Bad Kissingen
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Warum es mit Bad Kissingens Neuer Altstadt so lange dauert

Sind Schadstoffe im Grundwasser der Grund für die Verzögerungen beim Projekt Neue Altstadt? Nein, sagen Wasserwirtschaftsamt, Landkreis und Stadt.
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Blick auf die Kanalisation in der Kissinger Altstadt. Leichtflüchtige halogenierte Kohlenwasserstoffe sind ein Problem bei der geplanten Sanierung. Der Grund für die Verzögerung des Gesamtprojekts Neue Altstadt sind sie nach Einschätzung von Wasserwirtschaftsamtschef Leonhard Rosentritt aber nicht.  Foto: Siegfried Farkas
Blick auf die Kanalisation in der Kissinger Altstadt. Leichtflüchtige halogenierte Kohlenwasserstoffe sind ein Problem bei der geplanten Sanierung. Der Grund für die Verzögerung des Gesamtprojekts Neue Altstadt sind sie nach Einschätzung von Wasserwirtschaftsamtschef Leonhard Rosentritt aber nicht. Foto: Siegfried Farkas

Viele Kissinger fragen sich, warum es mit der so genannten Neuen Altstadt so lange dauert. Mit den Planungen für die Kanalsanierung in der Altstadt und die Neugestaltung der Fußgängerzone begonnen hat die Stadt schon vor rund zehn Jahren. Der Plattenbelag war fast schon ausgesucht. Seit einer Weile aber reiht sich Untersuchung an Untersuchung. Dabei wächst mit jeder Meldung über den nächsten Blick in den Untergrund das Gefühl, dass sich der Beginn des Projekts immer weiter hinausschiebt.

Sensibles Thema

Ein zumindest für die Öffentlichkeit neuer Erklärungsansatz macht seit ein paar Wochen die Runde in Bad Kissingen. Als Hinterlassenschaft einer ehemaligen chemischen Reinigung an der südlichen Ecke des Altstadtkarrees und der ehemaligen US-Kaserne, hieß es da, fänden sich Schadstoffe im Untergrund, die das Projekt Neue Altstadt noch komplizierter machen, als es ohnehin ist. Dabei gehe es um Leichtflüchtige halogenierte Kohlenwasserstoffe (LHKW). Besonders im Fokus stehen Trichlorethylen und Tetrachlorethylen. Wegen ihrer Leistungsfähigkeit als Fettlöser wurden diese Mittel oftmals in chemischen Reinigungen eingesetzt. Und eben auch an Panzerwaschanlagen in Kasernen. Die Sensibilität für das Thema muss hoch sein im Rathaus. Aus dem Stadtrat ist von der Forderung des Oberbürgermeisters zu hören, keine Indiskretionen über die Schadstoffbelastung nach draußen zu tragen. Auf eine kurze Anfrage dieser Redaktion bei der Pressestelle, kam dann aber ungewöhnlich schnell die Einladung zu einer Pressekonferenz wegen "aktueller Erkenntnisse aus Untersuchungen im Rahmen des Projektes Neue Altstadt". Und diese Pressekonferenz war am Dienstag mit OB Kay Blankenburg, Landrat Thomas Bold, Kurdirektorin Sylvie Thormann und Leonhard Rosentritt, dem Leiter des Wasserwirtschaftsamtes, auch noch ungewöhnlich prominent besetzt.

Blankenburg begründete bei dem Termin die Forderung an die Stadträte, sich zurückzuhalten, mit "dem Wunsch, das kontrolliert zu kommunizieren". Für eine Kurstadt wie Bad Kissingen könne schließlich schon die bloße Erwähnung von Schadstoffproblemen im Zusammenhang mit Heilquellen schädlich sein. Dabei gehe es im konkreten Fall um Grundwasser, "nicht um Heilwasser" und "nicht um Trinkwasser".

Inhaltlich mochten Blankenburg, Bold und Rosentritt akute Probleme mit den beschriebenen Schadstoffen in der Pressekonferenz auch gar nicht bestätigen. Blankenburg räumte zwar ein, dass die Konzentration der Schadstoffe "um das Baufeld herum" schon etwas Neues sei. Rosentritt aber erklärte, die Probleme mit den Hinterlassenschaften der Reinigung und der US-Armee seien schon lange bekannt. Dagegen werde auch seit Jahrzehnten etwas getan. Und Bold ergänzte, ähnliche Probleme gebe es in der ganzen Republik. Im Vergleich stelle die Belastung im Bereich der ehemaligen Tierkörperbeseitigungsanlage (TBA) Münnerstadt sogar ein Vielfaches der Kissinger Belastung dar. Allerdings lag die Münnerstädter TBA auch nicht im Heilquellenschutzgebiet.

Bereits Mitte der Achtzigerjahre, berichtete Rosentritt, sei in der Kissinger Innenstadt ein Pumpschacht gebaut worden, bei dem es zunächst um mikrobiologischen Schutz der Kurgartenquellen ging. Dort habe sich schließlich auch LHKW-Belastung gezeigt. Von der Kaserne her kam weitere Belastung hinzu. Die Konzentrationen seien inzwischen aber "sehr gering".

Dennoch könne man nicht sagen, wie lange das Abpumpen von Grundwasser und Ausfiltern der Schadstoffe noch nötig ist. Im Moment kämen etwa sechs Kilo pro Jahr zusammen. Eine Menge, die nach Bolds Beschreibung weit unter dem Anfall bei der ehemaligen Tierkörperbeseitigungsanlage liegt.

Einfach stärker zu pumpen, wäre nach Rosentritts Dafürhalten nicht die richtige Reaktion. Es sei wichtig. die "sehr diffizile Grundwassersituation" konstant zu halten. So könne auch der bestehende Kanal seine Schutzfunktion weiter entfalten. Wichtig sei Konstanz, weil die Konstellation beim Grundwasser auch Einfluss auf die Zusammensetzung der Kurgartenheilwässer habe. Außerdem wirke sich der Grundwasserstand in der Altstadt auf die Statik der Häuser aus.

Diffizile Grundwassersituation

Der Grund für die Verzögerungen bei der Neuen Altstadt liegt aus Rosentritts Sicht deshalb nicht in der Schadstoffbelastung, sondern in der schwierigen Aufgabe, die besagte "diffizile" Situation im Gleichgewicht zu halten und doch die Erneuerung des irgendwann einmal kaputten Kanals voranzubringen. An die Einhaltung des früheren Ziels, Ende 2019/Anfang 2020 zu beginnen, sei vor diesem Hintergrund nicht zu denken, sagt Blankenburg.

Ein Problem liegt für die Stadt auch in der Finanzierung des durch den Heilwasserschutz deutlich erhöhten Aufwands für die Kanalsanierung. "Die Stadt sieht sich nicht in der Pflicht, die Gesamtkosten allein zu tragen", erklärte der Oberbürgermeister am Dienstag. "Da sind wir auf staatliche Hilfe angewiesen." Siegfried Farkas

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