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Sandberg
Kunsthandwerk

Weiße Pferde aus der Rhön

Um 1900 blühte in Sandberg die Holzschnitzerei. Die Produkte wurden auch nach Übersee exportiert.
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Die "Weißen Pferde aus Sandberg" sind heute noch in Spielzeugmuseen zu bewundern. Foto: Marion Eckert
Die "Weißen Pferde aus Sandberg" sind heute noch in Spielzeugmuseen zu bewundern. Foto: Marion Eckert
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Eigentlich lädt der Rhönklub-Zweigverein Walddörfer jedes Jahr zu einem gemütlichen Erzählnachmittag ein. In diesem Jahr entschieden sich die Verantwortlichen, einen Dia-Vortrag anzubieten. Erstmals wurden die Bilder der 300-Jahr-Feier aus dem Jahr 1991 gezeigt. Auf sehr großes Interesse stieß diese Veranstaltung, denn über 60 Besucher waren in die Pfarrscheune gekommen, um in Erinnerungen zu schwelgen: "Weißt du noch? Wer ist das?" Vor allem um Personen ging es, um das Wiedererkennen: "Wer ist wer? Wer weiß noch, wer dieser oder jener war?" Erinnerungen wurden wach an längst verstorbenen Mitbürger.

150 Bilder hatte Herbert Holzheimer für die Präsentation vorbereitet. Sie wurden von Puis Bühner und Christa Rottenberger kommentiert.

Der zweite Teil des Nachmittags galt den "Weißen Pferden von Sandberg". Herbert Holzheimer hatte Bilder von den ehemals in Sandberg hergestellten Spielzeugpferden mitgebracht und gab einige interessante Informationen zu Sandbergs Schnitzervergangenheit. In Anbetracht dessen, dass derzeit der Ausstellungspavillon zum Projekt "Schnitz-Stand-Ort" entsteht, in dem die Geschichte der Sandberger Schnitzerei ausführlich dargestellt werden wird, passte das Thema gut zu einer kulturellen Rhönklub-Veranstaltung.

Den Schwerpunkt seines Vortrags legte Herbert Holzheimer auf eine Dokumentation von Hilla Schütze, Bad Kissingen, in deren Sammlung sich eine Kutsche aus Peddigrohr, gezogen von einem kunstvoll geschnitzten Holzpferd befindet. Ein Kinderfoto zeigt ihren Vater im Garten beim Spiel mit dieser Kutsche. Auch wenn die zwei Trachtenpüppchen, die dieses alte Foto von 1912 zeigt, verloren gegangen sind, hat, so Holzheimer, "die Kutsche zwei Weltkriege überlebt und ist das wohl schönste Stück der Sammlung von Hilla Schütze."

Mit Medaillen prämiert

Langwieriger Recherchen habe es bedurft, um herauszufinden, dass dieses schöne Spielzeug in der Rhön, in Sandberg entstanden ist. Dabei entdeckte Hilla Schütze, dass Sandberg drei Jahrzehnte lang ein Zentrum der Herstellung schönster Spielwaren war, die mehrfach mit Medaillen bei großen Ausstellungen prämiert wurden. Die Sandberger Erzeugnisse wurden bis nach Amerika und China verschifft.

Zu verdanken hatten die Sandberger Schnitzerfamilien Lohn und Brot über so viele Jahre hinweg dem Bad Kissinger Spielwarenfabrikanten und Händler Friedrich Meinel, der in Sandberg eine Holzschnitzschule gründete. Fünf Jahre nach Gründung der Holzschnitzschule wurde Meinel bei der 1. Bayerischen Landes-Industrie-Gewerbe- und Kunstausstellung in Nürnberg mit einer großen Bronzemedaille ausgezeichnet für "eine reiche Sammlung preiswürdiger, in Holz geschnitzter Pferde, zu Spielzeug bestimmt."

Weltausstellung in Brüssel

1888 beteiligte sich Meinel mit seinen Spielwaren aus der Holzschnitzschule Sandberg an der Weltausstellung in Brüssel. Die Presse berichtete damals über die "wirklich Kunstsinn verrathenden Holzthiere". Als Spezialität werden die "weißen Natura-Holzpferde" in allen Größen beschrieben, die sich durch "die natürliche edle Haltung und die Mannigfaltigkeit der Stellung auszeichnen und mit hübschem Lackleder-Riemenzeug ausstaffiert sind". In einer zeitgenössischen Beschreibung werden "die weißen, sehr hübsch modellierten Pferde aus der Rhön" hervorgehoben.

Weitere Medaillen bekam Julius Meinel in den folgenden Jahren. Der Versand der Spielwaren erfolgte in alle Welt, und zwar "prompt und billigst", wie der Katalog verspricht. In mehrsprachigen Anzeigen wurde für die Spielwaren geworben. Die Tiere wurden bei weiteren Prämierungen mit dem "Ausdruck lebhafter Bewegung und geglückter Charakeristik" beschrieben.

Gipfelpunkt und Niedergang

Doch nicht nur die weißen Pferde wurden hergestellt, eine ganze Menagerie an Tieren kam aus Sandberg: Lämmer und Wölfe, Elefanten und Kamele, Katzen, Löwen und Hunde. In Heimarbeit wurden die Sandberger Familien beschäftigt. "Die weißen Holzpferde von Meinel haben den Ruf des Rhöner Landes in ferne Welten getragen", schrieb die Presse 1986.

Um 1908 verdiente ein Sandberger Schnitzer für die Herstellung von einem Dutzend Pferdchen, angefertigt in zwölf Stunden Arbeitszeit, 3,25 Mark, an den größeren Pferdchen wurden ebenfalls im Dutzend 3,70 und 4,60 Mark verdient.

1911 starb Meinel überraschend. Die wirtschaftlich inzwischen von Meinel abhängigen Sandberger Schnitzer wurden arbeitslos, mussten ihr Angebot an Schnitzereien verändern und den Absatz ihrer Erzeugnisse wieder selbst in die Hand nehmen. Zwei Jahre später führt eine Statistik im Dorf Sandberg nur noch sechs Holzschnitzerei-Heimarbeiter auf. "Es ist ein Stück Sandberger Geschichte, die lange Zeit schon fast vergessen war und nun im Ausstellungspavillon für die Nachwelt erhalten wird", betonten Herbert Holzheimer und Rhönklub-Vorsitzender Claus Kleinhenz.

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