeit gegangen, habe Werbung für das Unternehmen gemacht. "Er hat so eine tolle Belegschaft", lobt der Gewerkschafter. Und in der Firma werde hervorragende Arbeit geleistet. Jens Öser verweist auf den Boom in der Metall- und Elektroindustrie. Er ist sich sicher, dass davon auch REMOG profitieren könnte - wenn es nur richtig angegangen werden würde.

"Das macht mürbe, dieses ewige Hin und Her", gesteht Betriebsratsvorsitzender Edgar Schneider. "Die Leute sind fertig." Am Freitag hat sich wieder einmal ein Kollege verabschiedet, er hat etwas anderes gefunden. Wie viele vor ihm. Mehrfach hatte es in den letzten Jahren Kurzarbeit gegeben. Heute hat REMOG gerade noch 81 Mitarbeiter. In Spitzenzeiten waren es über 300. "Wir wollen das Unternehmen nicht aufgeben", betont aber Jens Öser. Christian Getmann, der von den Auszubildenden der Firma zu ihrem Sprecher gewählt wurde, will auch, dass es weiter geht, dass zumindest auch die Azubis des ersten Lehrjahres ihre Lehre fertig machen. Eine Übernahme danach wäre noch besser. Die Auszubildenden betonen, dass es ihnen Spaß macht, dass sie viel lernen und die Arbeitsatmosphäre unter den Kollegen sehr gut sei. Sie möchten eine Zukunftsperspektive.

20 Prozent unter Tarif werden die Arbeiter inzwischen bezahlt, früher seien es einmal zehn Prozent über Tarif gewesen, auch die Kurzarbeit habe der Betriebsrat hingenommen. Die jetzt erhobenen Vorwürfe weisen die Betriebsräte aber entschieden zurück.Sie bestätigen, dass der Betriebsrat im Jahr 1997 einen Antrag auf einstweilige Verfügung wegen der Überstunden gestellt hat. Einen Gerichtsbeschluss kennen sie nicht. Hintergrund sei, dass von Mai bis August jede Schicht eine Stunde länger gearbeitet worden sei und an Samstagen. Um eine zu große gesundheitliche Belastung der Belegschaft zu verhindern, sollten dann ab September in der Woche keine Überstunden mehr geleistet werden. Diese habe Wilfried Müller aber erneut angewiesen. Dagegen hat sich der Betriebsrat gewehrt und auf eine Betriebsvereinbarung verwiesen, die im April geschlossen worden war. An Samstagen und vereinzelt in der Woche seien aber auch weiterhin Überstunden geleistet worden, auch im Jahr 1998, betont Edgar Schneider. Das bestreitet der Firmenchef: "Ich sage das Gegenteil." Das Urteil sei nicht zeitlich befristet gewesen. Deshalb habe er ja ein neues Werk in Schweinfurt gegründet.

Ausdrücklich betonen die Betriebsräte und der Gewerkschafter, dass die Belegschaft nicht dagegen sei, mehrere Maschinen gleichzeitig zu bedienen. Das müsse aber vernünftig geregelt sein, weshalb der Betriebsrat auf sein Mitbestimmungsrecht verwiesen hat. Wenn zwei Maschinen nebeneinander stehen, sei es kein Problem, meint Jens Öser. Wenn aber eine Maschine am einen Ende der Halle stehe, die zweite am anderen Ende sei es schon problematisch. "Da müsste ich erst einen Ausschuss gründen", sagt Wilfried Müller zum geforderten Mitspracherecht des Betriebsrates. Und: "Die Lust habe ich nicht, das zu tun." In anderen Betrieb sei Mehrfachbedienung die Regel.

"Wilfried Müller akzeptiert Mitbestimmung auf Augenhöhe nicht", bemängelt Jens Öser. Selbst die vernünftigsten Vorschläge aus der Belegschaft seien von ihm noch nie akzeptiert worden. "Wir freuen uns auf einen Investor", fasst Edgar Schneider zusammen. "Aber Herr Müller hätte das schon längst geregelt haben können."



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